Dr. phil. Paul Natterer

Vorbemerkungen

Wissenschaftsphilosophischer Klärungsbedarf

Wissenschaftsphilosophie umfasst im Wesentlichen drei Teildisziplinen. Einmal die Wissenschaftsgeschichte, nach Karl R. Popper das nützlichste und erhellendste Teilgebiet. Sodann die methodenanalytische Wissenschaftstheorie im klassischen Sinn. Und schließlich die Wissenschaftssoziologie, welche die Einbettung des Wissenschaftsbetriebes in die Lebenswelt untersucht und die sich dadurch ergebenden Antriebe, Hindernisse und Konflikte. Vieles, was wir heute unter Wissenschaftstheorie zusammenfassen, war seit der Zeitenwende und bis zur frühen Neuzeit Gegenstand der Rhetorik als Dachdisziplin und Inbegriff höherer Bildung, philosophischer Orientierung und sowohl wissenschaftlicher wie praktischer, politischer Befähigung. Eine rhetorische (oder alternativ: juristische) Ausbildung war in der Spätantike sowohl notwendige wie hinreichende Bedingung für höhere Funktionen in Politik, Verwaltung und Rechtsprechung. Aristoteles, der große Altmeister der Rhetorik, definiert diese als eine Entwicklung und Verbindung von Dialektik [= Logik und Wissenschaftstheorie] und Psychologie [= Logik der Affekt- und Kommunikationsebene] (Rhet. I.2, 1356a25f.). Ihre Aufgabe ist nach Aristoteles die „Untersuchung dessen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist“ (Rhet. I.1, 14, 1355b).

Der Anstoß für vorliegendes E-Buch ist nun die Beobachtung, dass gelernte Logiker und Wissenschaftstheoretiker in den Disziplinen Erdgeschichte, Paläobiologie, Radiometrie und Vorgeschichte bei näherer Betrachtung auf einen Nachholbedarf an Methodenreflexion erkennen müssen. Anders ausgedrückt: einen Nachholbedarf hinsichtlich der "Untersuchung dessen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist". Die Spezialwissenschaft nun, welche die genannten Gegenstandsgebiete und Disziplinen zusammen bedenken und auch zusammenführen möchte, ist die Historische Geologie. Ihr Objekt sind nach dem derzeitigen Standardhandbuch "geologische Fakten und Prinzipien [...,] die Voraussetzungen für das Verständnis der Entwicklungsgeschichte unseres Planeten und seines Lebens" sind (S. M. Stanley: Historische Geologie, Heidelberg / Berlin / Oxford, 1994, 1 [42015 unter dem Titel: Earth System History]).

Dazu vorweg die wichtigsten Grundsätze einer solchen Methodenreflexion. Prominente Vertreter sowohl der naturwissenschaftlich als auch der historisch ausgerichteten Wissenschaftstheorie wie Paul Rudolf Carnap, Karl R. Popper, Thomas S. Kuhn, Paul Feyerabend und Imre Lakatos arbeiten (in unterschiedlicher Terminologie und Ausarbeitung) mit dem Begriff der für den normalen Wissenschaftsbetrieb grundlegenden Forschungsprogramme oder Paradigmen qua regulativer Leitideen oder -theorien. Sie sind der vorausgesetzte axiomatische Hintergrund und Rahmen der Forschung. Ein neuester Schwerpunkt der Wissenschaftstheorie, wofür neben Philip Kitcher insbesondere der Stanforder Wissenschaftstheoretiker Michael Friedman steht sowie der russische Logiker Wladimir Brjuschinkin (1953—2012), ist sodann die Erkenntnis, dass noch einmal eine weitere, zweite und zwar philosophische Metaebene anzusetzen ist. Dabei handelt es sich um die kontrollierte, dynamische Anwendung der kreativen Vernunft auf neue Deutungen und neu entstehende Theorien auf der Ebene der Forschungsparadigmen. Es zeigt sich, dass diese dritte, philosophische Ebene genauso wichtig ist wie die logische Analyse bestehender Paradigmen (= zweite Ebene) und wie methodisches, kontrolliertes empirisches Forschen (= 1. Ebene) in einem vorgegebenen Rahmen oder Paradigma.

Kitcher und Friedman akzentuieren damit sehr stark die Rolle der begrifflichen Vereinheitlichung und der begriffsgesteuerten Forschung in den Wissenschaften. Sie verstehen das als Weiterentwicklung und Korrektur der klassischen deduktiv-nomologischen Theorie wissenschaftlicher Erklärung (ND-Schema) Carl Gustav Hempels (1905—1997), dessen Schüler Friedman ist. Der aus dem Wiener Kreis herkommende Hempel hatte zeitlebends eher die empirische, datengesteuerte Informationsverarbeitung akzentuiert und damit die Wissenschaftstheorie des 20. Jh. weltweit dominiert. Popper ist eher als Kritiker bedeutend, der in konstruktiver Hinsicht weitaus ergiebigere und einflussreichere Wissenschaftstheoretiker ist Hempel (und auch Carnap).

Friedman versteht seinen Arbeitsschwerpunkt zugleich als notwendige Ergänzung zu Thomas Kuhns Grundbuch der historischen Wissenschaftstheorie Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen [Frankfurt a. M. 111991], der in seinen Analysen die Geschichte der philosophischen Metatheorien und ihrer Paradigmen ausgeklammert habe. Aufgabe der Philosophie ist, so Friedman, die Verkörperung und Realisierung einer dritten Metaebene über der normalen Wissenschaft und dem axiomatischen Paradigma. Sie ist allein kompetent, bei sich anbahnenden Paradigmenkorrekturen wie auch bei revolutionären Paradigmenwechseln als klärende, orientierende und leitende Heuristik zu fungieren, den neuen intellektuellen Möglichkeitsraum zu bewerten und so eine verantwortliche Wahl zu ermöglichen.

Es ist daher irrig, die philosophische Analyse auf die anderen Stufen reduzieren zu wollen, die Psychologie (Helmholtz), Mathematik (Carnap), Psychologie und Mathematik (Quine) (Friedman: Dynamics of Reason. The 1999 Kant Lectures at Stanford University, Stanford, 2001, 44). Friedman illustriert dieses dreistufige Modell u. E. überzeugend am Denkweg Newtons. Die philosophische Metaebene war dort ihrerseits Voraussetzung für das konstitutive apriorische Paradigma, das seinerseits notwendige, apriorische logisch-mathematische Voraussetzung und Bedingung der Möglichkeit für die Basisebene der eigentlichen empirischen Gesetze war und ist (a.a.O. 2001, 25—46). Nicht einig gehe ich mit Friedman in der zu konventionalistischen und pragmatischen Deutung des Begriffssystems, der Hintergrundannahmen und Rationalitätskriterien der Paradigmen. Das ist die ihm besonders am Herzen liegende "relativized and dynamical conception" der axiomatischen Ebene der Paradigmen, die er als einen bloßen und noch dazu geschichtlich radikal variablen theoretischen Überbau behandeln möchte. Hier lehnt er sich stark an Thomas Kuhn an und strukturell auch an Paul Rudolf Carnaps Zweistufen-Konzeption der Wissenschaftssprache. Wieso ich das als nicht konform zur tatsächlichen Wissenschaftspraxis und überhaupt zur menschlichen Kognition ansehe, wird näher ausgeführt in Das Kategoriensystem der Grundrelationen in R. Carnaps Der logische Aufbau der Welt, und in Immanenter Realismus. Postmoderne Rekonstruktion der kantischen Erkenntniskritik und negativen Theologie. Einschlägig auch W. Brjuschinkin: Kant, Frege and the Problem of Psychologism. In:Kant-Studien 90, 1999, 59—74.

