Dr. phil. Paul Natterer

Vorbemerkungen zum Begriff des Studium generale

Das Ziel eines hochschulintegrierten Studium generale besteht darin, Studierende als problemorientiert denkende, verantwortungsbewusste Absolventen zu entlassen. Konkret beinhaltet dies diese Teilziele: Bereitschaft zu Interdisziplinarität  Verantwortung für das fachliche Tun — Philosophisches und speziell ethisches Wissen — Sozialwissenschaftliche Kompetenz für nachhaltiges Handeln. Nachhaltigkeit, Gemeinwohlverantwortung, Transdisziplinarität sind aber nicht nur hochschulinterne strategische Zielvorgaben, sondern der politische Wille und das „Leitprinzip der Bundesregierung” Deutschlands und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. So sagt das Rahmenprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) für eine zukunftsfähige innovative Gesellschaft 2006:

Als Schnittstellen zwischen Forschung, Bildung und Innovation haben die Hochschulen eine Schlüsselrolle für eine am Leitbild der Nachhaltigkeit orientierten Wirtschaft und Gesellschaft. Nachhaltige Entwicklung stellt neue Anforderungen an die strategische Entwicklung von Hochschulen, die einen ganzheitlichen Ansatz erfordern [...] Gefragt ist eine umfassende Handlungskompetenz, die Systemverständnis sowie die Fähigkeit zur inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit einschließt.”

Ähnliche strategische Zielvorgaben wurden und werden auch in den anderen europäischen Staaten formuliert (siehe in Folge). Wie diese Vorgaben hochschulpolitisch umgesetzt werden sollen und können, zeigt z.B. der „Arbeitskreis Studium generale Sachsen” der neun sächsischen Hochschulen. Die „Gemeinsame Präambel der Sächsischen Hochschulen für das Studium generale“ gibt diese Eckwerte vor:
„Das Studium generale [...] genießt [...] den besonderen Schutz des Grundgesetzes. Das Studium generale erfüllt in besonderer Weise den Bildungsauftrag der Hochschulen, wobei die intellektuelle Auseinandersetzung eine wichtige Grundlage des Lehrens und Lernens sowie der Forschung ist. Es bietet einen Zugang zu einer produktiven Streitkultur und Kommunikationsfähigkeit sowie zu fachübergreifendem Denken und Arbeiten [...] Das Studium generale ist im Spannungsfeld zwischen Lehre, Forschung und Gesellschaft angesiedelt und beschäftigt sich mit komplexen, fachübergreifenden Themen. Dabei zielt es vor allem auf (i) die Erweiterung des Fachwissens durch Vernetzung und Grenzüberschreitung von Wissensgebieten, (ii) die Vermittlung historischer und zukunftsbezogener Sichtweisen, (iii) die Vermittlung reflektierender und intellektueller Analysen, (iv) die Entwicklung und Förderung von sozialer, kultureller und ethischer Kompetenz u.a.”

Das vorliegende Menu bietet einen alternativen Ansatz für die Umsetzung des Studium generale an Universitäten und anwendungsorientierten Hochschulen, aber auch in Form von Fortbildungs-Seminaren. Zu Motivation und Zielsetzung dieses Ansatzes siehe die Abschnitte in Folge. Der Ansatz greift auf ein von mir 2004/05 entwickeltes Seminartraining „Bildungsmanagement” (novum studium generale, Frankfurt am Main) zurück. An der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) habe ich im September 2009 eine vorläufige Fassung im Rahmen der Organisation des „Hochschulzentrums für transdisziplinäres Wissen, Karriereplanung und Coaching” vorgestellt.

Ziel und Weg eines Studium generale

Eine erste Perspektive auf die Idee eines Studium generale bietet dessen Definition: „Studium generale (lat.), General- (allgemein-) Studium. 1) im MA die Universität als eine für alle Nationen bestimmte Hochschule [= universitas litterarum/universelle Bildungsstätten] 2) Vorlesungen und Kolloquien allgemeinbildender Art für Studenten aller Fachbereiche [= moderne Bedeutung seit 1945]” (dtv-Brockhaus-Lexikon 1988). Universität Bologna SiegelDas Menu knüpft einerseits an die ursprüngliche Gründungsidee der studia generalia an, d.h. universelle Bildungsstätten; andererseits an den modernen Bedeutungsgehalt eines integrierten allgemeinbildenden Studiums. In dieser Bedeutung ist das studium generale ein zentraler Programmpunkt der ersten Nachkriegs-Hochschulreform in Deutschland (1950er Jahre), der sich zunächst jedoch nur an der 1947 wiedergegründeten Mainzer Universität durchsetzte. Im letzten Jahrzehnt wurde das Konzept jedoch — im Zusammenhang der Debatte um Nachhaltigkeit, Gemeinwohlverantwortung, und Transdisziplinarität — zur strategischen Zielvorgabe der Hochschulen, hinter welcher der politische Wille steht (s.o.) [Bild oben: Siegel der Universität Bologna, die mit dem Gründungsdatum 1088 als älteste Universität der Welt gilt. 1158 verlieh der Stauferkaiser Friedrich Barbarossa der zum Heiligen Römischen Reich gehörenden Hochschule die rechtliche Autonomie und 1219 approbierte Papst Honorius III. ihre Promotionsordnung].

Vieles spricht dafür, dass die überdurchschnittliche Attraktivität und Leistungsfähigkeit sowohl des deutschen humboldtschen Bildungswesens im 19. und frühen 20. Jh. als auch der angelsächsischen Studienkultur seit Mitte des 20. Jh. auf weiterbestehenden Traditionen des studium generale beruht[e], die ansonsten in den kontinentalen Traditionsbrüchen von der napoleonischen Epoche bis zur 68er Ära aufgegeben wurde: „Deutsche Bildungspolitiker berufen sich gerne auf das anglo-amerikanische Universitätssystem als großes Vorbild. Es lohnt sich daher, einen näheren Blick darauf zu werfen. In anspruchsvollen anglo-amerikanischen Bachelor-Studiengängen geht es darum, intellektuelle Disziplin zu fördern, nicht, zumindest nicht in erster Linie, auf eine spätere berufliche oder fachliche Karriere vorzubereiten [...] An den ‚Elite-Universitäten’ in den USA steht im Undergraduate-Bereich [...] nicht praktisch verwertbares Wissen ..., sondern ‚freies’ Wissen und formale Bildung [im Vordergrund] Die ‚liberal education’, historische Nachfolgerin der mittelalterlichen ‚artes liberales’, der ‚freien Künste’, ist in einem dreifachen Sinne eine „freie” Erziehung: frei von vorgeschriebenem Standardwissen, frei vom Marktdruck unmittelbarer Verwendbarkeit und frei für die Bedürfnisse des Individuums. Es ist nachgerade die Distanz der Zielsetzung gegenüber kurzfristigen ‚Markterfordernissen’ seitens der englischen und US-amerikanischen Ausbildungsziele auf der Undergraduate Ebene, welche einer der Gründe für den Erfolg dieser Universitäten ist [Es] wird die seit der Antike bestehende Einsicht verwirklicht, dass der Terminus ‚wissenschaftlich‘ in erster Linie ... das Können meint, sich selbständig und anspruchsvoll mit Fragen und Problemen zu befassen.” (Professor Jan Beckmann: Zur Zukunftsfähigkeit des deutschen Universitätssystems [Vortrag 13.12.2007 an der Fern-Universität Hagen, auch unter www.information-philosophie.de])

Allerdings urteilt der angesehene Moralphilosoph Alasdair MacIntyre, dass inzwischen auch in den USA "even the best of ... universities" die liberal education aufgegeben haben und deswegen streng genommen die Idee der Universität nicht mehr verwirklichen. Die Studienpläne böten eine bloße "collection of bits and pieces, a specialist’s grasp of this, a semispecialist’s partial understanding of that, an introductory survey of something else [...] The question of how these bits and pieces might ... contribute to some whole [...] goes unanswered" (The End of Education: The Fragmentation of the American University. In: Metanexus, 20.03.2007). MacIntyre schlug deswegen eine Reform des universitären Lehrplans vor, unter der Leitidee eines dreijährigen integrierten Studium generale vor einer ev. wissenschaftlichen Spezialisierung. Seine Skepsis hinsichtlich der Umsetzung hat sich allerdings bewahrheitet: Wer die Studien-Curricula am MIT, in Harvard, Yale etc. ansieht, wird sie in weltbildrelevanten Fächern unverändert als eine "collection of bits and pieces" wahrnehmen. Das alles bestätigt, dass die Eigengesetzlichkeit und systemimmanente Trägheit eines durch langjährige Defizite gezeichneten institutionellen Umfeldes erfahrungsgemäß weder von innen heraus noch von außen her wesentlich beeinflusst werden können, sondern nur durch neue aktive Entwicklungszentren an den Rändern des betreffenden Sozialsystems. In dieser Richtung ist auch das Selbstverständnis dieses E-Portals zum Studium generale einzuordnen.   

Bei einem Studium generale geht es erstrangig um eine kognitive Architektur und ein ethisches Koordinatensystem für vernetztes ganzheitliches Wissen. Die vorzustellende Konzeption geht von der These aus, dass die kantische Kritische Philosophie die leistungsfähigste kognitive Architektur der Neuzeit ist, die alle interessierenden Ebenen, Gegenstände und Gesichtspunkte unterscheidet und einbezieht. Deswegen bietet sie sich als Rahmen und Plattform einer vereinheitlichten Theorie der Kognition und Erfahrung an. Analoges gilt von der kantischen Handlungstheorie und Ethik: „Kants philosophisches Gesamtkonzept erweist sich trotz vieler kritischer Gesichtspunkte, die an es heranzutragen sind ... als eine philosophische Leistung von kaum mehr erreichter Geschlossenheit und [...] ist auch für die heutige Generation Maßstab und Aufgabe des Denkens.” (Baumgartner: Kants Kritik der reinen Vernunft” Freiburg/München 1991, 11, 146) Den „systematische[n] Anspruch” dieser Architektur auf der Ebene der Grundlagenforschung in einem konsequent interdisziplinären Ansatz herauszuarbeiten, war Ziel meines Systematischen Kommentars zur Kritik der reinen Vernunft. Interdisziplinäre Bilanz der Kantforschung seit 1945 [Kantstudien-Ergänzungsheft 141, hrsg. im Auftrag der Kant-Gesellschaft. Berlin/New York: Walter de Gruyter 2003. XX + 826 S.]. Unsere These ist dabei nicht, dass das kantische Werk resp. die kantische Theorie nach Umfang und Gründlichkeit anderen Ansätzen notwendig überlegen ist. Sie ist es oft im Einzelnen nicht, wie sie auch nicht die Logik, Wissenschaftstheorie und Metaphysik der Tradition pauschal entwertet, die sie fortsetzt.

Der Weg zu dem so formulierten Ziel ergibt sich aus den Antworten auf folgende Fragen: Wo ist der Ort und was ist die Stellung des Studium generale im Bereich der fachübergreifenden sog. Schlüsselkompetenzen? Wie definiert sich Persönlichkeitskompetenz? Wie hängt Persönlichkeitskompetenz mit Fachkompetenz und Berufskompetenz zusammen? Wie können Ethik und Nachhaltigkeit als Maßstäbe oder Regeln setzende Prinzipien gesehen werden? Wie können wir diese Regeln erkennen und handhaben? Wir haben damit eine Liste zentraler Begriffe und Postulate wie „Persönlichkeitskompetenz” — „Schlüsselkompetenzen” — „Ethik” — „Nachhaltigkeit” — „Interdisziplinarität” — „Praktische Umsetzung in Lehre und Forschung” — „Praktische Umsetzung in der Berufspraxis”. Hierzu zunächst das folgende Schaubild zu grundlegenden Begriffen und Zusammenhängen. Es erlaubt uns, diese einordnen und verstehen zu können:

Erläuterungen und Eckdaten zu grundlegenden Begriffen

Die folgenden kurzen Erläuterungen und ergänzenden Zitate beziehen sich auf die zentralen Begriffe in dem oben eingerückten Schaubild. Man unterscheidet demnach in Bildung und Beruf drei große Kompetenzfelder: Persönlichkeitskompetenz — Fachkompetenz — Berufskompetenz. Im Zusammenhang des Studium generale interessiert nun besonders die Persönlichkeitskompetenz, welche sowohl inhaltliche Schlüsselqualifikationen umfasst: Prinzipienkompetenz, und andererseits formale Schlüsselqualifikationen: Methodenkompetenz i.w.S. Letztere, formale Schlüsselqualifikationen sind:

(i) Methodenkompetenz i.e.S., d.h. Logisch-analytisches Denken — Wissenschaftliches Arbeiten — Rhetorik & Argumentation;

(ii) Selbstkompetenz, d.h. Motivation — Leistungsbereitschaft — Zeitmanagement — Zuverlässigkeit;

(iii) Sozialkompetenz, d.h. Kooperations- & Kommunikationsfähigkeit — Emotionale Intelligenz — Führungskompetenz;

(iv) Organisations- und Managementkompetenz, d.h. Grundlagen BWL — Existenzgründung / Businessplan — Nachhaltigkeitsmanagement.

Das Studium generale zielt nun andererseits genau auf die ersteren inhaltlichen Schlüsselqualifikationen ab oder auf Prinzipienkompetenz. Dazu zählt

(i) Bildungswissen, d.h. die Vermittlung eines mentalen Koordinatensystems durch strukturiertes interdisziplinäres Orientierungswissen;

(ii) Philosophie, d.h. ganzheitlich reflektiertes Orientierungswissen als Bedingung von Sinn;

(iii) Ethik, d.h. Prinzipien, Faktoren und Ebenen der praktischen Philosophie und moralischen Handelns;

(iv) Unternehmerische Gemeinwohlverantwortung, d.h. einmal — in institutioneller Hinsicht — die so genannte Corporate social responsibility (CSR) plus — in individueller Hinsicht — das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns. Beides definiert die ethische Basis von BWL/VWL als Ausrichtung an sozialer/wirtschaftlicher/ökologischer Nachhaltigkeit.

Persönlichkeitskompetenz

Wir haben gesehen: Das Studium generale zielt auf Persönlichkeitskompetenz. Das erheblichste Ausbildungsdefizit ist nun gegenwärtig genau der Mangel an Persönlichkeitskompetenz: „Häufig scheitern Neueinstellungen an der Persönlichkeit des Kandidaten — so äußerten sich jedenfalls 50 Prozent der im Rahmen einer Kienbaum-Studie befragten Personaler. Defizite zeigen sich auch auf den Ebenen Sozialkompetenz (48 Prozent), Leistungsmotivation und Analysevermögen (jeweils 21 Prozent). Den Ausbildungsstand sehen hingegen nur 14 Prozent der Befragten als Einstellungshindernis.” (Kienbaum Studie: Bewerbern fehlt Persönlichkeit. ChannelPartner 25.10.2006)

Claus Otto Scharmer [Gründer des Emerging Leaders for Innovations Across Sectors Programme (ELIAS) an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology (MIT)]: „In allen Unternehmen ist das Gleiche anzutreffen: ein Hunger nach besseren Methoden und Praktiken, in denen Führungskräfte ihr Selbstwissen verbessern und vertiefen können. Die Leadership Challenges unserer Zeit erfordern daher authentischere Führungskräfte. Was wir brauchen, ist [...] eine tiefere Quelle des Wissens.“ (Presencing. Die Vergangenheit hinter sich lassen und das Neue erspüren. business-wissen.de / 13.01.2009)

P. Courtice, Direktor des University of Cambridge Programme for Sustainability Leadership (CPSL): “Achieving sustainability is the preeminent challenge of our time and outstanding leadership will be crucial if we are going to meet this challenge successfully.“

Welchen Herausforderungen Persönlichkeitskompetenz in der Gegenwart gegenübersteht, zeigt in satirischer Form das Erfolgsbuch Michael Klonovskys: Der Held - ein Nachruf, München: Diederichs 2011. Der Atheist Klonovsky sieht dabei in Sachen Persönlichkeitskompetenz eine Lebensaufgabe darin, gläubig zu werden. Analog ist die These des bekannten amerikanischen Autors, von dem meine Kollegin an der Kant-Forschungsstelle der Universität Mainz einmal berichtete: Ein Mann wird nur zum Mann, wenn er sich Gott stellt.

Auch in Deutschland ist die zentrale These der Soziologin, Publizistin und jahrzehntelangen Exponentin der 68er Generation für spirituelle Sinnsuche Gabriele Kuby [Foto links]: Gabriele KubyPersönlichkeitskompetenz hat Glauben und Ethik (Tugend) zur Voraussetzung. Die Tochter des Autors und Journalisten Erich Kuby (SZ, STERN, SPIEGEL) und Nichte des Physikers Werner Heisenberg schrieb 2012 dazu ein programmatisches Grundbuch: Die globale sexuelle Revolution. Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit. Wie bereits 1971 ihr Onkel, der deutsch-britische Nationalökonom und Vordenker des Nachhaltigkeitskonzeptes, Ernst Friedrich Schumacher, war sie 1996 zum römisch-katholischen Glauben konvertiert.

Bildungswissen

Persönlichkeitskompetenz entsteht durch Ausbildung der Schlüsselqualifikationen. Dabei sind die inhaltlichen Schlüsselqualifikationen, welche wir Prinzipienkompetenz nennen, noch wichtiger als die formalen Schlüsselqualifikationen. Damit liegt Sinn und Notwendigkeit von Bildungswissen als Basis inhaltlicher Persönlichkeitskompetenz auf der Hand. Dazu einführend das Folgende: „Die durch naturwissenschaftliches Denken erfaßbare, oder allgemeiner: die durch wissenschaftliche Methoden beschreibbare Wirklichkeit [stellt] nicht die eigentliche, die ganze Wirklichkeit dar [...] Die quantitative Beschreibung, d.h. [...] die Möglichkeit, bei der Formulierung von Aussagen und Verknüpfungen die Mathematik zu verwenden, hängt genau mit der Möglichkeit zusammen, von den Inhalten der Dinge, also dem 'was', ganz abzusehen und sich allein auf ... das 'wie' zu konzentrieren [...] Insbesondere ist das durch dieses Denken erzeugte Abbild der Wirklichkeit wertfrei und nicht sinnbehaftet, da es bei seiner Konstruktion aus dem ganzheitlichen Sinnzusammenhang der eigentlichen Wirklichkeit herausgelöst wurde.“ (Hans-Peter Dürr [Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in München (bis 1997), der bekannteste Vordenker einer interdisziplinären, philosophischen und ethischen Einordnung der Physik, Gründer und Vorstand des Global Challenges Network e.V., Alternativer Nobelpreis, + 18.05.2014]: Das Netz des Physikers. Naturwissenschaftliche Erkenntnis in der Verantwortung, München 2000, 26)

Einen ergänzenden Aspekt bringt die Forderung nach Transdisziplinarität oder integrativer Forschung ins Spiel. Sie ist ein methodischer Ansatz, der theoretisches, wissenschaftliches Wissen und anwendungsorientiertes praktisches Wissen verknüpft, um am Gemeinwohl orientierte praktische Problemlösungen zu erarbeiten: „Nachhaltigkeitsforschung ist mit ihrem systembezogenen Anspruch typischerweise sparten-, disziplinen- und ressortübergreifend angelegt [...] Dazu sind sowohl Orientierungs- als auch Handlungswissen erforderlich“ (Forschung für die Nachhaltigkeit – Rahmenprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) für eine zukunftsfähige innovative Gesellschaft (2006)). Vgl. Balsiger, Ph. W.: Transdisziplinarität. Systematisch-vergleichende Untersuchung disziplinübergreifender Wissenschaftspraxis. München/Paderborn 2005; Hirsch Hadorn, G./Pohl, Ch.: Gestaltungsprinzipien für die transdisziplinäre Forschung, München 2006.

Siehe dazu auch H.-P. Dürr/J. D. Dahm/R. zur Lippe: Potsdamer Manifest 2005:We have to learn to think in a new way. Die[se] vielfältigen Krisen, mit denen wir heute konfrontiert sind und die uns zu überfordern drohen, sind [...] Symptome tiefer liegender Ursachen, die wir bisher versäumten zu hinterfragen und aufzudecken. Sie hängen eng mit unserem weltweit favorisierten materialistisch-mechanistischen Weltbild und seiner Vorgeschichte zusammen.“

Philosophie

Ein echtes Studium generale ist ohne Philosophie nicht denkbar. Eine der besten Begründungen hierfür stammt von Thomas Nagel: „Das rationale Denken ... das logische, empirische [wissenschaftliche] und praktische [ethische] Denken ... kann ... nicht bloß als ein psychologisches oder soziales Phänomen aufgefaßt werden [...] Sofern wir überhaupt denken, müssen wir uns selbst — individuell wie kollektiv — als Wesen begreifen, die die Ordnung der Vernunftgründe nicht erschaffen, sondern ihr unterworfen sind“ — „Die Vernunft ist das, was wir ... gebrauchen müssen, um überhaupt etwas zu verstehen, einschließlich der Vernunft selbst“ (Thomas Nagel: Das letzte Wort [The Last Word], Stuttgart 1998 [Oxford 1997], 41, 189, 201, 210).

Das heute politisch gewollte ganzheitliche nachhaltige Forschen und Denken ist in der Wissenschaftstheorie der Tradition Prinzipienkompetenz oder Weisheit [sophia, sapientia]: optimierte Erkenntnisdisposition des begriffsbildenden Intellekts [nous, intellectus] betreffs Induktion [epagoge, inquisitio] und Identifizierung [noesis, intelligentia] der inhaltlichen Axiome der Wissenschaft (= Ursachen: Substanzen bzw. deren Definitionen als empirische und begriffliche Ganzheiten).

(Einzel-) Wissenschaften [epistemata, scientiae] sind nach dieser Tradition hingegen optimierte Erkenntnisdispositionen des urteilenden Verstandes [dianoia, ratio] betreffs begrifflicher und empirischer Ableitungen [synthesis, deductio] von Theoremen bzgl. stabiler Eigenschaften und Relationen aus den Prinzipien alias Ursachen/Substanzen. Technik [techne, ars] schließlich ist optimierte Erkenntnisdisposition des Verstandes [dianoia, ratio] und der konkreten Vernunft [doxa, vis cogitativa] betreffs Mittelableitung der technischen Vernunft [poiesis, ars]. (Aristoteles: Wissenschaftstheorie der Zweiten Analytiken / Thomas Aquinas: Kommentar zu den Zweiten Analytiken)

Ethik

Auch die ethische Dimension eines Studium generale liegt auf der Hand: „Der Mensch richtet sein Handeln nach Sinn aus, so dass Leistung geschieht, wo und wann Sinn entsteht. Sinn ist an Werte gekoppelt [...] Aktives Nachhaltigkeitsengagement thematisiert das Bedürfnis nach Sinn“ (Bundesministerium für Umwelt. Broschüre: Nachhaltigkeit braucht Führung, 7, 9).

Glänzend formuliert hat dies Hermann Hesse: Im 19. und 20. Jh. „wurde ... die Erfahrung gemacht, dass wenige Generationen einer laxen und gewissenlosen Geisteszucht genügt hatten, auch das praktische Leben ganz empfindlich zu schädigen [...], dass auch die Außenseite der Zivilisation, die Technik, die Industrie, der Handel usw. der gemeinsamen Grundlage einer geistigen Moral... bedürfen.“ (Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel, Einleitung)

Vgl. die einschlägige Stellungnahme des Aristoteles: „Was dem hochwertigen Menschen wertvoll und lustvoll ist, ist wertvoll und ist lustvoll: [...] Das glückliche Leben ist ein ethisch hochstehendes Leben. Ein solches aber erfordert Anstrengung und ist kein Spiel.“ (Aristoteles: Nikomachische Ethik, X, 1176 b 24—27; 1177 a 1—3)

Unternehmerische Gemeinwohlverantwortung (CSR)

Nachhaltigkeit und Rechtschaffenheit

Unternehmerische Gemeinwohlverantwortung oder Corporate social responsibility (CSR) wird heute an Hand des Drei-Säulenmodells der Nachhaltigkeit definiert. Nachhaltig wirtschaften heißt, mehrere Ziele im Auge zu behalten: (1) Ökologische Nachhaltigkeit. Das Naturkapital muss erhalten bleiben und nichts darf verspielt werden. (2) Ökonomische Nachhaltigkeit. Es werden Innovationen gebraucht, die es der Wirtschaft ermöglichen, am Standort umwelteffizient zu arbeiten und zugleich am Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. (3) Soziale Nachhaltigkeit. Werte wie soziale Teilhabe, Gerechtigkeit und Vertrauen sollen als soziales Kapital an kommende Generationen weitergegeben werden: Ethik der inter- und intragenerativen Gerechtigkeit.

Dasselbe von psychologischer Seite: "Wirtschaftliches Handeln ohne Werte-Orientierung ist in der Konsequenz und perspektivisch unwirtschaftlich“. Der „ehrbare Kaufmann“ ist ... kein Auslaufmodell, sondern ein Modell mit Zukunft [...] Entscheidungsträger müssten über ihre betriebswirtschaftlichen Kenntnisse hinaus entsprechend qualifiziert werden.“ (Bundes-Geschäftsführer Karl-Otto Hentze, Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) / Fachverband für Psychotherapie und Beratung. Pressemitteilung 04.03.2009: Der ehrbare Kaufmann — ein Zukunftsmodell)

Bundespräsident Horst Köhler (2004—2010, zuvor Direktor des Weltwährungsfonds 2000—2004) hat dazu wie folgt Stellung genommen: „Moral kann man nicht per Gesetz verordnen. Im Grunde wären viele Selbstverpflichtungen und gesetzliche Regelungen überflüssig, wenn jeder sich so vertrauenswürdig verhielte, wie es dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns entspricht [...] Ich denke, dazu gehören auf jeden Fall ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, langfristiges Denken und die Orientierung am Ziel der Nachhaltigkeit. Vor allem aber geht es darum, dass die Führungskräfte in den Unternehmen selbst [...] vorleben, dass Anstand und Aufrichtigkeit eine Bedingung dafür bilden, nachhaltig Werte zu schaffen.“ (Bundespräsident Horst Köhler: Erfolgsgrundlage: Vertrauen, Rede anlässlich der Verleihung des Max-Weber-Preises für Wirtschaftsethik 27.05.2008, Berlin)

Schein und Farce

Horst Köhler erklärte am 31. Mai 2010 den Rücktritt, unmittelbar nachdem der gesetzeswidrige Euro-Rettungsschirm als Auftakt des rechtswidrigen Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) an einem Tag durch Bundestag und Bundesrat gebracht worden war. Hans Olav Henkel (Ex-IBM-Chef Europa/Mittlerer Osten/Afrika und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie 1995—2000) sieht den eigentlichen Grund des aufsehenerregenden Rücktritts darin, dass dadurch Köhlers Einsatz für "Verantwortungsbewusstsein, langfristiges Denken und die Orientierung am Ziel der Nachhaltigkeit" zur Farce geworden und von der EU quasi offiziell korrumpiert worden war: "Nehmen Sie ... den regelwidrigen Kauf der griechischen, portugiesischen, spanischen oder italienischen Papiere. Das sind inzwischen schon mehr als 170 Milliarden Euro [Juni 2013: 700 Mrd Euro], die ... zu dem Rücktritt des damaligen Bundesbankpräsidenten Axel Weber 'aus persönlichen Gründen' und des Chefvolkswirts Axel A. Weber Netzder EZB, Jürgen Stark, 'aus persönlichen Gründen' führte. Übrigens, der Architekt der Brandmauer zwischen dem deutschen Steuerzahler und den Politikern in anderen Ländern, die No-Bailout-Klausel hieß, war Horst Köhler. Er hat das damals unter Finanzminister Theo Waigel gegen entschiedenen Widerstand der Franzosen durchgesetzt und war stolz auf diese Brandmauer. Er hat auch öffentlich erklärt: ... 'Sie brauchen sich keine Sorgen machen. Wir werden niemals für die Schulden anderer in Haftung genommen.' Auch Herr Köhler ist, nachdem die Brandmauer eingestürzt war, 'aus persönlichen Gründen' als Bundespräsident zurückgetreten. [Citizen Times 08.11.2011: Hans-Olaf Henkel im Interview]

Der erwähnte Axel Weber [Foto rechts], Präsident der Deutschen Bundesbank 2004—2011, sollte 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) werden. Er weigerte sich, weil "wir eine gute und starke Regulierung für die Banken brauchen" und mir bewusst war, dass "die Geldpolitik in Europa einen Weg einschlagen würde, der für mich nicht der richtige ist [...] Ich hätte Entscheidungen akzeptieren und den Medien erklären müssen, die in meinen Augen nicht richtig sind" (Interview Die Zeit 52/2013). Er verwirklicht die von ihm als richtig angesehene Linie nun in der Schweiz, als Verwaltungsratspräsident der größten und stärksten Schweizer Bank UBS, des führenden Vermögensverwalters der Welt.  