Wissenschaftssoziologische Macht- und Konkurrenzkämpfe

Man sollte angesichts solcher akademischer Diskussionen und ihrem intellektuellen wie ethischen Anspruch aber nicht übersehen, dass auch Wissenschaft in die Lebenswelt mit ihren Interessen, Eitelkeiten, Ängsten und kriminellen Energien eingebettet ist. Dass die lebensweltliche Vermittlung von Wissenschaft, wie Aristoteles sagt, die Psychologie, d.h. die Logik der Affekt- und Kommunikationsebene, berücksichtigen muss. Ein zeitloses Phänomen in der Geschichte der Wissenschaft ist Erkenntnisunterdrückung bis zum nackten Fanatismus und Glaubenskrieg. Gründe sind kollektive Revierkonflikte und Macht- und Konkurrenzkämpfe, Verletzung der eingebildeten Würde, Bedrohung der Karriere und der Pfründen.

Neue Erkenntnisse bedrohen etablierte wirtschaftliche, politische Institutionen, Interessen, Vorurteilsstrukturen, starr gewordene Lehrmeinungen und Glaubenssysteme. Alte Systeme lassen ihre ganze Macht spielen. Eine Neuordnung erfolgt nur nach erbittertem Kampf, nie freiwillig. Ein Grundbuch hierzu stammt von den Wissenschaftssoziologen Harry Collins und Trevor Pinch: The Golem What you should Know about Science, 2. Aufl. Cambridge University Press 1998: "Through a series of intriguing case studies the authors debunk the traditional view that science is the straightforward result of competent theorisation, observation and experimentation." (Buchvorstellung)

Das bekannteste Beispiel hierfür ist in der Antike die von der Athener Demokratie für Sokrates erfolgreich und für Anaxagoras und Aristoteles erfolglos angestrengte Todesstrafe wegen ihres wissenschaftlichen und ethischen Reformprogramms. Ähnlich epochal war im Mittelalter der anfängliche Widerstand und Verfolgungsdruck des platonischen Establishments der Universitäten gegen die als revolutionär wahrgenommene Aristotelesrezeption Alberts des Großen und Thomas von Aquins. Beispiele in der Moderne sind zwei herausragende Ärzte und Pioniere der Medizin. Zum einen Professor Carl Ludwig Schleich (1859—1922), der Erfinder der örtlichen Betäubung: Trotz Hunderter erfolgreicher Operationen rief das Verfahren der örtlichen Betäubung auf dem Chirurgenkongress 1892 in Berlin einen Sturm der Entrüstung hervor und die abstimmende Chirurgen-Elite sprach sich dagegen aus, wodurch das Verfahren weitere 15 Jahre lang unterdrückt wurde. Ein anderer Fall ist Professor Ignaz Semmelweis (1818—1865, Portrait links auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost 1956 aus der Serie 'Helfer der Menschheit'), der Ignaz Semmelweis 1956 NetzBegründer der Asepsis. Er konnte durch Händedesinfektion des ärztlichen und Pflegepersonals das gefährliche Kindbettfieber radikal reduzieren, so dass die Müttersterblichkeit in seiner Wiener Klinik von 30 % auf 1, 3 % fiel. Die erbitterte Feindschaft der Kollegen und maßgeblichen Professoren der medizinischen Fakultäten sorgte dafür, dass seine lebensrettende Entdeckung jahrelang unterdrückt und der Tod ungezählter Frauen in Kauf genommen wurde und Semmelweis wegen des Beharrens auf seiner Entdeckung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, wo er starb.

Ein Beispiel in der Gegenwart ist die Analyse der These des Klimawandels aufgrund globaler Erwärmung durch menschenverursachten Kohlenddioxid-Anstieg in der Atmosphäre, erarbeitet durch 40+ Geowissenschaftler der Bun­desanstalt für Geowissenschaften und Roh­stoffe (BGR), des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenfor­schung (NLfB) und des Institutes für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben (GGA). Die Analyse gilt nach Umfang und Gründlichkeit als Standard. Das BGR als "technisch-wissenschaftliche Oberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi)" hat die Ergebnisse veröffentlicht unter U. Berner / H. Streif (Hrsg.): Klimafakten. Der Rückblick ein Schlüssel für die Zukunft, 4. vollständig überarbeitete Auflage, Stuttgart: Schweizerbart Science Publishers 2004, ergänzt um ein monumentales 469-seitiges Literaturverzeichnis. Ihr Fazit ist, dass "Kohlendioxid nicht die treibende Kraft für die Temperaturentwicklung in der [geologischen] Vergangenheit war" (2004, 77) und "dass die atmosphärische Kohlendioxidkonzentration über die letzten 570 Millionen Jahre hinweg die Lufttemperatur nicht maßgeblich gesteuert hat. Vielmehr waren es geologische Faktoren [...] die prägenden Einfluss auf das Klima und damit auch auf Kohlendioxid und Temperatur gehabt haben“ (84). Insbesondere ist "seit langem bekannt, dass das Auf- und Ab der Temperaturen [...] mit Variationen der Sonnenaktivität [...] übereinstimmt" (210). Es bedarf keiner Begründung, dass dieses Expertenfazit heute unerwünscht ist. Trotz sehr starkem Interesse in Fachwelt und Öffentlichkeit gilt es als politisch nicht korrekt und zustimmende Forscher werden — mit religiösem Vokabular und Absolutheitsanspruch — als Irrlehrer ("Klimaleugner") und unmoralisch eingestuft: "Der Klimaschutz" hat "als parteiübergreifende Letztbegründung von Macht- und Gestaltungsansprüchen ... die Funktion übernommen, die Nation und Religion in der Vergangenheit besaßen und in anderen Weltregionen noch besitzen" ('Die Klimaforscher sind sich längst nicht sicher'. In: Die Welt, 25.09.2007).