Rolf von Hohenhau, Präsident des Europäischen Steuerzahlerbundes, zum selben Thema in der offiziellen Erklärung ESM — Rechtliche und wirtschaftliche Analyse: "Mit dem ESM-Vertrag wird unkontrollierbare, politische und finanzielle Macht auf eine kleine Gruppe von Personen (die Euro-Finanzminister und ihre Umgebung) übertragen [...] Der ESM-Vertrag ist eine Verhöhnung und Verspottung des gesunden Menschenverstandes und der europäischen Rechtstradition schlechthin. Mit dem ESM-Vertrag putscht eine kleine Gruppe von Regierenden gegen ihr eigenes Volk." Es ist bekannt, dass ESM sowohl die Volkswirtschaften der EU-Nordschiene mit beschleunigtem Ruin bedroht als auch die ruinierten Volkswirtschaften der EU-Südschiene nicht saniert, da die Transferzahlungen v.a. gefährdetes Risikokapital von Banken und Fonds bedienen. Man will den Bürgern statt den Aktionären die Kosten der Bankverluste aufbürden und parlamentarische Kontrolle wie staatliche Souveränität beenden: "In letzter Konsequenz führt dies zur Abschaffung des Bargelds und zur Entmündigung der Bürger. Das alles dürfte im Chaos enden." (Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank 2006—2012, Interview: "Das alles dürfte im Chaos enden". In: Die Welt 16.02.2016)

Das Beispiel des Bundespräsidenten zeigt, dass dem Lippenbekenntnis zur Ethik der inter- und intragenerativen Gerechtigkeit oder zu Gemeinwohlverantwortung (CSR) seitens Behörden, Banken und Unternehmen Taten folgen müssen. Taten, die Köhler seit der Finanzkrise ab 2007 vorrangig in der Regulierung und „Bändigung“ der Finanzmärkte und des „Finanzkapitalismus“ sah.

Betrüger und Geprellte

In den USA sieht sich Paul C. Roberts, ehem. Vize-Finanzminister (= US-Wirtschaftsminister) und in den 1980er und 1990er Jahren weltweit gefeierter Vordenker der Makroökonomie ("Father of reagonomics"), derselben "Finanzmarkt-Oligarchie" wie Horst Köhler gegenüber: "Die Deregulierung der Finanzmärkte [...] entfesselte Habgier [...] Die Rettungsgelder in gigantischen Größenordnungen [...] wurden auf die Megareichen umgelenkt, deren Gier die Finanzkrise heraufbeschworen hatte. Damit löste sich die Rechtschaffenheit der Politik in Luft auf [...] Trotz der enorm hohen Kosten bleibt das Finanzsystem unreguliert. Sobald Wall Street neue Finanzinstrumente ersonnen und neue Trottel für sie gefunden hat, wird sich das Debakel wiederholen." (Roberts: Wirtschaft am Abgrund. Der Zusammenbruch der Volkswirtschaften und das Scheitern der Globalisierung, Dresden 2012, 22, 40, 104)

Roberts' sehr entschiedenes Urteil zu Euro und ESM ist übrigens: "Ein Land ohne eigene Währung ist kein souveränes Land. Es ist ein Vasallenstaat einer anderen Macht. Ein Land ohne eigene Währung kann nicht seine eigenen Bedürfnisse finanzieren [...] Ein Land ohne eigenes Geld ist machtlos. Es ist eine Nicht-Entität. Wenn die USA nicht ihre eigene Dollarwährung hätte, hätten sie keinen Einfluss und keine Auswirkung auf der Weltbühne. Die EU und der Euro waren Täuschung und Betrügerei. Länder haben ihre Souveränität verloren. So viel zur westlichen 'Selbstbestimmung', "Freiheit', 'Demokratie', alles Schlagwörter ohne Inhalt. Der Westen insgesamt reduziert sich auf die Ausplünderung des Volkes durch das Eine Prozent, das die Regierungen kontrolliert." (Artikel: Freedom, where are you? Not in America and Europe, 25.01.2015) Dies ist das Urteil des Autors von Supply-Side Revolution (Harvard University Press 1984), das der langjährige US-Finanzminister William E. Simon als "einzigartige", "brillante" und "unerreichte Analyse der Wirtschaftspolitik" adelte.

Dieselbe Einsicht bei William L. Mackenzie King, dem Vorsitzenden der Liberal Party und unbestritten bedeutendsten und erfolgreichsten Premierminister Kanadas (1935—1948): "Sobald eine Nation die Kontrolle über ihre Währung und ihr Geld verliert, spielt es keine Rolle mehr, wer ihre Gesetze macht  [...] Solange eine staatliche Kontrolle über Währung und Kreditvergabe nicht wieder hergestellt ist, und die Regierung ihre Geldhoheit nicht als offensichtlichste und höchstrangige Pflicht versteht, bleibt alles Reden über parlamentarische Souveränität und Demokratie eitel und hinfällig [...] Kredit ist eine öffentliche Angelegenheit [...] Es ist Sache eines verantwortlichen Ministeriums, nicht der organisierten Finanz und der internationalen Geldmacht, alle Staatsangelegenheiten zu kontrollieren." (Radioansprache 02.08.1935: Regierungsprogramm, Übersetzung PN) Der Premierminister setzte dieses Regierungsprogramm um mit der Gründung der Nationalbank Bank of Canada. Sie war seit 1935 verantwortlich für Staatsanleihen. Es ist allgemein anerkannt, dass die so gewonnene Finanzhoheit des Staates der kanadischen Nation eine singuläre wirtschaftliche und technologische Blüteperiode mit extrem geringer, ja vernachlässsigbarer Staatsverschuldung verschaffte. Ab 1974 eigneten sich wieder Privatbanken die Kontrolle über Kreditvergabe und Finanzwesen an, und die Staatsverschuldung explodierte von 18 Mrd. Dollar 1974 auf 200 Mrd. Dollar 1985 und 400 Mrd. Dollar im Jahre 1990, verbunden mit Wirtschaftskrisen und staatlichem Autoritätsverlust.

CSR in einem zeitgemäßen Studium generale erfordert mithin finanzwirtschaftliches Grundlagenwissen. Dies umso mehr als führende Vertreter des bestehenden Finanzsystems glauben: "Wir bewegen uns de facto auf eine neue Wirtschaftslehre zu. Annahmen, die lange Zeit als richtig galten, sowie die auf ihnen basierenden theoretischen Schlussfolgerungen sind falsch." (Roberts a.a.O. 2012, 41) Roberts Wirtschaft am Grund ist hierzu eine umfassende Bestandsaufnahme mit Diskussion der aktuellen Literatur. Sie zeigt aber auch, dass das größere Problem nicht theoretische Irrtümer sind, sondern ethisches Versagen und bewusste kriminelle Energie: Richard Bowen, Vizepräsident und Risikomanager der Citibank hat 2006-2007 deren Vorstand und später die Öffentlichkeit informiert, dass 80 % der (Hypotheken-)Kredite der Citybank (= 60 Mrd. Dollar / Jahr) nicht nur leichtfertig, sondern betrügerisch waren, was eine Untersuchungskommission bestätigte. Dies löste nicht zuletzt die weltweite Finanzkrise 2008 aus. Insbesondere geht es Roberts, einem "brillanten" Experten auch für lateinamerikanische und osteuropäische Ökonomie, dessen Veröffentlichungen eine "essentielle Lektüre" sind (Steve Forbes), um den Aufweis, dass der deregulierte globale Freihandel als ökonomisches Hochziel der Gegenwart (siehe TTIP und TPP), ganz anderes anstrebt als vernünftige Freihandelsabkommen in der Vergangenheit. Und sich dafür auf eine Junk Economics stützt, wie es der ebenfalls weltweit angesehene Ökonom Michael Hudson (s.u.) nennt:

"If you understand money you’re not going to be hired by the IMF [= IWF, Weltwährungsfonds]. The precondition for being hired by the IMF is not to understand finance. If you do understand finance, you’re fired and blacklisted. That’s why they impose austerity programs that they call 'stabilization programs' that actually are destabilization programs almost wherever they’re imposed. We have an actively erroneous view, not just a lack of understanding [...] It’s part of the program, not a bug [...]  [...] You use finance to take over countries [...] Everything that the classical economists saw and argued for [...] that’s all rejected in favor of a rentier class evolving into an oligarchy [...] Once you take an economics course you step into brainwashing. It’s an Orwellian world." (Interview mit Gordon Long: Wall Street has taken over Economy and is Draining it. In: counterpunch, 02.05.2016)

Ähnlich das Grundbuch des bekannten kanadischen Wirtschaftswissenschaftlers und Regierungsberaters M. Chossudovsky: The Globalisation of Poverty. Impacts of IMF and World Bank Reforms, London u.a. 1997 [dt: Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg, Frankfurt 2002]. Eine jüngste und sehr umfangreiche Analyse stammt von David Stockman, Haushaltsdirektor unter Präsident Reagan und bekannter Wirtschaftsexperte: The Great Deformation — The Corruption of Capitalism in America, Jackson 2013. Das z. Zt. in den USA vieldiskutierte und wegen seiner Gründlichkeit geschätzte Erfolgsbuch formuliert die These, dass ein krank und kriminell gewordener Raubtierkapitalismus die Grundsätze der freien Marktwirtschaft, die Grundlagen der demokratischen Gesellschaft und den Rechtsstaat ausgehöhlt und zerstört hat. Filz und Verflechtung zwischen Regierung und Wall Street gipfeln schließlich, so Stockman, in dem bösen Spiel, daß in einem ersten Schritt Börsenmakler und Spekulanten riesige Geldsummen verwetten, die ihnen nicht gehören, und in einem zweiten Schritt die Bürger bzw. Steuerzahler ausgebeutet werden, indem sie die Verluste der als „systemrelevant“ erachteten Finanzinstitute zahlen müssen. Heilung biete nur die Rückkehr zu einer gesunden Geldpolitik und zu finanzieller Rechtschaffenheit. .

Finanzsystem und Wirtschaftsethik

Seröse Analysen auch führender Klassiker der Ökonomie wie John M. Keynes und Irving Fisher zeigen regelmäßig, dass das jetzige Währungs- und Finanzsystem Elemente enthält, welche von Ethik und Religion stets als kriminell und selbstzerstörerisch geächtet wurden. Mit mathematischer Zwangsläufigkeit führen diese in Abständen einiger Jahrzehnte zu exponentiellem Wachstum, Umverteilung und Konzentration des Kapitals bei ca. 1 % der Bevölkerung bei gleichzeitig exponentiell wachsender Verschuldung der Staaten, Unternehmen und Bürger und Wirtschaftswachstumszwang plus Umweltzerstörung. Das System explodiert schließlich in einem Wirtschaftszusammenbruch und/oder Krieg und/oder Währungsreform und der Kreislauf beginnt von neuem. Grundlegend für die Analyse ist dabei die Nichtidentität von freier und sozialer Marktwirtschaft und dem sog. Zinskapitalismus, und die unvermeidliche Beeinträchtigung und schließliche Zersetzung Ersterer durch Letzteren. Präzise ist der Zinseszins Schwert und Schild dieser „von den ethischen Gesetzen losgelösten Wirtschaftslehre“ (Pius XI.) .

Die bis heute bekannteste Analyse und Kritik hierzu ist das von Oswald Nell-Breuning verfasste Rundschreiben Quadragesimo anno Pius XI. vom 15.05.1931 zur Weltwirtschaftskrise 1929. Es sieht diese Wirtschaftslehre und -praxis in der Pflicht für (i) eine sich latent und akut fortpflanzende „globale Finanz- und Wirtschaftskrise“. Ferner (ii) für die Konzentration von Reichtum und Macht in einer winzigen Schicht der Superreichen. Und für die Verursachung von (iii) „nach Zahl und Größe seit der Frühgeschichte historisch beispielloser seelischer und materieller Übel“ (E. Marmy (Hrsg.): Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau. Dokumente, Freiburg/Schweiz 1945, 501, 514). Ähnlich das gewichtige Wort Ernst Abbes, des Begründers der modernen Optik und optischen Industrie sowie der Weltmarktführer Carl Zeiss AG und Schott AG: Die "Elimination des Zinswesens aus den Wirtschaftssystemen der Völker ist daher die Voraussetzung für eine haltbare, nicht auf völlige Desorganisation hinsteuernde Wirtschaftstätigkeit." (E. Abbe: Sozialpolitische Schriften [Gesammelte Abhandlungen III], Jena 1906, 16)

Im Auftrag Kanzler Otto von Bismarcks und der deutschen Regierung recherchierte hierzu Gustav Ruhland, Unternehmer, Wirtschaftsführer und Professor der Nationalökonomie in Zürich und Freiburg (CH), globale Wirtschaftsdaten über alle Kontinente, Wirtschaftszweige und Epochen. Wahrscheinlich handelt es sich um die breiteste Datenbasis zum Thema überhaupt, verbunden mit theoretischer Klärung und praxiserprobten Problemlösungen. Sie fand ihren Niederschlag in dem Grundlagenwerk: System der politischen Ökonomie, 3 Bde., Berlin 1903—1908. Es nimmt in vielem die in Folge genannte gegenwärtige Diskussion vorweg. Ruhland: "Mit dem Worte Kapitalismus bezeichnen wir ... ein gesellschaftliches System, in welchem die Wucherfreiheit mehr oder minder vollständig zu Recht besteht" (a.a.O. III, 302). Ruhlands Kritik des Kapitalismus ist dabei durchaus sehr differenziert und anerkennt positive Gesichtspunkte und Erfahrungen. Er analysiert die kapitalistische Wirtschaftsgeschichte in über 20 maßgeblichen Kulturen so, dass jeweils in einer ersten "Periode des Handels- und Leihkapitals" die Verschuldung des arbeitenden Volkes einsetzt. Eine zweite "Periode des Industriekapitals zielt[e] auf eine Proletarisierung des Mittelstandes" und eine dritte "Periode des Bank- und Börsenkapitals vollendet[e] die Abhängigkeit des Staates von den Großkapitalisten" (ebd.).

Aus dem genannten Werk hier nur dieses Schlaglicht zur ökonomischen Theorie und Praxis des klassischen Griechenlands: "Bei aller Verschiedenheit im einzelnen sind sich die bedeutendsten griechischen Denker darüber einig, daß der die Völker vernichtende [parasitäre, spekulative Privat-] Kapitalismus aus der Gesellschaft nur dann beseitigt werden könne, wenn der Zins vom Gelde verschwindet." (Ruhland a.a.O. I, 317) Besonders Ernst zu nehmen ist die empirisch untermauerte Überzeugung des Aristoteles, "welcher die Grundsätze seiner Politik aus der Entwickelungsgeschichte von 158 Einzelstaaten abgeleitet hat [...:] Der Zweck des Staates ist nicht die Ermöglichung der Ansammlung eines möglichst grossen Reichtums an wirtschaftlichen Gütern, sondern eines glücklichen und menschenwürdigen Daseins seiner Bürger [...] Ein Staat, der nur aus Reichen und Armen gebildet wird, ist ein Staat von Neidern und Verächtern, die sich immer gegenseitig feindlich gesinnt sind und leicht zum Bürgerkriege kommen. In einem Staate aber, in welchem der Mittelstand vorherrscht, herrscht auch die Freundschaft, die zu jeder Gemeinschaft, wie zum dauernden sozialen Frieden gehört." (I, 317—318)

Ruhlands Politische Ökonomie behandelt Wirtschaftsethik als harte Realität, weil Gerechtigkeit Bedingung stabiler wirtschaftlicher und staatlicher Ordnung ist: "Habsucht und Genußsucht haben alle großen Reiche zerstört" (Cato) (a.a.O. III, 107). Bezeichenderweise ist auch die erste Sozialenzyklika der Römischen Kirche (Vix pervenit, Benedikt XIV.,1.11.1745) eine Antizinsenzyklika. Sie gilt als Bilanz einer 1500-jährigen Diskussion und Praxiserprobung zum Thema und bis heute als theologisch verbindliche Lehre, auch wenn der z.Zt. herrschende Zinskapitalismus tolerante pastorale Regelungen in der Praxis unvermeidlich macht. Die Enzyklika nimmt Stellung in einer sehr intensiven akademischen und wirtschaftspolitischen Debatte des frühen 18. Jh. zur Grenze zwischen moralischen und unmoralischen Darlehensmodellen. Auf der Grundlage umfassender Recherchen und zahlreicher Gutachten ist ihr Fazit: "Mit nachdrücklichen Worten zeigt euren Gemeinden, dass das ... Laster des Darlehenszinsnehmens von den Heiligen Schriften gebrandmarkt wird und dass es sich in verschiedene Formen und Gestalten hüllt, um die ... zur Freiheit und Gnade zurückgeführten Gläubigen wieder jählings ins Verderben zu stürzen. Sie sollen deshalb, wenn sie ihr Geld anlegen wollen, sehr sorgfältig  darauf achten, daß sie sich nicht von der Habsucht, der Quelle aller Übel, hinreißen lassen".