Prof. Dr. Friedrich-Karl Ewert, Präsident des Europäischen Instituts für Klima und Energie, und 410 weitere Wissenschaftler und öffentliche Persönlichkeiten haben deswegen 2009 einen Offenen Brief an Bundeskanzlerin Fr. Dr. Angela Merkel gerichtet, der eine geradezu klassische wissenschaftssoziologische Fallstudie darstellt: "Wir haben keine CO2-kausal begründbare globale Erwärmung [...] Das IPCC [Weltklimarat] hätte diesen Sachverhalt auch feststellen müssen, hat jedoch bei seiner Arbeit 160 Jahre Temperaturmessungen und 150 Jahre CO2-Bestimmungen außer Acht gelassen und damit jeden Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verloren [...] Inzwischen wurde die Überzeugung vom Klimawandel und dessen menschlicher Urheberschaft zu einer Pseudoreligion entwickelt. Ihre Verfechter stellen nüchtern und sachbezogen analysierende Realisten, zu denen ein Großteil der internationalen Wissenschaftlerelite gehört, bedenkenlos an den Pranger." Gleichlautende Appelle haben 1992, 1995/2005, 2006, 1998/2007, 2008, 2009 und 2012 über 30.000 Wissenschaftler inkl. zahlreicher Nobelpreisträger u.a. an den Generalsekretär der UNO Ban Ki-Moon, an US-Präsident Obama und an den kanadischen Premierminister Stephen Harper gerichtet. 2009 wurde bekannt, dass das IPCC seinen quasireligiösen Absolutheitsanspruch mit so rücksichtsloser Zensur und Klimadatenfälschung verfolgte, dass man von einem Climategate spricht: "Über 3000 interne E-Mails und 72 Dateien" der Leitfiguren und Klimaforschungsinstitute des Weltklimarates "enthalten ... zahlreiche Hinweise auf Vertuschungen und Manipulationen". Sie dokumentieren, "wie Datensätze so verändert werden, dass sie zur offiziellen Theorie passen, und wie kritische Journalisten boykottiert werden"; sie "entlarven" auch "die berühmte Hockey-Stick-Kurve [= singulärer Temperaturanstieg seit Ende des 20. Jh.] von Michael Mann als Fälschung" (Focus, 12.12.2009: Klimagate: Skandal um manipulierte Daten). Dazu die Washington Times in einem Leitartikel unter der Überschrift 'Die Vertuschung der globalen Abkühlung': „Die Klimagate-Enthüllungen haben einen beispiellosen koordinierten Versuch von Akademikern aufgedeckt, Forschungsergebnisse für politische Zwecke zu verzerren.“

Das Gesagte gilt ungeschmälert auch in der uns hier beschäftigenden Materie. In meiner Philosophie der Biologie (Norderstedt 2011) habe ich in Kap. 5 'Aktuelle Debatte zur Leistungsfähigkeit der darwinistischen Selektionstheorie' (ebd. 57—83) die wissenschaftstheoretische Kontroverse vorgestellt zwischen Dennett, Daniel: Darwin‘s Dangerous Idea: Evolution and the Meanings of Life, New York 1995 und Fodor, Jerry/Piattelli-Palmarini, Massimo: What Darwin Got Wrong, New York 2010. Dennetts Buch hatte den Anspruch der darwinistischen Selektionstheorie dadurch auf die Spitze getrieben, dass er sie zu einer Theorie für alles erklärte. Fodors und Piattelli-Palmarinis Buch stellt eine Fundamentalkritik dieses Anspruches dar und hat eine lebhafte Auseinandersetzung um die Haltbarkeit der darwinistischen Grundannahme schon in der Biologie ausgelöst. An dieser Debatte bekanntester Kognitionswissenschaftler kann das beschriebene Phänomen der Erkenntnisunterdrückung bis zum Glaubenskrieg, der Revierkonflikte und Macht- und Konkurrenzkämpfe, der Bedrohung etablierter Institutionen, Interessen, Vorurteilsstrukturen, starr gewordener Lehrmeinungen und Glaubenssysteme geradezu idealtypisch abgelesen werden. Denn aus dem akademischen establishment hatte man den Autoren Fodor und Piattelli-Palmarini, wie sie selbst berichten, schon im Vorfeld der Publikation gesagt: „You must choose between faith in God and faith in Darwin; and if you want to be a secular humanist, you’d better choose the latter.“ (2010, xiii) Die Autoren machen denn auch bereits auf der ersten Seite klar, dass sie quer zu dieser Dichotomie stehen, indem sie sowohl Darwinismuskritiker als auch Atheisten und Materialisten sind. Das Buch kritisiert die dogmatische Absolutsetzung und Einigelung des Darwinismus, welche, so die Autoren, immer massiver und verkrampfter wird, je mehr und je schneller neue Fakten und Einsichten das alte Paradigma oder Theoriegebäude in Frage stellen:

„Wir sind uns bewusst, dass selbst bei denen, die sich nicht ganz im Klaren sind, was Darwinismus ist, die Zustimmung zu demselben ein Lackmustest geworden ist, um zu entscheiden, wer ein ‚korrektes wissenschaftliches‘ Weltbild vertritt und wer nicht.“ (xiii) — „Neodarwinismus wird als Axiom behandelt: er ist buchstäblich selbstverständlich […] Eine Sicht, die danach aussieht, diesem, sei es unmittelbar oder einschlussweise, zu widersprechen, wird ipso facto zurückgewiesen, wie plausibel sie ansonsten auch scheinen mag. Ganze Fachbereiche, Zeitschriften und Forschungszentren arbeiten jetzt nach diesem Grundsatz.“ (xiv)

Wie der bekannte Genforscher und Psychiater Joachim Bauer (Universität Freiburg; vgl. Bauer: Das kooperative Gen, Hamburg 2008, 109—110) sind die Autoren der Auffassung, dass der Darwinismus mehr und mehr von Angst motiviert ist und viele Reaktionen nur als Abwehrmechanismen zu verstehen sind: 

„Von mehr als einem unserer Kollegen wurde uns gesagt, dass, selbst wenn Darwin wesentlich fehlging mit der Behauptung, dass natürliche Auslese der Mechanismus der Evolution ist, sollten wir das nichtsdestotrotz nicht aussprechen. Auf jeden Fall nicht in der Öffentlichkeit. Das zu tun, bedeutet, sich, wie unbeabsichtigt auch immer, den Mächten der Finsternis einzureihen, deren Ziel ist, die Wissenschaft in Misskredit zu bringen. Nun, wir stimmen dem nicht zu. Wir denken, der Weg die Mächte der Finsternis zu bannen, ist genau der, den Argumenten zu folgen, wo immer sie auch hinführen mögen, und auf diese Weise, soweit man kann, Licht zu verbreiten. Was die Mächte der Finsternis finster macht, ist, dass sie nicht willens sind, das zu tun. Was Wissenschaft wissenschaftlich macht, ist, dass sie dazu willens ist.“ (xx)

Das Buch ist in Kontakt und im Gespräch mit namhaften Vertretern der evolutionsbiologischen und entwicklungsbiologischen Forschungsgemeinschaft entstanden, zu der auch der gelernte Biophysiker und Molekularbiologe Piattelli-Palmerini selbst zählt. Fodor andererseits ist einer der einflusssreichsten Vordenker der interdisziplinären Kognitionswissenschaft, dessen Einsichten und Analysen wegweisend auch für realwissenschaftliche Disziplinen wie die Neurobiologie wurden (z.B. das Konzept der Modularität des Gehirns). Auch der intellektuelle Übervater der modernen Sprachwissenschaft, Noam Chomsky, zählt zu den Beratern und Anregern des Werkes. Dennoch war zu erwarten, dass Fodor und Piattelli-Palmerini auf großen Widerstand stoßen und emotionalen Aufruhr auslösen würden.