Zinskritik schließt hier selbstredend nicht angemessene Unkosten- und Risikoabdeckung für Darlehen ein und auch nicht Gewinnmargen (Renditen) aus unternehmerischen und Handelsinvestitionen (Produktivdarlehen). Bei Letzeren gelte allerdings, was später Ruhland die "Aequivalenz von Leistungen und Gegenleistungen" (III, 341) nennen wird, dass nämlich die "Regelung des Güterverkehrs" und die "Bestimmung der Kaufpreise nach Maßgabe des gesellschaftlichen Kostenwertes" (III, 347, 361) erfolgen muss. Zur ethischen Wertung konkreter Verträge, Wertpapiere, Geschäftsmodelle und Finanzinstrumente sollte man, so Vix pervenit, mehrere Expertisen moralisch überzeugender Fachleute heranziehen und "dann jene Meinung annehmen, die man durch die Vernunft und Autorität als offensichtlich begründet erkennt".

Das "Laster des Darlehenszinsnehmens" meint also nicht eine pauschale Diskriminierung jeder Form von Risikoabdeckung und Produktivdarlehen, sondern (i) grundsätzlich überhöhte Zinssätze und exponentieller Zinseszins (Wucher), (ii) Ausbeutung wirtschaftlicher Notlagen produktiv arbeitender Mitbürger, gegenüber welchen ermäßigte oder zinsfreie Kredite Pflicht sind, (iii) Gemeinwohl, Solidarität und soziale Gerechtigkeit missachtende Finanzmodelle, (iv) Machtergreifung spekulativen Finanzkapitals in Staat und Volkswirtschaft (Herrschaft und Kult des Mammons).

Soziale Marktwirtschaft vs neoliberaler Kapitalismus

Nicht uninteressant ist, dass Ruhlands Diagnose in Politische Ökonomie zur Zeit in den Werken führender Wirtschaftswissenschaftler aufzuerstehen scheint. So z.B. in dem international erfolgreichsten und wohl auch umfangreichsten wirtschaftswissenschaftlichen Werk der Gegenwart. Dessen Verfasser ist der preisgekrönte französische "Ökonom der Stunde" (FAZ) Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert, 5. Aufl. München 2015. Es bestätigt anhand einer sehr beeindruckenden Datenbasis aus 20 Ländern und über die letzten beiden Jahrhunderte praktisch die genannten Analysen von Ruhland, Chossudovsky, Roberts etc. und aktualisiert in vielem deren Thesen. Insbesondere ist die Kernthese, dass das kapitalistische System notwendig ein Maximum an sozialer Ungleichheit erzeugt. So ging unter Präsident Clinton 47 % des gesamten Vermögenzuwachses der USA an das 1 % der reichsten Amerikaner, in der Bush-Ära des nächsten Jahrzehnts waren es bereits 75 % und wieder ein Jahrzehnt später sind es seit 2009 unter Barack Obama 95 %. Paul Krugman, der als Kritiker Milton Friedmans bekannte Nobelpreisträger aus Princeton, meinte: "Dieses Buch wird die Ökonomie verändern und mit ihr die ganze Welt." (NY Review of Books). Das wird man mit einem Fragezeichen versehen müssen, da uns scheint, dass Piketty die Dinge trotz allem nicht wirklich zu Ende gedacht hat. Dazu passt, dass nach dem Urteil M. Hudsons (siehe in Folge) Pikettys Bewunderer Krugman als Geldtheoretiker keine Kompetenz besitzt: "Krugman ... showed that he really didn’t know what he was talking about when it comes to bank credit and to monetary theory." (Interview: Real News Network, 13.04.2016) Spätestens bei den Lösungsvorschlägen Pikettys ist mein Eindruck, dass sie lediglich darauf hinauslaufen, einen anderen Bock zum Gärtner zu machen. 

In überzeugenderer und vielleicht noch interessanterer Form kehrt Ruhlands Diagnose bei Michael Hudson wieder, Professor der Wirtschaftswissenschaften an der University of Missouri–Kansas City und an der Peking University sowie Präsident des Instituts für Langfristige Wirtschaftsentwicklung (Institute for the Study of Long-term Economic Trends, ISLET). Hudson war bzw. ist darüber hinaus Finanzanalyst und Wirtschaftsberater an der Wall Street, bei der UNO und den Regierungen der USA, Kanadas, Mexikos, Russlands, Chinas, Islands, Lettlands. Er ist ferner Gründungsmitglied der International Scholars Conference on Ancient Near Eastern Economies (ISCANEE) zu den wirtschaftlichen Ursprüngen der modernen Zivilisation im Alten Orient und der Klassischen Antike und zur Entwicklung von Besitz und Immobilien, Geld-, Bank-, Kredit- und Zinswesen, Urbanisierung und Privatisierung seit der Bronzezeit. Er leitete bzw. leitet deren Konferenzen an der New York University, der Columbia University, dem Orientalischen Institut (St. Petersburg) und dem Britischen Museum (London) und ist Herausgeber der Kongressakten bei Harvard University Press u.a. Einen guten Überblick über den heutigen Erkenntnisstand speziell zur Geschichte der Wirtschaftsethik seit der Bronzezeit über das Alte Testament, das Neue Testament und das Kanonische Recht bis zum Kalvinismus und den neuzeitlichen Wirtschaftsreformern bietet Hudson: The Lost Tradition of Biblical Debt Cancellations, New York 1993. Besonders ins Auge fallend ist in der neueren Forschung die völlige Neubewertung der biblischen Gesetze zur turnusmäßigen Entschuldung und Bodenreform als keinesfalls utopische Idealforderungen, sondern als allgemeines und etabliertes Recht im gesamten Alten Orient, das namentlich in Wirtschafts- und Sozialkrisen als Bedingung des Gemeinwohls und einer nachhaltig funktionierenden Wirtschaft erneuert wurde.

Hudson ist ferner Autor finanzwissenschaftlicher, in mehrere Weltsprachen übersetzter Erfolgsbücher und Anlageberater von Investmentfonds: „Im Jahr 2006 [sagte er] in Harper’s Magazine mit seinem Artikel ‚The New Road to Serfdom: An illustrated guide to the coming real estate collapse‘ als erster und einziger den genauen Zeitpunkt voraus, zu dem die amerikanische Immobilienblase platzen sollte. Die verheerenden Folgen für die gesamte Wirtschaft sah er ebenfalls kommen.“ (FAZ) Hudsons neuestes Buch Killing the Host: How Financial Parasites and Debt Bondage Destroy the Global Economy, ISLET 2015, ist eines der der z. Zt. meistdiskutierten Bücher zur Volkswirtschaft in makroökonomischer Perspektive. Der renommierte Klett-Cotta-Verlag hat das Buch in deutscher Übersetzung herausgebracht: Der Sektor. Warum die globale Finanzwirtschaft uns zerstört, Stuttgart 2016. Der Deutschlandfunk empfiehlt es als "analytisch tiefsinniges und sehr verständliches Buch" seitens eines Autors, der "sich blendend in der Historie auskennt" und "ein brillanter ökonomischer Analytiker" ist: "Wer Schlimmes verhindern will, sollte ihn genau lesen." (Wie die Bankenrettung auf der Gesellschaft lastet, 22.12.2016)

Michael Hudson sieht im deutschen Wirtschaftssystem der sozialen Marktwirtschaft das international überzeugendste und historisch bewährteste volkswirtschaftliche Modell, dessen überlegene Leistungsfähigkeit es gegenüber dem heute propagierten neoliberalistischen Kapitalismus stark zu machen gelte. Er hat seine diesbezüglichen Analysen der deutschen Fachwelt als Visiting Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) / The Berlin School of Economics and Law (BSEL) sowie in Aufsatz- bzw. Kongresspublikationen auch direkt vorgestellt. In stärker allgemeinverständlicher Perspektive veröffentlichte Michael Hudson in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 2011—2013 eine vielbeachtete Aufklärungsserie zur Finanzkrise und Demokratie, die das folgende Papier 'Michael Hudson über neoliberale Wirtschaftspolitik, Globalisierung, Schuldenkrise, Privatisierung und das Modell der sozialen Marktwirtschaft' komprimiert zusammenfasst, ergänzt um ein aktuelles Interview. Es findet sich auf der folgenden Verknüpfung:

Modernisierung der Geldordnung

Wer die Dinge zu Ende denken möchte, wird überhaupt feststellen, dass geschichtlich bewährte und theoretisch fundierte Korrekturen des Geldsystems z.Zt. von verschiedener Seite stark erörtert werden. In historischer Perspektive sind hierzu grundlegend Karl Walker: Das Geld in der Geschichte, Nürnberg 1959 und auch Hans Weitkamp: Das Hochmittelalter — ein Geschenk des Geldwesens, Hilterfingen (CH) 1985, die u.a. zeigen, dass der zinsfreien Finanzwirtschaft des 12.—15. Jh. eine fast singuläre kulturelle und wirtschaftliche Hochblüte korrelierte. Hinsichtlich Professionalität, Aktualität und Kompetenz in praktisch allen Hinsichten nimmt das Netzportal von Michael Hudson die internationale Spitzenposition ein. Informativ für eine einflussreiche Richtung ist ferner die Netzpräsenz von Helmut Creutz, der ein finanzwissenschaftliches Grundbuch bei Ullstein in zahlreichen Auflagen veröffentlichte (neu bearbeitet unter dem Titel: Das Geldsyndrom 2012. Wege zu einer krisenfreien Wirtschaftsordnung, Aachen 2012). Das Buch gilt bei vielen als das beste, umfassendste und lesbarste Handbuch zur Geldtheorie. Orientierungen in derselben Linie bieten die internationalen Erfolgsbücher und Netzportale von Professor Margrit Kennedy (Universität Hannover, + 2013) und Professor Joseph Huber (Universität Halle, Foto rechts)Joseph Huber Netz, international wahrgenommener und geschätzter Experte zu Giralgeldsystem und Vollgeld, zu ökologischer Modernisierung und zur Lebenszyklusanalyse moderner Gesellschaften.

Huber war 2001—2004 Berater des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für die 'Forschungsinitiative Nachhaltigkeit und Innovation' und ist heute Vordenker eines Fahrplans zur Modernisierung der Geldordnung: Monetative. Der Kerngedanke ist folgender:

"Im Giralgeldregime der Banken ist die Geldschöpfung außer Kontrolle geraten. Überschüssiges Geld fließt heute vor allem an die Finanzmärkte und erzeugt [...] unreelle Spekulationsblasen samt den nachfolgenden realen Zusammenbrüchen. Konjunktur- und Börsenzyklen werden so in zerstörerische Extreme getrieben [...] Wenn Geld frei geschöpft wird, muss es eine autorisierte öffentliche Instanz mit zurechenbarer Verantwortung geben, unter deren Kontrolle die Geldschöpfung und die Geldmengensteuerung steht. Das ist eine Frage von Verfassungsrang. Heute haben die Banken der Zentralbank die Kontrolle über das Geld faktisch aus der Hand genommen. Die Entwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs über Girokonten hat das mit sich gebracht. Das muss wieder korrigiert werden, wie sinngemäß schon einmal vor hundert Jahren, als das gesetzliche Banknotenmonopol auf diesem Gebiet für die nötige Ordnung sorgte." (Interview n-tv vom 14.06.2010: Vollgeld statt Giralgeld)

Deutsche und internationale Wirtschaftswissenschaftler einschließlich der Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) Michael Kumhof und Jaromir Benes sowie leitende Finanzmanager Frankfurter Banken (KfW, Deka-Bank) rezipieren und unterstützen dieses Konzept bzw. diesen Fahrplan zur Modernisierung und Sanierung der Geldwirtschaft. Ebenso die finanzpolitisch überdurchschnittlich innovative und stabile Regierung Islands. Nach Umfragen stehen 50 % der Bürger Deutschlands und 55—70 % der Schweizer Bürger hinter dieser Initiative. In der Schweiz wird es voraussichtlich eher früher als später hierzu eine Volksabstimmung unter dem Titel Monetäre Modernisierung bzw. Vollgeldinitiative geben. Sie wird unterstützt von Dr. Hans Zuberbühler, pensionierter Direktor der UBS, Dr. Markus Rauh, früherer Verwaltungsratspräsident der Swisscom AG sowie von Dutzenden Wirtschafts- und Rechtswissenschaftlern, u.a. von den Professoren der ökonomischen Eliteuniversität St. Gallen Ulrich, Mastonardi und Binswanger:

"Dass Geschäftsbanken auf selbst geschöpftem Giralgeld [Buchgeld / elektronisches Geld: 90 % der gesamten Geldmenge] durch Kreditvergabe an die öffentliche Hand (Staatsanleihen) Zinsen zu Lasten der Allgemeinheit verdienen, hat sich im Zeitalter eines entfesselten Finanzkapitalismus als höchst ungerechter Systemfehler erwiesen. Das Vollgeldkonzept geht dieses Problem an der Wurzel an, indem öffentliche Geldversorgung (durch die Nationalbank) und private Kreditvergabe (durch private Geschäftsbanken) sauber getrennt werden. Die Guthaben der Bürger und der Unternehmen fallen dann zudem nicht mehr in die Konkursmasse einer zusammenbrechenden Bank. So braucht diese nach Fehlspekulationen nicht mehr mit öffentlichen Mitteln gerettet zu werden und die bisherige Geiselhaft der Steuerzahler entfällt." (Prof. Peter Ulrich, St. Gallen)

Gehirnwäsche und Angst

Politische Freiheit und Zivilcourage sind für die hier anstehenden Herausforderungen unabdingbare und nicht selbstverständliche Bedingungen: „Wir [haben] in der westlichen Gesellschaft, obwohl wir sie für die freieste halten, ... die schlechtesten Voraussetzungen [...] weil man uns einschüchtert und verängstigt und [man] damit [...] seine kreative Quelle eben nicht erreichen kann. Nur wenn man die Angst verliert, hat man die Courage überhaupt etwas Neues zu machen [...] Eine verängstigte Demokratie bedeutet eigentlich wieder ein Totalitarismus“ („Unsere Auffassung vom Menschen und der Welt ist falsch“. H.-P. Dürr über das Potsdamer Manifest 2005. Deutschlandradio.de: 17.10.2005 Moderation: H. Hettinger).

Dass eine tendenziell totalitäre und verängstigte Demokratie zum Zentralproblem zu werden droht, beschäftigt inzwischen intelligente und aufrichtige Menschen aus allen politischen Lagern. Eine bekannte Stimme hierzu ist das Portal resp. die Zeitschrift Compact. Magazin für Souveränität und deren Chefredakteur Jürgen Elsässer, zuvor als Redakteur von junge Welt, konkret und Neues Deutschland ein Vordenker der deutschen Linken. Heute Vertreter einer ethik- und sachorientierten Allianz jenseits überholter Frontstellungen — gegen o.g. Fehlentwicklungen, welche analysiert werden als Staaten und Bevölkerungen einschüchternder, manipulierender und zersetzender Globalfaschismus, angetrieben vom Widerspiel und immer häufiger auch Gleichschritt von Finanzoligarchie und Linksanarchie. Freilich scheint uns das im E-Buch Erlösung thematische Reflexionsniveau Bedingung für Prinzipienklarheit und eine dauerhaft erfolgreiche Arbeit.

Auch dazu noch einmal der o.e. P. C. Roberts: "In Amerika zu leben wird sehr schwierig für jeden mit einem moralischen Gewissen [...] Wenn Sie glauben, dass man Gegner umbringen soll, ... die Machtlosen enteignen, eine fiktive Welt schaffen soll auf der Grundlage von Lügen und die Medienkonzerne dafür bezahlen, dass sie die Lügen und Fiktionen aufrecht halten, dann gehören Sie zu dem, was der Rest der Welt unter 'Der Westen' versteht [...] Menschen ohne zuverlässige Information sind hilflos, und das ist es, wo die Völker des Westens stehen. Die neue Tyrannei erhebt sich im Westen, nicht in Russland oder China." (Artikel: Does the West have a Future? — Hat der Westen eine Zukunft?, 10. Mai 2012)

Vgl. dazu auch Roberts neuestes Buch: The Neoconservative Threat to World Order, Atlanta 2015. Es zeigt die wachsende Fokussierung der heute im Westen ideologisch, medial und politisch tonangebenden Neokonservativen auf einen Nuklearkrieg mit Russland und China. Diese stehen ihrer angestrebten uneingeschränkten Hegemonie über den Planeten im Wege, welche meist unter dem Titel 'Neue Weltordnung' firmiert. Für General Richard Shirreff, Vize-Europachef der NATO bis 2014, ist der Nuklearkrieg mit Russland bis 2017 nicht nur "völlig plausibel", sondern er führt für denselben zur Zeit auch einen offiziös unterstützten Werbefeldzug mit einem eigenen Buch 2017: War with Russia (publ. London 2016). Nach Roberts und vielen Experten würden USA und NATO wegen erheblicher Technologie-Rückstände diesen künstlich erzeugten III. Weltkrieg nicht gewinnen, sondern er resultierte in der atomaren Zerstörung der USA und Europas. Sein stehender Vorwurf an die Adresse der auf ihre weltrevolutionär-kommunistische Vergangenheit bis heute stolzen Neokonservativen ist daher der der "Arroganz, Hybris und völliger Dummheit" bzw. "psychopathischer Geisteskrankheit". In Roberts Analysen, die bei anderer Gelegenheit selbst der früher trotzkistische Gründervater der Neokonservativen Irving Kristol als „superb“ und "schlüssig" einstufte, haben sie seit Clintons Regierungsantritt 1992 die amerikanische Regierung in eine "gesetzlose, kriminelle Organisation" verwandelt, die die Dämonisierung "Russlands betreibt, das als ein christliches, auf moralische Grundsätze gegründetes Land wieder auferstanden ist, vielleicht das einzige auf der Welt" (Can Russia Survive Washington’s Attack?, 19.05.2016). Über diese ethische und theologische Dimension schrieb Roberts am 23.12.2015, auch für Nichtchristen und Atheisten, in der traditionellen Christmas Columm

"Power that is secularized and cut free of civilizing traditions is not limited by moral and religious scruples. V.I. Lenin made this clear when he defined the meaning of his dictatorship as 'unlimited power, resting directly on force, not limited by anything.' Washington’s drive for hegemony over US citizens and the rest of the world is based entirely on the exercise of force and is resurrecting unaccountable power. Christianity’s emphasis on the worth of the individual makes such power as Lenin claimed, and Washington now claims, unthinkable. Be we religious or be we not, our celebration of Christ’s birthday celebrates a religion that made us masters of our souls and of our political life on Earth. Such a religion as this is worth holding on to even by atheists. As we enter into 2016, Western civilization, the product of thousands of years of striving, hangs in the balance. Degeneracy is everywhere before our eyes. As the West sinks into tyranny, will Western peoples defend their liberty and their souls, or will they sink into the tyranny, which again has raised its ugly and all devouring head?"

Angesichts der Völkerrecht und Bürgerrechte brechenden „hemmungslosen Rundumüberwachung“ (Spiegel) der gesamten Weltbevölkerung durch NSA und der, so Roberts, verfassungswidrigen Errichtung eines "monströsen Polizeistaates" mit globalem Hegemonie-Anspruch appelliert er speziell an Deutschlands Mut und Verantwortung: "Die NSA ist in der Lage, jedermann ... und ... jede Organisation im In- und Ausland zu erpressen [...] Wenn Deutschland die amerikanische Oberherrschaft abschütteln, die NATO verlassen und sich mit Russland zur Verteidigung der Wahrheit und Bürgerrechte zusammenschließen würde [...] hätten Europa und die Welt die Chance auf einen neuen Anfang." (Artikel: A New Beginning Without Washington’s Sanctimonious Mask, 25. Juni 2013)

Roberts ist sich über die Schwierigkeiten im Klaren: Abgesehen von noch weitergehenden Druckmitteln "benutzt die US-Regierung finanzielle Sanktionen und die Drohung mit der Veröffentlichung sensitiver persönlicher Informationen, welche von ihren weltweiten Spionagenetzwerken gesammelt wurden, um jede unabhängig denkende europäische Führungskraft zu disziplinieren [...] Europa ist im Wesentlichen eine Gefangene und gezwungen, US-Interessen über seine eigenen zu stellen." Aber es geht um sehr viel: "Wenn die Europäer nicht ihren Mut wiederfinden und ihren knechtischen Untertanenstatus ablegen, wird Europa in weitere Kriege gehetzt und schließlich in einen verheerenden Krieg mit Russland geführt werden [...] Amerika braucht Kritik von Europa [...] Ohne Europas Hilfe können die Amerikaner den Geist der Freiheit nicht wiedergewinnen [...] Amerika ist selbst ein Opfer des neokonservativen Strebens nach globaler US-Hegemonie [...] Europa, das die Tyrannei von links und von rechts erlebt hat, hat das Recht auf seine eigene Stimme." (Europe’s Complicity in Evil, 25.06.2015) In dem folgenden Abschnitt 'Mut und Intelligenz' zeigt der langjährige tschechische Präsident Václav Klaus, dass und wie das möglich ist.

Mut und Intelligenz

In der politischen Führungsschicht Europas ist der Wirtschaftswissenschaftler Václav Klaus der bekannteste Anwalt und Sprecher der Gemeinwohlverantwortung. Er hat als Vorsitzender der Bürgerrechtsbewegung Bürgerforum und der aus ihr hervorgegangenen Demokratischen Bürgerpartei die "Samtene Revolution" 1989 in Prag wesentlich mitgestaltet. Als Ministerpräsident 1992—1998 und Staatspräsident 2003—2013 wurde er neben dem legendären Václav Havel der Vater der modernen Tschechoslowakei bzw. Tschechiens. Eine alte Dame der deutschen Politik und erfahrene Studiendirektorin sagte mir einmal: "Wissen Sie, es gibt wenige mutige Menschen. Mut ist eine sehr seltene Eigenschaft. Und Intelligenz in Verbindung mit Mut ist noch außerordentlicher." Nun, ich glaube, dass Václav Klaus zu diesen außerordentlichen Menschen zählt. Das heißt nicht, dass ich allen politischen Entscheidungen und finanzwissenschaftlichen Positionen von Klaus zustimme. Aber darum geht es hier nicht, sondern um Charakter und Menschenverstand. Allerdings gehört zu "unserem zivilisatorischen, kulturellen und ethischen Erbe" (Klaus, s.u. (9)) durchaus die Überzeugung, dass Weisheit und Mut oder spirituell gewendet: Geist und Kraft für alle da sind, d.h. bei entsprechender Einstellung für jeden erreichbar (siehe das Menu Religionsphilosophie). Wir lassen Václav Klaus zu unserem Thema abschließend zu Wort kommen: 

(1) „In Europa sehe ich – und bestimmt nicht nur ich – eine sehr problematische Entwicklung, die ich als eine ernste Bedrohung unserer Freiheit und Prosperität interpretiere [...] Für die Demokratie brauchen wir den Staat, nicht seine Schwächung und Liquidierung. Die größeren Strukturen als der Staat sind für die Demokratie ungeeignet. In diesen Strukturen ist die authentische demokratische Repräsentierung der Bürger nicht möglich [...] Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in den Ländern der Eurozone in den letzten sechs Jahren — minus 0,4 % — müssen alle Ökonomen Stagnation nennen. [...] Wir sollten akzeptieren, dass diese Stagnation ein unvermeidliches Produkt des heutigen europäischen Wirtschafts- und Sozialsystems auf der einen Seite und der mehr und mehr zentralistischen und undemokratischen EU Institutionen auf der anderen ist. Sie beide — und besonders sie zusammen — schaffen ein unübersteigbares Hindernis für jede positive Entwicklung Europas in der vorsehbaren Zukunft. Deshalb bleibe ich in meiner Kritik nicht bei den Einzelheiten des europäischen Integrationsprozesses, sondern kritisiere ihn als Ganzes." (Rede vor dem Management Center Innsbruck, MCI Aula, 6. März 2015).

(2) "Wir marschieren weiter und tiefer in eine — keinen Ausgang habende — Sackgasse (i) trotz keine Wende anzeigenden Wirtschaftsdaten, (ii) trotz sinkendem Respekt und Position Europas in der Welt, (iii) trotz der Vertiefung des demokratischen Defizits in der EU, (iv) und trotz der unbestreitbaren Steigerung der Frustration der Bevölkerung Europas. Wir alle wissen oder sollten wissen, dass es aus einer Sackgasse nur einen Weg gibt, den Weg zurück. In diesem Fall den Weg zurück zu den Wurzeln, auf denen Europa seine historischen Erfolge, seine Freiheit und seine Prosperität aufgebaut hat. Das zu erreichen, braucht aber eine radikale Wende, fast eine Revolution." (ebd.)

(3) "Das zurzeit diskutierteste und ohne Zweifel sichtbarste Problem Europas ist die europäische Währungsunion und ihre mehr als unangenehmen und ungünstigen Konsequenzen. Man sollte laut sagen, dass die ersten 15 Jahre ihrer Existenz nicht die positiven Effekte geliefert haben, die die Europäer — zu Recht oder zu Unrecht — erwartet hatten. Es wurde ihnen versprochen, dass die Währungsunion das Wirtschaftswachstum akzelerieren, die Inflation senken und vor allem ihre Mitgliedstaaten vor verschiedenen externen Störungen schützen wird. Es ist für mich, für einen Makroökonom, keine Überraschung. Die Daten sind klar. Nach der Entstehung der Eurozone hat sich das Wirtschaftswachstum in ihren Ländern im Vergleich zu den vorherigen Jahrzehnten verlangsamt. Auch die Handelsbilanzen und Staatshaushalte haben sich verschlechtert. Es musste so sein. Die Einführung der europäischen gemeinsamen Währung hat die Selbstdisziplin der einzelnen europäischen Länder geschwächt. Sie hat einen Wechselkurs gebracht, der zu weich für die Länder des europäischen Nordens ist, aber zu hart für den europäischen Süden. Sie hat die Türen für die unproduktive und unfreiwillige Umverteilung geöffnet (es geht nicht um eine authentische persönliche Solidarität, sondern um staatsorganisierte 'fiscal transfers') [...] Die Eurozone der heutigen 19 Staaten ist ohne Zweifel keine 'optimale Währungszone', wie sie die Volkswirtschaftslehre definiert. Ihr Entstehen war eine rein politische Entscheidung. Es musste Konsequenzen haben. Man kann nicht die Wirtschaft politisch diktieren. Das haben wir im Kommunismus erlebt." (ebd.).

(4) „Es ist absolut irrational, eine gemeinsame Währung für eine so grosse Zahl teilweise sehr heterogener Staaten einzuführen. Das ist ähnlich absurd, als wollte man uns dreien dieselbe Hemdgrösse vorschreiben. Der Euro ist im Grunde nur eine extreme Version eines Systems von festen Wechselkursen. Ob es besser ist, feste oder flexible Wechselkurse zu haben, ist eine Debatte, die wir Ökonomen seit bald 200 Jahren führen. Bisher sind alle Systeme, welche die Wechselkurse fixierten, gescheitert.“ (Basler Zeitung online, 29. April 2014).

(5) "Die ökonomische Stagnation, ... die Absenz der Demokratie ... ist meine Hauptkritik. Wir brauchen eine Wende in Europa, nicht nur kosmetische Reformen. Auch in der Endphase des Kommunismus gab es viele Reformen, aber ich habe dann gesagt, wir brauchen keine Reformen mehr, sondern eine tiefe Transformation der ganzen Gesellschaft. Etwas Ähnliches brauchen wir heute in Europa. Ein Hauptproblem ist die falsche Ideologie des Multikulturalismus, die müssen wir so schnell wie möglich vergessen, weil sie die Gesellschaft zerstört.“ (Die Presse, 20. Januar 2015).