Eine der prominentesten Kritiken des Buches stammt von dem Wissenschaftstheoretiker Philip Kitcher und dem Philosophen Ned Block (Boston Review Online, March/April 2010: „Ned Block and Philip Kitcher: Misunderstanding Darwin. Natural selection’s secular critics get it wrong“). Ihr Hauptpunkt ist, dass Fodors und Piatellei-Palmarinis Forschungsbericht und Argumentation zeige, dass graduelle Korrekturen des herrschenden Paradigmas notwendig sind. Sie würden aber über das Ziel hinausschießen, wenn sie prinzipielle logische Fehler und ein prinzipielles Scheitern der (neo)darwinistischen Theorie demonstrieren wollten. Allerdings gehen Block und Kitcher m.E. nicht auf die wirklich harten Probleme und neuen Befunde ein und versuchen den Ball niedrig zu halten, indem sie sich auf einige unkomplizierte und altbekannte Exempel konzentrieren. Unhaltbar ist auch der Vorwurf an die Autoren, sie seien keine Experten in der Materie, was sie in einem weiteren und auch engeren Sinn durchaus sind und jedenfalls entschieden mehr als Block und Kitcher. Lediglich Kitcher hat sich professionell an der Evolutionsdebatte beteiligt, und auch da stärker nur im Bereich der Soziobiologie. Fodors und Piatelli-Palmarinis Gegen-Stellungnahme ist daher nachzuvollziehen (Boston Review Online, 17.03.2010: „Misunderstanding Darwin. An Exchange“ [Hervorhebungen in Kursiv hier und in Folge von mir, PN]:

„Block and Kitcher keep suggesting that we don’t know enough about biology to criticize a theory that so many biologists hold dear. We are unmoved. For one thing, there is, as far as we can tell, much less consensus among experts than Block and Kitcher suggest. Certified evolutionary biologists have aired their disagreements in many publications over the years. Some are unwavering in their allegiance to the ‚modern synthesis‘ (the fusion of Darwinism with genetics); some advocate revisions and extensions, even radical revisions and radical extensions; and some have declared that the modern synthesis is dead. Quite likely, the neo-Darwinists constitute a majority. But so what? Surely, it’s common ground that the truth isn’t to be found by counting noses, not even expert noses; experts have been known to make mistakes.“

Man sollte hier auch Noam Chomskys beachtenswerte Stellungnahme heranziehen:

„This highly informative and carefully argued study develops two central theses. First, there are alternatives to classical neo-Darwinian adaptationist theories that are plausible, and very possibly capture principles that are the rule rather than the exception even if the basic adaptationist account is accepted. Second, that account cannot be accepted. The two theses are sufficiently independent so that they can be evaluated separately. Whatever the outcome of intellectual engagement with this stimulating work, it is sure to be a most rewarding experience.“ (im Auszug in dem zu besprechenden Werk abgedruckt)

Das Gesagte lässt sich näherhin und in größtmöglichster Deutlichkeit in der Historischen Geologie selbst aufzeigen, und zwar an der gegenwärtig die Geologie beherrschenden Theorie der Plattentektonik:

G10 Alfred Wegener ca.1924-30„Während man früher glaubte, daß die Kontinente durch die umgebende ozeanische Kruste an Ort und Stelle festgehalten wenden, besagt die Theorie der Plattentektonik, daß die Kontinente über die Erdoberfläche driften, da sie Bestandteile mobiler Platten darstellen [...] Als die Vorstellung der Kontinentaldrift Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zum ersten Mal geäußert wurde, erregte sie beträchtliches Aufsehen, in erster Linie als Folge der Beweisführung zweier Wissenschaftler — des Deutschen Alfred Wegener und des Südafrikaners Alexander du Toit.“ (S. M. Stanley: Historische Geologie, Heidelberg / Berlin / Oxford, 1994, 163). [Photo links: Alfred Wegener, 1880—1930]

Dennoch verschwand die Theorie Jahrzehnte aus dem geologischen Diskurs und wurde geächtet:

„Viele Jahre lang wurde der Idee, daß sich Kontinente horizontal über die Erdoberfläche bewegen, einer Vorstellung, die als Kontinentaldrift bezeichnet wurde, in Europa und Nordamerika die Anerkennung versagt. Im Jahre 1944 ging ein führender Geologe so weit zu behaupten, daß die Idee der Kontinentaldrift vorbehaltlos aufgegeben werden sollte. weil ‚jede Diskussion darüber nur das Schrifttum vermehrt und den Verstand der Studenten verrwirrt‘.‘‘ (a.a.O. 1994, 163).

Erst in den 1960er Jahren änderte sich die Situation und zwar grundstürzend: „Das Aufkommen der Theorie der Plattentektonik in den sechziger Jahren löste in den Geowissenschaften eine wahre Revolution aus.“ (Stanley 1994, 163). Die Theorie wurde schnell vom Tabuthema zum umfassenden Erklärungsmodell der Geologie, wobei „im Jahre 1962 ... die Veröffentlichung des amerikanischen Geologen Harry H. Hess mit dem Titel „History of Ocean Basins“ (Geschichte der Meeresbecken) ... den Wendepunkt“ brachte (ebd. 175):

„Hess griff ... ein geophysikalisches Konzept wieder auf, das bereits früher von einer Reihe von Wissenschaftlern diskutiert worden war — nämlich daß Material innerhalb des Erdmantels durch großräumige thermische Konvektion in Bewegung ist. Das hohen Drücken und Temperaturen ausgesetzte Material des Mantels muß in der Art einer sehr zähen Flüssigkeit fließen. Wie wir gesehen haben, wird der Erdmantel durch den Zerfall der darin enthaltenen radioaktiven Isotopen aufgeheizt, und er wird oben abgekühlt. Folglich besitzt der obere Teil des Mantels, da er kühler ist, eine höhere Dichte als der tiefere Teil und sinkt deshalb nach unten ab, während der untere Teil eher aufsteigt. In einem mächtigen Flüssigkeitskörper führt dies zu Konvektionsbewegungen, denselben kreisförmigen Bewegungen, die von der Wärme der Sonne in der Erdatmosphäre erzeugt werden. Hess vermutete, daß der flüssigkeitsähnliche Erdmantel in einzelne Konvektionszellen unterteilt ist, deren weniger dichtes Material beim Aufstieg und der nachfolgenden Abkühlung die ozeanische Kruste bildet. Diese wandert dann nach der Seite weg und wird so zur Flanke eines mittelozeanischen Rückens“ (ebd. 178)