(6) „Europa ist ja heute schon ein post-demokratisches Gebiet [...] Und auch post-politisch. [...] Seit dem Maastricht-Vertrag verschärft sich das jedes Jahr [... Das] zeigt die Irrationalität der deutschen und europäischen Politik der massiven Immigration“ gegen den Bürgerwillen und das Staatswohl: “Der Multikulturalismus ist die tragische Entwicklung Europas. [...] Ich habe nichts gegen Immigration als Einzelfall. Aber diese massiven Ströme wurden künstlich und politisch gemacht.“ (Münchner Merkur, 28.01.2015)

(7) "Die immer schlechteren Wirtschaftsdaten, der abnehmende Respekt in der restlichen Welt vor Europa, die beschleunigte Vertiefung demokratischer Defizite und die Steigerung der Frustration in grossen Teilen der europäischen Bevölkerung erlangen politisch kaum Aufmerksamkeit. Das macht mich nervös. Europa ist eine postdemokratische und postpolitische Einrichtung. Das sieht man auch am Umgang der EU mit der Schweizer Volksabstimmung zur Einwanderung. Die EU-Spitzenpolitiker wollen [...] den Nationalstaat unterdrücken und staatliche Grenzen auflösen. Um den Zusammenhalt der heutigen Nationen zu schwächen, propagieren sie eine massive und uneingeschränkte Migration. Die Migrationsbewegungen über die Grenzen souveräner Länder hinweg, die in den letzten Jahrzehnten radikal verstärkt wurden, untergraben systematisch den Zusammenhalt und die Regierbarkeit von Ländern. Die Schwächung der einzelnen Staaten könnte sehr leicht auf eine antiliberale Entwicklung hinauslaufen, weil sie nämlich den europäischen Super-Staat stärkt, zu dem die EU sich entwickelt." (Die Weltwoche, Nummer 18, 30. April 2014)

(8) „Ich habe ... im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine ... die Wahrheit und die elementare Rationalität unseres Denkens in Schutz genommen. In den letzten Monaten sind wir die Opfer einer außerordentlichen Manipulation. Was wir jetzt erleben, habe ich schon 25 Jahre nicht mehr gesehen: das letzte Mal in der Ära des Kommunismus. Es ist ganz klar, dass in der Ukraine keine authentische, spontane Revolution stattgefunden hat. Die dortige 'Revolution' wurde vom Ausland hingebracht — aber leider vom Westen, nicht vom Osten. Die Ukraine ist heute nur ein 'Instrument' in einem gefährlichen Versuch, die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland zu destabilisieren. Damit kann ich nicht einverstanden sein. Und das sage ich als jemand der mehr als 40 Jahre im Kommunismus — als ein starker Kritiker — gelebt hat.“ (Dolomiten, 15. Mai 2014)

(9) Von Václav Klaus stammt auch ein Beitrag zu dem Sammelband Zeitenwende: Wie internationale Entscheidungsträger die Welt von morgen sehen, hrsg. von G. Württele, Frankfurt am Main: Frankfurter Allgemeine Buch 2013. Darin macht er u.a. folgende Gründe für die aktuelle Entwicklung aus:

"1. Wir haben wohl die weitreichenden Auswirkungen der 1960er Jahre nicht vollkommen verstanden. Diese 'romantische' Ära war eine Zeit der radikalen Ablehnung der Autorität traditioneller Werte und gesellschaftlicher Institutionen. Folglich wurden Generationen geboren, die nicht die Bedeutung unseres zivilisatorischen, kulturellen und ethischen Erbes verstehen und denen ein Kompass für ihr Verhalten fehlt.

2. Wir unterschätzten bestimmte problematische Aspekte eines standardisierten, formell gut funktionierenden demokratischen Systems, dem es an einem grundlegenden Paket tieferer Werte mangelt. Wir erkannten nicht die Macht des demagogischen Elements der Demokratie, das es Menschen innerhalb des Systems ermöglicht, etwas ohne Gegenleistung zu fordern. Wir erwarteten nicht, dass der politische Prozess zu einer derart enormen Vorliebe für Entscheidungen führt, die 'sichtbare und direkte Vorteile' zum Preis von 'unsichtbaren und umgelegten Kosten' mit sich bringen, was eine der Hauptursachen für die derzeitige europäisch-amerikanische Schuldenkrise ist.

3. Bereits in der Vergangenheit befürchtete ich die schrittweise Verschiebung der Bürgerrechte in Richtung Menschenrechte, die bereits seit einiger Zeit stattfindet. Ich machte mir Sorgen wegen der Ideologie des Menschenrechtlertums, rechnete jedoch nicht mit den Folgen dieser Doktrin. Das Menschenrechtlertum ist eine Ideologie, die mit praktischen Fragen der individuellen Freiheit oder des freien politischen Diskurses nichts gemeinsam hat. Ihm geht es um Ansprüche. Traditionelle Liberale und Liberalisten können gar nicht deutlich genug darauf hinweisen, dass eine derartige Auslegung der Rechte sich gegen die Freiheit und das rationale Funktionieren der Gesellschaft richtet. Menschenrechte sind keine standardmäßigen Bürgerrechte, sie sind genau genommen eine revolutionäre Verweigerung der Bürgerrechte. Sie bedürfen keiner Staatsangehörigkeit. Aus diesem Grund fordert das Menschenrechtlertum auch die Zerstörung der Souveränität von Einzelstaaten, insbesondere im heutigen Europa. Positive Menschenrechte trugen auch entscheidend zum derzeitigen Zeitalter der politischen Korrektheit mit seinen gesamten destruktiven Kräften bei.

4. In Verbindung mit Menschenrechtlertum und politischer Korrektheit steht der massive Vormarsch einer weiteren modernen Alternative zur bzw. der Ersatz der Demokratie: die Juristokratie. Jeden Tag können wir miterleben, wie gewählte Politiker politische Macht abgeben müssen und wie diese nicht gewählten Richtern übertragen wird [...] All dies ist Teil einer Illusion über eine mögliche (und erstrebenswerte) Abschaffung der Politik, kurz gesagt: der Demokratie. Juristokratie ist ein weiterer Schritt zur Errichtung einer postpolitischen Gesellschaft.

5. Ebenso wenig erwartete ich, welch starke Position die NROs (Nichtregierungsorganisationen) in unseren Ländern und insbesondere in der supranationalen Welt einnehmen würden und wie unversöhnlich ihr Kampf mit der parlamentarischen Demokratie sein würde. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr gewinnen sie diesen Kampf. Einrichtungen wie NROs, die als Produkte organisierter Interessengruppen hervorgegangen sind und die auf unpolitische Weise Vorteile und Privilegien erstreben, leugnen ganz unverblümt die Liberalisierung der menschlichen Gesellschaft, die während der vergangenen beiden Jahrzehnte stattgefunden hat. Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal die Bemerkung gehört habe, diese Einrichtungen seien eine neue Refeudalisierung der Gesellschaft, aber ich finde sie sehr gut getroffen.

6. Da wir [im Ostblock] viel zu lange in einer Welt mit unterdrückter Pressefreiheit lebten, erachteten wir die uneingeschränkte Freiheit der Medien als notwendige Voraussetzung für eine wirklich freie Gesellschaft. Heute sind wir uns da nicht mehr so sicher. Formell gibt es in der Tschechischen Republik ebenso wie in der gesamten westlichen Welt fast absolute Pressefreiheit, aber gleichzeitig auch eine unglaubliche Manipulation durch die Presse. Unsere Demokratie hat sich rasch zu einer „Mediokratie“ ... gewandelt, die entweder als eine weitere Alternative zur Demokratie verbleibt oder sogar zu deren Zerstörung beiträgt.

7 „Wir sahen nicht die Macht und die Gefahr des ständigen schrittweisen Wandels vom Nationalen und Internationalen zum Transnationalen und Supranationalen in der heutigen Welt [... der] die Demokratie und die Souveränität von Ländern zerstört."

(10) „Wir erleben heute in Europa und Amerika eine Gehirnwäsche, die absolut bizarr ist [...] Die EU steht für einen noch nie da gewesenen und dabei vollkommen uneuropäischen Zentralismus. Die Opfer dieses Zentralstaates werden Demokratie und Freiheit sein. Es besteht hier nicht nur ein Defizit, sondern ein Mangel an Demokratie. Wir Václav Klaus Netzbefinden uns eigentlich in einer postdemokratischen Phase. Von einem Defizit reden heute selbst Spitzenpolitiker der EU, was mich an die Zustände im früheren Ostblock erinnert: Auch dort war es möglich, gewisse Missstände zu kritisieren, etwa die überbordende Bürokratie. Das Machtmonopol der Kommunistischen Partei infrage zu stellen, blieb aber immer ein Tabu.“ (Basler Zeitung online, 29. April 2014). [Foto links: Václav Klaus 2011, Creative Commons 3.0]

(11) "Europa braucht einen Systemwechsel, ähnlich wie die osteuropäischen Staaten vor 25 Jahren. Ich war damals Finanzminister und habe immer gesagt, dass wir keine Reformen brauchen. Reformen gab es gegen Ende des Kommunismus genug. Wir brauchten eine grundlegende Veränderung des Denkens und des Benehmens. Das gleiche gilt heute für die EU." (Interview Focus online, 28.01.2015)

(12) "Maastricht war ein dramatischer Fehler. Da wurde aus der EG — einer Gemeinschaft — die EU, eine Union [...] Wir müssen zurück [...] Alles, was seitdem beschlossen wurde, gehört abgeschafft, inklusive des Maastrichter Vertrages." (Interview Focus online, 28.01.2015)

(13) "Oftmals kommen Politiker nach einer Rede von mir auf mich zu und sagen mir im Vertrauen: 'Sie sprechen mir aus dem Herzen. Das ist genau meine Position.' Und ich frage dann: 'Warum sagen Sie das nicht laut?' Die Antwort: 'Das ist in unserem Lande nicht möglich, das kann ich mir nicht erlauben.'" (Interview Smart Investor, 10. März 2015).

(14) "Es scheint mir, dass die heutigen Politiker — mit ihrer Absenz von politischem Mut, mit ihrer Akzeptanz der vernichtenden politischen Korrektheit und mit ihren Privatinteressen — unfähig und unvorbereitet sind [...]. Sie verfolgen ein einziges Ziel – ihre Zeit in hohen politischen Positionen zu maximieren [...] während wir einem Systemdefekt gegenübergestellt sind." (Interview Smart Investor, 10. März 2015) 

(15) "Die heutigen Politiker haben keinen Mut, keine Ideen [...] Sie gehen immer weiter in die falsche Richtung" (Interview Handelsblatt, 09.02.2015), obwohl gerade jetzt "Europa eine Wende braucht, einen radikalen und fundamentalen Systemwechsel, eine Umgestaltung des herrschenden Paradigmas unseres Denkens und unseres Benehmens." (Rede vor dem Management Center Innsbruck, MCI Aula, 6. März 2015).

(16) "Mittlerweile hat sich der Zeitgeist in Tschechien allerdings geändert. Vergangene Woche hielt ich in Prag eine Rede vor Studenten. Zehn Jahre Mitgliedschaft in der EU seien kein Grund zum Feiern, sagte ich. Am Ende erhielt ich Beifall." (Basler Zeitung online, 29. April 2014)

Fachbezogene Schlüsselqualifikationen

Die Verantwortung für den Bereich Allgemeine und Fachbezogene Schlüsselqualifikationen mit den entsprechenden Einzelkompetenzen wird von den Hochschulen und — berufsbegleitend in den Firmen — durch theoretische Vermittlung (Seminare etc., sog. Career-Offices) und praktische Begleitung (Mentoring etc.) im Grundsätzlichen und mit wachsendem Nachdruck wahrgenommen. Nach meiner Einschätzung bestehen hier in absehbarer Zeit keine substantiellen Defizite mehr. Wenn sie bestehen, können sie im Rückgriff auf das bestehende Angebot an Kursen, Seminaren und Beratung für Rhetorik und Argumentation, für Selbstkompetenz, für Sozialkompetenz und Managementkompetenz, angemessen behoben werden.

Fachkompetenz

Auch die Fachkompetenz in verantwortungsbewusster, nachhaltiger Forschung und Anwendung ist in Deutschland und überhaupt in Mitteleuropa bereits überdurchschnittlich leistungsfähig und dynamisch: „Deutschland [ist] 2003 Exportweltmeister bei Umweltschutzgütern [... und nimmt] bei den umweltrelevanten Patenten eine internationale Spitzenstellung ein [...] und es „konzentriert sich mit ca. 80 % der weit überwiegende Teil des Produktionspotenzials für Umweltschutzgüter auf forschungs- und wissensintensive Industriezweige“ (Forschung für die Nachhaltigkeit – Rahmenprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) für eine zukunftsfähige innovative Gesellschaft (2006)). Mit das wichtigste Leitprinzip für nachhaltige Technologien und Prozesse ist die Dezentralität, namentlich in der landwirtschaftlichen Erzeugung und Vermarktung und soweit sinnvoll möglich in der Energieversorgung. Es ist mithin davon auszugehen, dass die bestehenden Programme, Informationsportale und Netzwerke hinreichend effizient sind. Die wichtigsten sind folgende:

Netzplattform und Datenbank zur Nachhaltigkeitsforschung I: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Forschung für die Nachhaltigkeit (fona) [http://www.fona.de/]: „Über die hier aufgelisteten Forschungsfelder erhalten Sie einen thematischen Einstieg in Forschungsschwerpunkte und Forschungsthemen im Bereich Nachhaltigkeit. Informieren Sie sich über die aktuellen Fragestellungen und Lösungsansätze der Forschung für Nachhaltigkeit und lernen Sie dabei deren Vielfalt und Potenziale kennen. Hier finden Sie eine kommentierte Linksammlung zu Internetseiten von Netzwerken, Informationsdiensten, Magazinen“. (Selbstdarstellung) Zur Einführung geeignet: Forschung für die Nachhaltigkeit. Rahmenprogramm des BMBF für eine zukunftsfähige innovative Gesellschaft [http://www.fona.de/pdf/publikationen/forschung_nachhaltigkeit.pdf]

Netzplattform und Datenbank II: Umweltbundesamt Internetportal http://www.cleaner-production.de/. „Das Portal zum Umwelttechnologietransfer Cleaner Production Germany ist ein Internetportal, das umfassend über die Leistungsfähigkeit deutscher Umwelttechnologie und Umweltdienstleistungen informiert. Sie finden hier mehr als 2.500 Informationen mit qualifizierten Zusammenfassungen zur schnellen Orientierung. Über 1.500 ausführliche Praxisbeispiele zum Stand der Technik finden Sie unter Technologiebereiche.“ (Selbstdarstellung)

Netzplattform und Datenbank III: Cambridge Programme for Sustainability Leadership. „The University of Cambridge Programme for Sustainability Leadership (CPSL) works with business, government and civil society to build the capacity of leaders to meet both the needs of society and address critical global challenges.“ (Selbstdarstellung) [http://http://www.cpsl.cam.ac.uk/] Das CPSL unterscheidet drei (vier) Kompetenzfelder nachhaltiger Führung: (1) Knowledge & Skills (= Methodenkompetenz + Fachkompetenz) — (2) Vision & Passion (= Studium generale) — (3) Action & Impact (= Berufskompetenz) — (4) Selbstverpflichtung (= Umsetzung im persönlichen und institutionellen Leben, z.B. durch Verwendung örtlicher landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus biologischem Anbau in der Hochschul-Mensa oder Firmenkantine).

Auch hier, auf der Ebene nachhaltiger Fachkompetenz, ist man heute auf breiter Front mit dem Problem von Schein und Farce konfrontiert, das wir oben bereits im Zusammenhang der unternehmerischen Gemeinwohlverantwortung skizziert haben. Immer mehr Kommunen und Bürgerinitiativen fordern etwa eine Neubewertung der sog. erneuerbaren Energien, da deren hoch subventionierte Energiebilanz und Versorgungssicherheit drastisch abfällt gegen die konventionelle Energiegewinnung und sie im Falle der Windkraft die wahrscheinlich augenfälligste Umweltzerstörung unserer Epoche verkörpern: Zigtausende Stahlbetontürme mit zyklopischen Betonfundamenten und zigtausende neuer Zufahrtsstraßen und Kabeltrassen in Naturlandschaften: "Ökostrom Naturstrom zu nennen, der nur zu haben ist, indem man Natur zerstört, Tiere umbringt und Landschaften vernichtet und Horizonte vernichtet, das ist eine Lebenslüge" (Enoch zu Guttenberg, Mitbegründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). In: ARD: Naturschutz und Energiewende: Der BUND vor der Zerreißprobe?, 07.08.2015).

Berufskompetenz

Da Deutschland und überhaupt der mitteleuropäische Wirtschaftsraum im Bereich Nachhaltigkeit technologisch und wirtschaftlich international mit Abstand führend ist, befinden sich Branchenmitglieder und auch Berufsanfänger in einer bevorzugten Lage. Auch Bereitschaft und Interesse bei Unternehmensleitungen und Mitarbeitern sind groß: „Nachhaltiges Wirtschaften braucht top-down Initiierung und Unterstützung, muss aber dezentral umgesetzt und gesteuert werden, damit es greift [...] Wenn man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmal für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert hat, läuft es wie von selbst.“ (BMU-Broschüre: Nachhaltigkeit braucht Führung 6, 12) Wir beschränken uns daher auf Verweise zu geeigneten Informationsplattformen und Branchen-Netzwerken.

Eine erste Orientierung bietet die BMU-Broschüre: Nachhaltigkeit braucht Führung: bewusst — kompetent — praxisnah; die BMU-Broschüre: Megatrends der Nachhaltigkeit — Unternehmensstrategie neu denken, und die BMU-Broschüre: Nachhaltigkeitsberichterstattung — Empfehlungen für eine gute Unternehmenspraxis.

International ist folgende Netzplattform und Datenbank wichtig: The World Business Council for Sustainable Development (WBCSD). „A CEO-led, global association of some 200 companies dealing exclusively with business and sustainable development. The Council provides a platform for companies to explore sustainable development, share knowledge, experiences and best practices, and to advocate business positions on these issues in a variety of forums, working with governments, non-governmental and intergovernmental organizations. Members are drawn from more than 35 countries and 20 major industrial sectors. The Council also benefits from a global network of some 60 national and regional business councils and regional partners.“ (Selbstdarstellung) [http://www.wbcsd.org/home.aspx]

In nationaler Perspektive ist führend das Portal Produktionsintegrierter Umweltschutz (PIUS): www.pius-info.de. „Praxis-Tools, Kooperationen, Netzwerke und Erfahrungsaustausch ... sind die besonderen Stärken des PIUS-Internet-Portals: betriebliche Erfahrungen mit Verfahren,Technologien und praxiserprobten Maßnahmen [...] Diese fundierten Informationen und Erfahrungen stammen aus Ergebnissen von Beratungen und Projekten in Deutschland im Themenfeld Ressourceneffizienz/PIUS/Nachhaltiges Wirtschaften, die unter Mitarbeit von Unternehmen, Dienstleistern, Verbänden, Kammern und öffentlichen Stellen durchgeführt wurden [...] Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) von großer Bedeutung. Er steigert Ihre Wettbewerbsfähigkeit, führt zu Kostensenkungen und effizientem Einsatz von Roh-, Betriebs- und Hilfsstoffen, trägt zur Optimierung von Prozessabläufen bei, unterstützt bei der innovativen Unternehmensführung und macht Sie zukunftsfähig — im Sinne des Nachhaltigen Wirtschaftens.“ (Selbstdarstellung).

Motivation und Organisation des Studium generale

Motivation theoretischer Prinzipienkompetenz

Die Entwicklung von der Industrie- zur Wissensgesellschaft vollzieht sich in immer größerer Geschwindigkeit. In der Wissensgesellschaft der Zukunft wird Wissen und Bildung zum wichtigsten Kapital. Insbesondere ist die Zielsetzung nachhaltigen Forschens und Wirtschaftens von ganzheitlichem Orientierungswissen, Ethik und Persönlichkeitskompetenz abhängig. Persönlichkeitskompetenz ist der Boden für Selbstvertrauen, Überzeugungskraft, persönlichen wie beruflichen Erfolg und Zufriedenheit. Zugleich liegen wie erwähnt im Bereich der Persönlichkeitskompetenz gegenwärtig die größten Defizite mit unmittelbaren negativen Folgen sowohl für den persönlichen Karriereerfolg wie auch für ethisch überzeugende und nachhaltig erfolgreiche Unternehmensführung.

In der Wissenschaftsethik und Gemeinwohlverantwortung oder Nachhaltigkeit ist „der Wissenschaftler ... nicht in seiner Eigenschaft als Experte gefordert, sondern als Persönlichkeit, die durch den Forschungsprozeß und das geistige Klima geformt und entwickelt wurde, als Mensch, der versteht, komplexe Erscheinungsformen gedanklich zu integrieren, sein Tun in einem größeren Zusammenhang zu begreifen und einzuordnen“ (H.-P. Dürr: Wissenschaftsethik und ihre praktische Umsetzung. In: Das Netz des Physikers. Naturwissenschaftliche Erkenntnis in der Verantwortung, München 2000, 159)

Persönlichkeitskompetenz benötigt zum einen formale Schlüsselqualifikationen oder Methodenkompetenz: Die Unübersichtlichkeit der wachsenden Wissensflut und des schnellen wissenschaftlich-technischen Wandels macht kompetentes Wissensmanagement doppelt nötig. Nur die Organisation und Bewertung von Daten, Fakten, Zahlen und Erfahrungen ermöglicht ganzheitliches, vernetztes Denken und soziale wie emotionale Kompetenz.

Erste Bedingung von Persönlichkeitskompetenz (und Koprinzip eines wirksamen Wissensmanagements) ist aber Prinzipienkompetenz bzw. die inhaltlichen Schlüsselqualifikationen. Sie ermöglichen ein mentales Koordinatensystem und damit eine Architektur des Wissens für strukturiertes Bildungswissen (Orientierungswissen). Isoliertes Fachwissen und unzusammenhängendes Allgemeinwissen reichen hierzu nicht aus.

Motivation praktischer Prinzipienkompetenz

Zur Prinzipienkompetenz gehört Ethik als Prinzipienwissen der praktischen Vernunft und Grundlage moralischer Überzeugung und Zivilcourage. Besonders aufschlussreich und alarmierend sind in letzterer Hinsicht die aktuellen Korruptionsenthüllungen bei Vertretern zivilgesellschaftlicher Nichtregierungsorganisationen (NROs/NGOs), die sich als Vorkämpfer des Prinzips Nachhaltigkeit und damit von sozialer und wirtschaftlicher Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit verstehen. Der vielleicht beste und jedenfalls langjährigste Kenner Afghanistans in Deutschland, Dr. J. Todenhöfer, hat in einem bekannten Interview darauf hingewiesen, dass die krassesten Betrugs- und Korruptionsfälle in diesem Land nicht von afghanischen Behörden ausgingen, sondern von westlichen NROs. Dies bleibt relevant, auch wenn Herrn Todenhöfers Positionen zunehmend irritieren und zu einer Kriminalisierung der Positionen seines Buches Ich denke deutsch: Abrechnung mit dem Zeitgeist (1989) zu driften scheinen, bei der einem nicht recht wohl ist. Das Sich-Breit-Machen von Lug und Trug über das unvermeidliche Maß hinaus gilt auch von Todenhöfers Heimat: "Nirgendwo wird mehr die Wahrheit gesagt. Die Eliten von Politik und Wirtschaft, die sogenannten bürgerlichen Kreise, wir alle heucheln. Deswegen wenden sich viele von der etablierten Gesellschaft ab" (Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter auf ZEIT ONLINE, 27.09.2010: Politische Kultur "Nirgendwo wird die Wahrheit gesagt").

Dass dies ein Menetekel ist, dazu eine persönliche Erinnerung: Im April 1986 habe ich im kleinen Kreis mit dem seinerzeitigen Bundestagsabgeordneten Jürgen Todenhöfer in dessen Wahlkreis Tübingen-Hechingen über die von Bundeskanzler Kohl geforderte geistig-moralische Wende diskutiert. Herr Todenhöfer berichtete dabei über seine jüngste Solidaritätsreise zu den afghanischen Freiheitskämpfern gegen die sowjetische Besetzung unter permanenter Lebensgefahr durch Kampfhubschrauber, Streuminen und Agenten. Mit anwesend war ein württembergischer Pastor, der viele Jahre Kriegsgefangener in sowjetischen Konzentrationslagern Sibiriens war und darüber ein Buch geschriegen hatte mit dem Titel (nach Jesaja 5, 20): Die das Weiße schwarz und das Schwarze weiß nennen. Er erzählte uns, nach seiner Erfahrung sei in der kommunistischen Gesellschaft entschieden noch schlimmer und verheerender als die bekannte Gewalt und Unterdrückung die allgegenwärtige Lüge in jeder Rede, Unterhaltung, Buch, Zeitungsartikel, Film etc., wodurch alles verdreht und auf den Kopf gestellt wurde: Die das Weiße schwarz und das Schwarze weiß nennen. Drei Jahre nach diesem Gespräch ging das sowjetkommunistische Imperium unter: Die allgegenwärtige Lüge hatte so lange eine realitätsabgelöste Phantasiewelt produziert, bis die Substanz aufgebraucht war. Es blieben, bildlich gesprochen, nur Schall und Rauch und unabsehbare Hypotheken für die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit. 

Dass und wie Lüge und Korruption die zentrale Gefährdung von Ethik und Zivilcourage der Führungskräfte sind, zeigt an der fortlaufenden Tagespolitik von Regierungen, NROs, Banken und Konzernen der schon erwähnte, bekannte Wirtschaftswissenschaftler Professor Paul Craig Roberts, Ex-Wirtschaftsminister und stellvertretender Finanzminister der USA und früherer Mitherausgeber des Wall Street Journal. Vgl. hierzu seine Netzpräsenz [http://www.paulcraigroberts.org//]. Er ist derselben Ansicht wie Edzard Reuter: "Amerikaner leben in einer Matrix von Lügen [...] Lügen dominieren jede politische Diskussion, jede politische Entscheidung. Die erfolgreichsten Menschen in Amerika sind Lügner. Die endlosen Lügen haben zu einer Kultur der Täuschung geführt. Und das ist es, warum Amerika verloren ist. Die Überzeugungen vieler Amerikaner, vielleicht einer Mehrheit, bestehen aus Lügen. Diese Überzeugungen sind zu emotionalen Krücken geworden, und die Amerikaner werden kämpfen, um die Lügen zu verteidigen, die sie glauben." (Eine Kultur der Täuschung, Artikel v. 27.09.2012)

Roberts sieht den Kern des Problems immer stärker als moralischen und spirituellen Kampf gegen das Böse unter der Maske des Guten: "Die Korruption des öffentlichen Lebens in Amerika, ja im gesamten Westen, ist total. Es gibt keine verlässlichen Berichte mehr, weder von staatlichen noch von privaten Institutionen. Die wirtschaftliche Berichterstattung ist Propaganda. [...] Die Berichte über Russland, Ukraine, die Moslems sind Propaganda" (Gullible Americans Forever, 17.08.2015). Die zunehmenden Fälle dramatischer Staatsrechts- und Bürgerrechtsverletzungen wie das jüngste Gesetz, dass auch unrechtmäßig verurteilte Strafgefangene die volle Haftstrafe verbüßen müssen, veranlassen ihn zu dem harten Fazit: "Amerika ist ein Gulag. Wir werden von einer Regierung beherrscht, die ohne jede Moral ist, ohne jede Integrität, ohne alles Mitleid, ohne alle Gerechtigkeit." (America: A Land Where Justice Is Absent, 20.08.2015)

Im Blick auf Europa ist das Fazit des zur Zeit weltweit wohl meistbeachteten und geachteten politischen Analytikers: "Aus Sicht der US-Regierung, des Militär- und Sicherheitskomplexes sowie der Neokonservativen, die ihn kontrollieren, sind die Europäer Tölpel, die man dazu bringen kann, sich selbst für die Handvoll von Interessengruppen zu opfern, die 'der Welt einzige Supermacht' steuern [...] Diese Interessengruppen haben sich dem wirtschaftlichen Betrug und dem Krieg verschrieben." (Roberts: Wirtschaft am Abgrund. Der Zusammenbruch der Volkswirtschaften und das Scheitern der Globalisierung, Dresden 2012, 227) Ein Beispiel hierfür haben wir jeden Tag vor Augen: "Europa wird überrannt von Flüchtlingen vor Washingtons und Israels Hegemoniepolitik im Nahen Osten und Nordafrika, die zum Abschlachten enormer Mengen von Zivilisten führt [...] 14 Jahre lang hat Europa Washingtons aggressiven Militarismus unterstützt, der Millionen von Menschen mordete oder vertrieb, die nie einen Finger gegen Washington erhoben hatten. Die Zerstörung ganzer Länder wie Irak, Libyen und Afghanistan und jetzt Syrien und Jemen [...] produzierte ein Flüchtlingsproblem, das die schwachsinnigen Europäer sich selbst aufgehalst haben [...] Nur wenn die Welt aufwacht und realisiert, dass das total Böse [total evil] die Zügel des Westens in Händen hält, hat die Menschheit eine Zukunft." (Insouciance Rules The West, 19.08.2015)

Im Blick auf Deutschland: "Es [liegt] im Interesse Deutschlands [...] eine wirtschaftliche Partnerschaft mit Russland einzugehen. Deutschlands Industrie, Technologie und wirtschaftliche sowie finanzielle Rechtschaffenheit in Kombination mit Russlands Energie- und Rohstoffvorkommen wären die Basis einer neuen Wirtschaftsunion mit hoher Attraktivität für ganz Osteuropa. In dieser Wirtschaftsunion würde jedes Land sowohl seine eigene Währung als auch seine finanz- und steuerpolitische Souveränität behalten [...] Werden [die Europäer] eine vielversprechendere Zukunft selbst in die Hand nehmen?" (Roberts a.a.O. 2012, 42)

Roberts ist sich wohl nicht bewusst, dass dies im Kern die Agenda von "Europas angesehenstem Finanz-Staatsmann" (Wall Street Journal 01.12.1989) war, dem legendären Deutsche-Bank-Vorstand Alfred Herrhausen, dessen Ermordung 1989 Deutschland der "visionären Führerschaft" (ebd.) beraubte: "Mit dem wiedervereinigten Deutschland, seiner Wirtschaftsmacht und geographischen Lage, betrat plötzlich ein neuer Global ... Player die Szene [...] Und an der Spitze ... stand ein ebenso global wie strategisch denkender Kopf. Zugespitzt formuliert, war Herrhausen wahrscheinlich die letzte positive Führungsfigur der Deutschen, die neben Ideen und Konzepten auch über die Macht verfügte, sie umzusetzen." (G. Wisnewski / W. Landgraeber / E. Sieker: Das RAF-Phantom. Neue Ermittlungen in Sachen Terror, München 2008, 130) Jenseits persönlicher Kritikpunkte war Herrhausen hinsichtlich unternehmerischer Gemeinwohlverantwortung und Nachhaltigkeit unbestritten "der beste [aber] auch der mächtigste Mann der deutschen Wirtschaft [...] Mit einer Bilanzsumme jenseits des Bundeshaushalts befehligte und formierte [er] die gewaltigsten Industriekonglomerate des Kontinents" (ebd. 116).