Dies ist die berühmte These der Seebodenspreizung (‚Seafloor Spreading‘). Dazu der Autor des gegenwärtigen Standardwerkes zur Historischen Geologie: „Nur wenige bedeutende wissenschaftliche Ideen sind wirklich vollkommen neu, und so war es auch mit der Theorie von Hess über das ‚Seafloor Spreading‘.“ Dass selbst hier Zufall oder Glück im Spiel waren, zeigt „das Mißgeschick eines kanadischen Geologen namens L. W. Morley. Morley entwickelte dasselbe Modell [...] aber das Manuskript, in dem er sein Modell darlegte, wurde von den beiden Zeitschriften, bei denen er es 1963 zur Veröffentlichung eingereicht hat, abgelehnt. Ein Rezensent des Manuskripts kommentierte zynisch, daß ‚solche Spekulationen höchstens ein interessantes Gesprächsthema auf Cocktailparties wären‘ [...] Radikal neue Ideen setzen sich eben in der Wissenschaft nicht gerade leicht durch.“ (1994, 182—183)

Innovative Querdenker und neue Entwicklungszentren

Diese Vorbemerkungen können verdeutlichen, weshalb in Folge auch innovative Autoren und kontroverse Querdenker herangezogen werden. Der Grund ist, dass es unausweichlich erscheint, bestehende Denkmuster und Forschungsparadigmen dem rapide zunehmenden neuen Datenmaterial anzupassen, sie damit aber auch zu hinterfragen und weiter zu entwickeln. Den dabei auftretenden Widerstand der wissenschaftlichen Orthodoxie gegen neue Fakten, Ideen und Modelle überwinden aber in der Regel eher frische, unbekümmerte, nicht institutionell eingebundene — und dadurch oft ökonomisch und karrieremäßig in Ketten gelegte  Persönlichkeiten und neue aktive Entwicklungszentren an den offenen Grenzen eines Sozialsystems. Nur hier findet sich der Mut angesichts der gegenteiligen öffentlichen oder erwünschten Meinung notfalls auch zu sagen: "Aber der Kaiser hat ja gar keine Kleider!"

Zu einigen dieser innovativen Querdenker vorweg einige Anmerkungen: Ein ebenso bekannter wie kontroverser Forscher zu astrophysikalischen Randbedingungen der Geologie, Biologie und Geschichte ist Immanuel Velikovsky (18951979). Wie kaum ein anderer Natur- und Geisteswissenschaftler hat der fachübergreifende Querdenker Velikovsky seiner Generation kreative und im Nachhinein oft als richtig bestätigte Anregungen gegeben. Christoph Marx hat als Anhang zur deutschen Neuausgabe von Velikovskys Welten im Zusammenstoß im Umschau Verlag (siehe in Folge) eine Tabelle von später wissenschaftlich bestätigten Analysen und Prognosen eingefügt. Dazu gehören (1) elektromagnetische Kräfte im All, (2) Magnetosphäre der Erde bis ins All, (3) junge Kometen, (4) Datierung des Endes der Eiszeit, (5) schnelle Entstehung von Erdöl, (6) Restmagnetismus des Mondes, (7) Wärmefluss des Mondes, (8) Argon auf dem Mond, (9) starkes zerklüftetes Relief des Mars, (10) Argon auf dem Mars, (11) Marsmonde schwer beschädigt, (12) Venus heiß, (13) Wolken der Venus aus Kohlendioxyd, (14) im Vergleich zur Erde abnormale, gegenläufige und kaum geneigte Rotationsbahn der Venus, (15) physikalisch-chemische Aktivität des Jupiter, (16) Radiostrahlung Jupiters (Velikovsky 1978, 343347).

Aber zugleich hat er Hass und Ächtung erfahren. In vieler Hinsicht berechtigterweise. Seine Buchveröffentlichung Welten im Zusammenstoß, Frankfurt 1978 [Worlds in Collision, New York 1950; dt. Neuausgabe Wöllsdorf: Julia White Publishing 2005] bietet Forschungen und kulturgeschichtliches Belegmaterial für das heute wieder salonfähige katastrophistische Paradigma in Geologie, Biologie und Geschichte. Der ergänzende Georges Cuvier F. A. Vincent gemeinfreiBand Erde im Aufruhr, Frankfurt 1980 [Earth in Upheaval, New York 1956; dt. Neuausgabe Wöllsdorf: Julia White Publishing 2005 ] bietet realwissenschaftliches Belegmaterial für das katastrophistische Paradigma. Nach dem Urteil von Fachleuten ist Velikovsky allerdings öfters auch ungenau und bringt manches durcheinander, so dass man im Einzelnen gut daran tut, seine Angaben noch einmal unabhängig zu überprüfen. Die Besprechung von Velikovskys Erde im Aufruhr durch die Studiengemeinschaft 'Wort und Wissen' (siehe in Folge) ist weithin vernichtend: "Der Arbeitsstil entspricht nicht grundlegenden wissenschaftlichen Standards (...) Der Leser wird eher verführt, denn informiert (...) Die vielen negativen Eindrücke überwiegen die wenigen wertvollen Ansätze bei weitem." Diese Kritik lässt sich vertreten, ändert jedoch m.E. nicht den unbestreitbaren Klärungsbedarf, den die Masse des von ihm zusammengetragenen Materials in ihrer Gesamttendenz mit sich bringt. Wir lassen daher Velikovsky einfach einmal seine Geschichte erzählen und machen uns unsere Gedanken dazu. [Bild oben: Georges Cuvier, 17691832, der bekannteste Vertreter des geologischen Katastrophismus vor dessen Renaissance im 20. Jh.; Portrait von F. A. Vincent]

Velikovsky korrespondierte u.a. auch mit Einstein, den er von der Richtigkeit des katastrophistischen Paradigmas überzeugen konnte. Keine Kleinigkeit angesichts des damals allmächtigen gegenteiligen, aktualistischen Paradigmas. Nicht überzeugen konnte er Einstein von seiner Theorie der Planetenkollisionen. Einsteins Brief an Velikovsky vom 22.05.1954: “The proof of “sudden” changes (p. 223 to the end) is quite convincing and meritorious. If you had done nothing else but to gather and present in a clear way this mass of evidence, you would have already a considerable merit. Unfortunately, this valuable accomplishment is impaired by the addition of a physical-astronomical theory to which every expert will react with a smile or with anger—according to his temperament; he notices that you know these things only from hearsay—and do not understand them in the real sense, also things that are elementary to him. […] To the point, I can say in short: catastrophes yes, Venus no.” [Original Deutsch] Für einen Mangel halte ich die naturalistische Vorurteilsstruktur des ansonsten sehr an Religion und an der biblischen Geschichte interessierten Velikovsky. Mit gezwungenen naturalistischen Erklärungen wendet er sich gegen „die subjektive und magische Darstellung der Ereignisse“ (Velikovsky 1978, 273), wie er es nennt, also gegen transzendentes prophetisches Wissen und Handeln, etwa bei Moses, Josue, Jesaja.

Ein weiterer innovativer Autor ist der Diplomphysiker Christian Blöss. Wir werden dessen Buch Ceno-Crash. Neue Überlegungen zum Ursprung und zum Alter des Menschengeschlechtes heranziehen (ersch. Berlin 2000). Mit dem 2010 verstorbenen Professor Hans-Ulrich Niemitz, verantwortlich für das Studium generale an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig (HTWK) und Leiter der Arbeitsstelle Technikgeschichte ebenda, hatte er bereits vorher ein anerkanntes wissenschaftstheoretisches Grundlagenwerk zur 14C-Methode veröffentlicht: Christian Blöss/Hans-Ulrich Niemitz: C14-Crash. Das Ende der Illusion, mit Radiocarbonmethode und Dendrochronologie datieren zu können, Gräfelfing 1997. Forschungsschwerpunkte der beiden Autoren waren bzw. sind Geschichte und Ethik von Technik und Naturwissenschaften, Wechselbeziehungen zwischen Technik, Kultur und Gesellschaft, Technikbewertung, Wandel von Leitbildern für die Technikentwicklung, sowie Chronologie. Nicht überzeugend und plausibel halte ich dagegen aus hier nicht weiter verfolgbaren Gründen ihre Sympathie für die These einer Phantomzeit im Mittelalter.

Als intellektuelle Avantgarde im Blick auf ergebnisoffene Forschung und Hypothesenbildung profilieren sich zunehmend auch asiatische Elitehochschulen und Wissenschaftsverlage, deren Bestrebungen und Ergebnisse u.E. jedoch noch einmal eine ganzheitliche Einbettung erfahren sollten, wie sie dieses Portal zum Studium generale bezweckt. Asien gilt in dieser Hinsicht als hottest new frontier. In Korea werden Erklärungskraft, Kohärenz und Vereinheitlichungspotenzial alternativer Paradigmen durch (i) akademische Institutionalisierung und (ii) Präsenz in der Wissenschaftspublizistik stark gemacht. So durch durch einen spitzenwissenschaftlichen Forschungsverbund für Intelligent Design (Research Association for Intelligent Design), in dem hochkarätige Physiker, Chemiker und Biologen der koreanischen Forschungsuniversitäten mitarbeiten.

Es liegt auf der Hand, dass die hier anstehenden Themen auf kreationistischer Seite größtes Interesse erfahren. In der deutschsprachigen sog. Schöpfungsforschung und dabei speziell bei der hier führenden Studiengemeinschaft 'Wort und Wissen' hat eine beachtenswerte interne Methodendiskussion eingesetzt. Sie wird gespeist von dem unbestreitbar hohen wissenschaftlichen Ethos der deutschen Evolutionskritiker und Junge-Erde-Theoretiker. Diese Methodendiskussion dokumentiert Stephan, M.: Sintflut und Geologie. Schritte zu einer biblisch-urgeschichtlichen Geologie, Holzgerlingen 32010. Das Buch informiert fachübergreifend und wissenschaftstheoretisch reflektiert über den aktuellen Diskussionsstand unter Wissenschaftlern, die das kreationistische Paradigma zu Grunde legen. Auch für Anhänger des evolutionistischen Paradigmas bietet das Buch bei Bedarf eine leicht zugängliche Orientierung, da es durchgängig beide Paradigmen auf dem aktuellen Forschungsstand in Beziehung setzt. Im Vergleich mit ähnlichen amerikanischen Veröffentlichungen fällt die besondere Umsicht, Gründlichkeit und selbstkritische Zurückhaltung auf. Eine Ergänzung bietet Stephan, M.: Der Mensch und die geologische Zeittafel. Warum kommen Menschen nur in den obersten geologischen Schichten vor?, Holzgerlingen 2002. Wir werden diese nach allen wissenschaftlichen Standards vorbildlichen Veröffentlichungen ebenfalls berücksichtigen.

Allerdings ist das monumentale Grundbuch des modernen Kreationismus seitens des Theologen John J. Whitcomb und des Professors für Hydraulik und Geologen Henry M. Morris The Genesis Flood (Philadelphia 1961; dt: Die Sintflut. Der Bericht der Bibel und seine wissenschaftlichen Folgen, Neuhausen/Stuttgart 1977) hinsichtlich Umsicht und Gründlichkeit durchaus auch selten beeindruckend. Es bietet eine vollständige, fachübergreifende und wissenschaftstheoretisch reflektierte Diskussion aller Daten und Theorien der frühen 1960er Jahre durch einen unbestritten brillanten und routinierten Vertreter des akademischen establishments. Das Werk ist unabhängig vom eigenen weltanschaulichen Standpunkt ein wissenschaftshistorisches Phänomen. Es hat im Alleingang das Bewusstsein Dutzender, ja Hunderter Millionen Menschen verändert und viele Beobachtungen und Argumente sind auch heute nicht überholt. Das von Henry M. Morris (19182006) gegründete Institute for Creation Research (ICR: http://www.icr.org/) in Dallas (Texas) ist die unmittelbare Fort- und Umsetzung des von ihm 1961 in dem o.e. Buch aufgestellten Programms. ICR versteht sich heute als akademische Forschungseinrichtung mit einschlägigen Fachbereichen (departments). ICR setzt sich auch national und international bildungspolitisch ein und unterstützte beispielsweise 1985 den türkischen Erziehungsminister Vehbi Dinçerler bei der landesweiten Einführung des Fachs Schöpfungswissenschaft an türkischen Gymnasien. Ebenfalls zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang die Creation Research Society (CRS: http://www.creationresearch.org/), welche seit 1964 das Journal Creation Research Society Quarterly herausgibt. Letzteres ist heute die international führende Publikationsplattform für die entsprechende wissenschaftliche Diskussion, für welche allgemein übliche Standards gelten (peer reviewed). Verantwortlich bei CRS sind promovierte Physiker, Astronomen, Biologen, Geologen, Informatiker und Mathematiker. CRS betreibt in jüngerer Zeit auch eine kleine Forschungsanlage in Arizona, das Van Andel Creation Research Center (VACRC). 

Wo das von Whitcomb und Morris angestoßene alternative Paradigma heute steht, können Interessierte bei Paul Garner einsehen: The New Creationism. Building Scientific Theories on an Biblical Foundation, Darlington, UK 32011. Wir werden wo sinnvoll auf die genannten angelsächsischen Gesamtdarstellungen verweisen. Als  aktuelles Standardwerk contra scientific creationism gilt Mark Isaak: The Counter-Creationism Handbook, Berkeley / Los Angeles 2007. Das führende kreationismuskritische Netzportal ist The Talk Origins Archive. Exploring the Creation / Evolution Controversy.

Das Grundbuch zur Frage nach Menschenfunden und Artefakten in Tertiär und Mesozoikum ist sodann Michael A. Cremo / Richard L. Thompson: Verbotene Archäologie. Sensationelle Funde verändern die Welt, Augsburg 1996 [orig.: Forbidden Archeology: The Hidden History of the Human Race, San Diego 1993]. Wer auf die trockenste und wissenschaftlichste Weise sein Weltbild hinterfragen lassen will, sollte dieses Buch lesen. Das Buch ist wissenschaftshistorisch und wissenschaftstheoretisch seriös. Und zugleich voll abscheulicher Häresien für das z.Zt. geltende Glaubensgebäude zur Vorgeschichte. Wieweit sich der Leser auf das hier zusammengetragene Material einlässt, ist seine Sache. Die inhaltliche These ist: „Die umfangreichen Beweise für die Existenz werkzeugmachender Hominiden im Tertiär wurden faktisch begraben, und die Stabilität des ganzen Gebäudes der modernen Paläanthropologie beruht darauf, dass sie begraben bleiben.“ (1996, 221) Die methodologische These: „Was wir … vorrangig zeigen möchten, daß … in der Wissenschaft ein Wissensfilter existiert, der unwillkommenes Beweismaterial aussiebt“ (1996, 16). Die Quellen: „Von seiten des heutigen wissenschaftlichen Establishments hört man immer nur, daß einzig fundamentalistische Schöpfungsgläubige und frühe anti-evolutionistische Wissenschaftler dem herrschenden evolutionären Verständnis der menschlichen Ursprünge gegenteiliges Beweismaterial entgegengesetzt hätten. Aber das ist falsch. Wissenschaftler, die an die Evolution glaubten, waren für die in diesem Buch gesammelten Informationen die wichtigste Quelle.“ (1996, 235) Wir werden diese immense Dokumentation ebenfalls auswerten.

Der vielleicht provokativste und — durchaus auch in problematischer Weise — unbekümmerteste Quereinsteiger, den wir berücksichtigen, ist der internationale Erfolgsautor Hans-Joachim Zillmer mit Darwins Irrtum. Vorsintflutliche Funde beweisen: Dinosaurier und Menschen lebten gemeinsam, München 22011, sowie ders.: Irrtümer der Erdgeschichte. Die Wüste Mittelmeer, der Urwald Sahara und die Weltherrschaft der Dinosaurier: Die Urzeit war gestern. Mit einem Vorwort von o. Univ.-Prof. Dr. Bazon Brock, Bergische Universität Wuppertal, München 52008. Wir tun dies aus drei Gründen: Erstens ist es einfach Fakt, dass Zillmer im deutschen Sprachraum und darüber hinaus zur historischen Geologie der revisionistische Autor mit der größen Breitenwirkung ist. Das heißt, eine sehr große Zahl von Menschen, die sich außerhalb des akademischen Elfenbeinturms mit diesen Themen beschäftigen, tun dies im Rahmen und anhand der Argumente Zillmers. Nun muss ein Sprecher oder Autor bekanntlich seine Zuhörer resp. Leser dort abholen, wo sie stehen, und von deren Wissensstand und Fragen ausgehen. Zweitens ist nicht zu bestreiten, dass Zillmer viele — meist schon andernorts publizierte — Daten und Indizien zusammengetragen hat, die nach den üblichen wissenschaftlichen Standards gebieterisch nach einer neutralen Untersuchung verlangen, auch wenn vieles andere nicht diskussionswürdig erscheint. Und drittens ist Zillmers Ansprechen der Ungereimtheiten und Widersprüche der dogmatischen Lehrsysteme im Umgang mit der Datenbasis eine moderne Eulenspiegelei, der die Berechtigung nicht von vorneherein abgesprochen werden kann. Diesen dritten Grund hat der bekannte Kultur- und Kunstheoretiker und Ehrendoktor der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Prof. Dr. Bazon Brock, näher ausgeführt:

"Zu Zeiten der Gebrüder Grimm, die sich mit zahlreichen Kollegen der Entwicklung der Sprachen und Kulturen widmeten, versuchten die »Gebrüder Charles«, Charles Lyell und Charles Darwin, ebenso erfolgreiche Erzählungen wie die der Kulturforscher, Epiker und Volksmythenerzähler über die Geschichte der Erde und des Lebens unter das Volk zu bringen. Und der Erfolg der Gebrüder Charles als wissenschaftliche Autoritäten war so groß, dass wir noch heute kaum wagen, andere Erzählungen zu akzeptieren oder wenigstens wie Zillmer mit ihnen zu experimentieren. Lyell schrieb bereits 1840 die bis heute sakrosankte geologische Zeitskala fest, obwohl der damalige Stand des erdgeschichtlichen Wissens zum heutigen sich einigermaßen kurios ausnimmt. Wozu wird überhaupt Erdgeschichte betrieben, wenn 150 Jahre Forschung zu keinerlei Korrektur an den Grundannahmen von 1840 geführt haben müssen?

Die geologische Zeitskala bedingt aber unmittelbar die biologische, da die Datierung von Funden ehemaliger Lebewesen oder ihrer Spuren von der Datierung der Erdformationen abhängig ist, aus denen sie geborgen wurden. Auch beeinflussen die geologische Zeitskala und die an sie geknüpften Vorstellungen von Wandlungsprozessen Annahmen über die zeitvernichtende Konservierung der Lebensspuren. Ein geradezu schlagendes Beispiel für diese Zusammenhänge von Erdgeschichts- und Lebensgeschichtsdarstellung bietet die übliche, umstandslose Übertragung des geologischen Konzepts »Versteinerung« auf die Bewahrung von Lebensspuren, obwohl kein Geologe und kein Biologe bisher zeigen konnte, wie denn ein Organismus sogar mit allen Feinheiten seiner Oberflächengestalt je hätte erhalten werden können, wenn man das geologische Modell der Versteinerung durch lang anhaltendes Walten der Zeit zugrundelegt.

Man kann Autoren wie H.-J. Zillner das intellektuelle Vergnügen nachempfinden, mit dem sie die Kuriositäten aufspießen, die etablierte Normalwissenschaftler beim Festhalten an überkommenen Denkmodellen produzieren, da sie ihre Forschungsresultate unbedingt ins Denkdogma einpassen wollen, anstatt anhand ihrer Resultate neue Denkmodelle zu entwickeln. Geradezu peinlich wird es, wenn Lyellisten und Darwinisten sich über den Dogmatismus der Kreationisten mit dem Argument erheben, die Forschungsresultate widerlegten die biblischen Schöpfungslehren. Zwar trifft das Argument zu, aber die Lyellisten und Darwinisten wollen ihrerseits nicht wahrhaben, dass eben jene Forschungsresultate auch nicht mehr ins Konzept ihrer Wissenschaftsbibel passen. Den blühenden Unsinn, zu dem solche Weigerung führt, dokumentiert Zillmer an zahlreichen Stellen seiner Analyse von Charles' Märchen:

Ein im Dogma der geologischen Zeitskalen und der zu ihr parallelen Lebenstypologien befangener Paläontologe, der die Orientierung auf Eiszeitalter für selbstverständlich hält, rettet sich aus den Widersprüchen des Eiszeitkonzepts zu konkreten Biofunden in die Feststellung, dass »die typischen Eiszeittiere« (darunter Löwen und Nashörner!) die Jahrtausende oder Jahrzehntausende anhaltenden Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt »mit stoischer Gelassenheit ertrugen«. Das wäre nur denkbar, wenn sie sich für Jahrtausende entmaterialisiert hätten - ein märchenhafter Zauber, gegen den Funde eindeutig sprechen." (Vorwort Univ.-Prof. Dr. Bazon Brock in Zillmer 2008, 1215)

Der vom Bauingenieurswesen herkommende Zillmer hat übrigens mit einem Versteinerungsmodell der anorganischen Chemie (Naturbeton) einen ernstzunehmenden Forschungsbeitrag beigesteuert. Es liegt auf der Hand, dass seitens des establishments auch und besonders Zillmer gegenüber auf das kommunikationstheoretische principle of charity verzichtet wird. Andere professionell ausgewiesene und um Tuchfühlung mit der etablierten Geologie bemühte Junge-Erde-Theoretiker wie die ‚Studiengemeinschaft Wort und Wissen‘ (s. o.) haben hingegen zu Zillmer eine konstruktive Kritik formuliert, die wir auszugsweise wiedergeben (R. Junker/M. Stephan: Rezension zu Hans-Joachim Zillmer Darwins Irrtum. In: Wort und Wissen, Info 46“, März 1999):

„Wesentliche Behauptungen des Buches sind die Gleichzeitigkeit der Entstehung der geologischen Systeme (Formationen) und damit einhergehend die Gleichzeitigkeit der Einbettung der in diesen Schichten enthaltenen Fossilien. Ein weiteres wichtiges Thema des Buches ist das häufige Vorkommen menschlicher Artefakte oder Spuren in geologischen Schichtfolgen, die nach herkömmlicher geologischer Sicht bis zu mehrere hundert Millionen Jahre alt sein sollen. Der Autor schließt aus diesen Indizien auf ein Erdalter von wenigen tausend Jahren, womit aufgrund der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit Evolution unmöglich sei und Darwin sich geirrt habe. Der Autor plädiert allerdings nicht für Schöpfung durch den in der Bibel bezeugten Gott, sondern tendiert stärker zur Ansicht, daß die Menschen durch "Außerirdische" erschaffen wurden. [Die allerdings eher randständigen Spekulationen Zillmers zu möglichen außerirdischen Lebensformen und zum Buch Genesis halten wir ebenfalls für verfehlt. So wenn er das Buch Genesis dahingehend interpretiert, dass der Schöpfer Söhne habe und Gott und den Söhnen einen möglichen Leib zuspricht (Zillmer 2011, 272) oder die Spekulation eventueller außerirdischer Zivilisationsbringer (Annunaki) (Zillmer 2011, 274275). Inzwischen bekennt sich Zillmer jedoch zu einem naturalistischen und insofern atheistischen oder pantheistischen Ansatz der Entstehung des Lebens] 

Das Buch handelt großenteils von Deutungen geologischer Befunde [...] Es zeigt sich ... deutlich, daß Zillmer grundlegende geologische Kenntnisse nicht berücksichtigt. [...] Verwunderlich ist auch, daß der Autor scheinbar nichts über die neueren katastrophischen Deutungsweisen in der Geologie weiß. Die heutige Geologie ist schon länger nicht mehr so einfach uniformitaristisch wie zu Zeiten Lyells und lange Zeit danach. Daß Zillmer das nicht weiß (jedenfalls nicht erwähnt und anderes schreibt), ist geradezu ein Beleg, daß er die aktuelle Fachliteratur nicht im Entfernsten kennt oder einfach ignoriert. [...] Dies ist bei der behandelten Thematik und derart gewagten Behauptungen nicht tragbar. Wer Neues behauptet, muß sich mit dem bisherigen kritisch auseinandersetzen [Diese Kritik ist m. E. freilich so nicht richtig, insofern Zillmer sich durchaus anhand Handbuchliteratur und allgemeinverständlichen, aber erstrangigen Wissenschaftszeitschriften einen fortlaufenden Überblick über die Diskussionslage verschafft und sich Kontoversen mit Fachvertretern des etablierten Paradigmas stellt.] [...] Abgesehen von wenigen Lokalitäten, die der Autor besucht hat, scheint er auch keine wirklichen geologischen Geländekenntnisse zu besitzen [Das ist so auch nicht ganz korrekt. Zillmer hat sich nach Ausweis seiner Kontakte, Veröffentlichungen und Fotodokumentationen, z. T. unter aktiver Beteiligung, ein weltweites Bild zur Feldforschung verschafft.].

Die Auflistung von menschlichen Artefakten in viel zu 'alten' Schichtfolgen sollte unabhängig von den gravierenden Mängeln des Buches überprüft werden. Ein Urteil darüber kann aus der Entfernung nicht abgegeben werden. Sollten sich Befunde dieser Art bestätigen, wären das sehr wichtige Indizien; sie würden aber nicht die generell vorfindliche Ordnung der geologischen Systeme und ihrer Fossilien in Frage stellen und können daher keinen Beweis für die pauschale Behauptung sein, alle Lebewesen hätten gleichzeitig existiert. Diese Behauptung folgt zwar aus der biblischen Sicht der Geschichte des Lebens und gehört zu den Grundlagen der Arbeit der SG Wort und Wissen, aber sie kann in der Weise Zillmers nicht annähernd ausreichend belegt werden (so wünschenswert das wäre) [...] Trotz Sympathie mit dem Anliegen des Autors, für eine junge Erde und gegen Evolution zu plädieren, kann das Buch aus den genannten Gründen nur negativ bewertet werden. Den einzelnen in die übliche geologische Abfolge nicht-passenden Funden sollte jedoch nachgegangen werden.“

Wir glauben dem sich so ergebenden Gesamtbild von Zillmers Erfolgsbüchern am passendsten dadurch Rechnung zu tragen, dass wir zu den einzelnen Themen, Befunden und Argumenten in Klammern jeweils Verweise auf Parallelstellen in Zillmers o. e. Veröffentlichungen alias Eulenspiegeleien einfügen.

Der Gerichtshof der menschlichen Vernunft

Im Fazit: Die vorliegende Publikation möchte dem — von einer wissenschaftlichen Untersuchung zu fordernden — Anspruch intellektueller Redlichkeit gerecht werden, so dass sie von denkenden Menschen der Gegenwart Ernst genommen werden kann und von kommenden Generationen nicht als fachlich und schlimmer noch: wissenschaftsethisch indiskutables Zeitgeisterzeugnis ignoriert werden wird. Es liegt dabei auf der Hand, dass kein Autor das riesige fachübergreifende Datenmaterial zu unserem Thema im Einzelnen zu beherrschen vermag. Er muss sich auf dessen Aufbereitung durch andere Autoren und Forschungseinrichtungen stützen. Die gegenwärtige Erkenntnistheorie hat diese Einsicht wieder ins Zentrum gerückt: „Ganz offensichtlich beruht zumindest ein sehr großer Teil unseres Wissens auf den Berichten anderer Personen“ (