Mit dem definitiven Kauf des „größten britischen Investmentbankhauses Morgan Grenfell“ (a.a.O. 2008, 130) am 29.11.1989 wurde die grundsolide Deutsche Bank die führende Bank Europas und letztlich der Welt, da das japanische wie "das gesamte US-Bankensystem ... am Rande eines Abgrunds“ standen (a.a.O. 128). Am nächsten Tag, 30.11.1989, wurde Herrhausen ermordet.

Nun „zuckte die Deutsche Bank plötzlich zurück [...] Sie vermittelte dabei das Bild eines topfitten Boxers, der acht Runden lang seinem Gegner unermüdlich zusetzt und in der neunten aus unerfindlichen Gründen plötzlich den K.O.-Schlag scheut.“ (a.a.O. 131) Ein "radikaler Kurswechsel ... nach dem Tode Alfred Herrhausens" ließ sie dann "im internationalen Konzert nur mehr die zweite Geige“ spielen (a.a.O. 140, 132).

In Herrhausens Perspektive war sie dagegen Europas führende Geschäftsbank und neben oder an Stelle von Goldman Sachs weltweit führende Investmentbank (a.a.O. 130, 142). Die  Verbindung von Geschäfts- und Investmentbank war angesichts der seinerzeitigen Seriosität des Bankenplatzes Frankfurt nicht automatisch verwerflich. Die damit verbundene Gestaltungsmacht zusammen mit Herrhausens absolutem Willen, das Schuldenproblem in die Hand zu bekommen, war wahrscheinlich die letzte Chance der Weltwirtschaft hierzu. Denn er verfolgte gegenüber IWF und Weltbank drei Ziele, welche angloamerikanische Banken heftig bekämpften — als Bedrohung ihrer unseriösen Kredit- und Entwicklungspolitik und überhaupt der deregulierten Finanzmarktoligarchie (vgl. Perkins: Bekenntnisse eines Economic Hit Man):

(I) Glasnost für den Kapitalismus, also die öffentliche Kontrolle und rechtsstaatliche Regulierung der Finanzmärkte und Großbanken, (II) Ethische und gemeinwohlorientierte Lösung der Schuldenkrise und teilweise Entschuldung der dritten Welt, (III) Organische und nachhaltige Entwicklung der Wirtschaftssysteme des Ex-Ostblocks.

Als Krisenmanager fungierte dabei in Sachen globaler Schuldenexplosion der Nordamerika-Vorstand der Deutschen Bank, Werner Blessing. Zusammen mit Hans Tietmeyer, Staatssekretär im Finanzministerium und späterer Präsident der Deutschen Bundesbank, Prof. Armin Gutowski, Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung in Hamburg (HWWA) und Uwe Barschel, Ministerpräsident von Schleswig Holstein, erarbeitete Blessing einen Fahrplan zur Krisenbewältigung Die internationale Verschuldungskrise: Ursachen, Auswirkungen, Lösungsperspektiven. Der auch aus dem christlichen Glauben kommende sozialethische Antrieb und die Rechtschaffenheit der Projektmitarbeiter waren überdurchschnittlich. Nach Veröffentlichung des Positionspapiers 1987 wurden sie binnen weniger Monate alle ermordet oder starben im besten Alter eines mysteriösen Todes. Nur Tietmeyer überlebte das Attentat (vgl. Das RAF-Phantom 2008, 118—121).

An Stelle dieses gemeinwohlorientierten Krisenfahrplans zwang "die internationale Finanzbürokratie in Washington" [IWF, Weltbank, WTO] zusammen mit dem "Finanzestablishment der Wall Street ... der dritten Welt und den meisten Ländern des ehemaligen Ostblocks ... mörderische Wirtschaftsreformen auf: [...] Strukturanpassungsprogramme [welche] nicht auf wirtschaftlichen Wiederaufbau und stabile Wechselkurse zielen [...] vielmehr zu einem großen Teil dafür verantwortlich [sind], nationale Währungen zu destabilisieren und die Wirtschaften von Entwicklungsländern zu ruinieren." So ein ausgewiesener Kenner der Verhältnisse, der schon erwähnte Wirtschaftswissenschaftler und Berater zahlreicher Entwicklungsländer und internationaler Organisationen, Prof. Michel Chossudovsky in The Globalisation of Poverty. Impacts of IMF and World Bank Reforms, London u.a. 1997 [dt: Global brutal, Frankfurt 2002, 12, 39].

Die akribischen Recherchen der ARD-Redakteure und Mitarbeiter Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker haben nun erdrückendes Beweismaterial dafür zusammengetragen, dass Herrhausen einem — der RAF unterschobenen — Attentat westlicher Geheimdienste mit hochverräterischer Zuarbeit heimischer Behörden zum Opfer fiel. Vgl. ihre ARD-Brennpunkt-Sendung Die Zerstörung der RAF-Legende von 01.07.1992, ihr aufsehenerregendes Erfolgsbuch: Das RAF-Phantom [17 Auflagen 1992—2008], und dessen mehrfach preisgekrönte TV-Verfilmung Das Phantom [2000].

Dasselbe Schicksal erfuhren nach diesen Recherchen bereits früher weitere staatstragende Führungskräfte von erprobter Rechtschaffenheit wie 1977 Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer und Generalbundesanwalt Siegfried Buback sowie später der Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder, der nach der Wende die DDR-Wirtschaft sanieren und nicht durch Investmentbanken liquidieren wollte, wie es nach seiner Ermordung am 25.03.1991 sofort geschah (a.a.o. 2008, 179—217).

Prof. Michael Buback (Göttingen), ein international angesehener Chemiker, schrieb eine umfassende Untersuchung zum Tod seines Vaters Siegfried Buback: Der zweite Tod meines Vaters, München 2009, die das Gesagte bestätigt: "Nach Ende der Lektüre der 365 Seiten muss wohl auch der größte Skeptiker feststellen, dass [...] es der Justiz gar nicht darum geht, exakt festzustellen, wer seinen Vater erschossen hat [...] dass alle ... verurteilten Täter ... es gewiss nicht waren [...] Michael Buback ist nicht jemand, der leichtfertig Behauptungen in die Welt setzt [...] Doch bei seinen Recherchen wurde Buback immer entsetzter [...] Horst Herold, zehn Jahre BKA-Chef, bescheinigte ihm, er sei 'auf der richtigen Spur'" (Rezension SZ, 29.11.2008) Ähnlich die Besprechung der FAZ (8.12.2008): "Niemand ... ist auf die Sprengkraft dieses Buches vorbereitet. Es ist erschütternder als ein Krimi, denn es ist die glasklare, durch solide Quellen gestützte Beschreibung eines [...]  einzigartigen Komplex[es] von Ermittlungsdefiziten, die sich schlüssig nur durch die Hypothese eines behördlichen Schutzes der Hauptverdächtigen erklären lassen [...] Vom überzeugten Anhänger der Arbeit der Bundesanwaltschaft, die sein Vater geleitet hatte, entwickelt sich der Autor nach und nach und äußerst widerstrebend zum Skeptiker des Justizapparats [namentlich bzgl. ...] Verbindungen zwischen Linksterrorismus und Geheimdiensten [...] Das ist der Komplex hinter dem Baader-Meinhof-Komplex. Ihn zu erforschen [...] geht die gesamte Öffentlichkeit an, denn jede Unkorrektheit ... hat  ... das Potential zu schweren Infektionen des Staatskörpers."

Dieselben Zusammenhänge gelten übrigens jetzt auch für Italien — durch einen parlamentarischen Untersuchungsbericht von 2000 — als offiziell nachgewiesen, vgl. R. Igel: Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, München 2006. 

Es ist wohl unbestreitbar, dass es Zeiten gibt, wo Persönlichkeitskompetenz und Ethik der Nachhaltigkeit außerordentliche Klugheit, überdurchschnittlichen Mut und transzendenten Schutz erfordern. Und das bekannte Diktum Tertullians "Das Blut der Martyrer ist der Same für neue Christen" mag mutatis mutandis auch hier zutreffen: "Das Blut der Mordopfer ist der Same für neue Führungspersönlichkeiten".

Kernkompetenz eines Studium generale

Theoretische und praktische Prinzipienkompetenz ist somit erste und wichtigste Voraussetzung für Persönlichkeitskompetenz. Dies macht die Kernkompetenz und den Lehrauftrag des Studium generale aus. Das Leistungsangebot des so definierten Studium generale ist die einzige verfügbare Lösung für dieses Problem. Damit ergibt sich folgendes Profil des Studium generale:

Kernkompetenz: Bildungsmanagement. Ganzheitliches, strukturiertes Bildungs- und Orientierungswissen und strategisches, vernetztes Denken in einem mentalen Koordinatensystem.

Grundüberzeugung: Inhaltliche Schlüsselqualifikationen (Prinzipienkompetenz) sind erste und wichtigste Voraussetzung für Persönlichkeitskompetenz. Der Geist entscheidet.

Philosophie: Nur Bildung und Hintergrundwissen befähigt zu ganzheitlichem Denken, Selbstvertrauen und erfolgreicher sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit.

Vision: Das Studium generale begleitet Studierende resp. Seminarteilnehmer auf dem Weg in eine nachhaltige Wissensgesellschaft der Zukunft.

Organisatorische Optionen

Aus verschiedenen Gründen sind relativ abgeschlossene Themenblöcke oder Module vorteilhaft, in denen die Teilnehmer lernen, mit der modernen Informationsflut intelligent umzugehen, Wissensinhalte einzuordnen, philosophisch zu reflektieren, ethisch zu bewerten und effektiv für Problemlösungen einzusetzen. Die Module können im Rahmen des Lehrbetriebes der Hochschule oder in berufsbegleitenden Seminaren in verschiedenem Umfang eingesetzt werden:

Überblicksveranstaltung: Vorlesung/Vortrag (2 SMW) mit Übung (2 SMW) über alle Module während zwei Semestern oder in zwei einwöchigen Blockseminaren. Die Übungen dienen der Lektüre und Diskussion klassischer Standardtexte bzw. konkreten Fallstudien.

Vertiefte Behandlung eines oder mehrerer Moule in 1 bis 3-tägigen Seminaren oder in Arbeitskreisen.

Das Studium generale sollte auch der Situation und dem Zeitrahmen Berufstätiger sowie Studierender Rechnung tragen, welche der straffen Studienordnung an Hochschulen für angewandte Wissenschaften unterliegen. Die entsprechenden Bildungsprodukte sollten daher diese Kriterien erfüllen: ergebnisorientiert: gründlich und gewinnbringend — kompakt: auf das Wesentliche verdichtet und systematisch strukturiert — kompetent: aktuell und konsequent interdisziplinär — effizient: in didaktisch aufbereiteter attraktiver Form.
Im Blick auf die konkrete individuelle Entwicklung von Persönlichkeitskompetenz und insbesondere Prinzipienkompetenz sollte darüber hinaus — im Rahmen der Möglichkeiten — ein Mentoring angeboten werden. Ergänzend ist zweitens der lebendige Kontakt mit führenden Denkern der Gegenwart zu den Themen der Module wichtig. Daher sollte — bei Implementierung des Studium generale an Hochschulen — wenigstens einmal pro Semester ein Gastvortrag stattfinden.

Alternativer Modulplan eines Studium generale

Der in Folge vorgestellte Modulplan trägt der Beobachtung Rechnung, dass die bestehenden Angebote zum Studium generale der pluralistischen Aufsplitterung der universitären Disziplinen kein schlüssiges transdisziplinäres Konzept entgegensetzen, sondern diese eher wie in einem Kaleidoskop spiegeln. Methodisch verbleibt man auf diese Weise — wenn auch auf hohem Niveau — in isoliertem Fachwissen und unzusammenhängendem Allgemeinwissen. Ich habe während Jahrzehnten das sehr gut ausgebaute Studium generale an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beobachten können, dem in Deutschland eine Vorbild- und Leitfunktion zugesprochen wird. Auch hier beschränkt sich der systematische Anspruch auf eine lockere Schwerpunktbildung je Semester. Wie kann ein alternativer Modulplan aussehen, der auf ein mentales Koordinatensystem und damit eine Architektur des Wissens für strukturiertes Bildungswissen (Orientierungswissen) abzweckt?

Nun, ich glaube, dass sich ein Studium generale — mit sehr guten Gründen — der These des bekannten Philosophen Thomas Nagel (New York) öffnen sollte, dass im Erkennen, Denken und Handeln objektive Vernunft das letzte Wort hat, nicht subjektive Meinungen und Lebensformen. Objektive Vernunft meint allgemeingültige rationale Normen und Methoden, mit denen wir die geschichtlich und kulturell sich verändernden Erfahrungen und Inhalte beurteilen.

Diese Vernunft stellt uns — so Nagel — vor die drei zentralen Fragen der kritischen Philosophie des deutschen Philosophen Immanuel Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? (Kritik der reinen Vernunft B 832—833) Diese Fragen bilden daher eine sehr geeignete oberste Gliederungsebene der Module. (Vgl. Thomas Nagel: Das letzte Wort [The Last Word], Stuttgart 1998 [Oxford 1997])

Die interdisziplinäre Grundlagenforschung der letzten 100 Jahre hat weitestgehende Übereinstimmung darüber erzielt, dass die Wirklichkeit drei eigengesetzliche Ebenen oder Schichten umfasst, welche alle gleichermaßen real sind. Der Wissenschaftstheoretiker K. R. Popper nennt sie drei Welten: (1) Materielle physikalische Außenwelt — (2) Psychische Innenwelt des Bewusstseins — (3) Kognitive Welt des Geistes oder der objektiven Denkinhalte. Die Module erörtern daher sinnvollerweise jede der drei o.g. Fragen auf diesen drei Ebenen der Realität.

Die folgende Verknüpfung bietet ein mögliches Modell eines Modulplan Studium generale mit Ausrichtung an der Zielvorgabe strukturierten Bildungswissens: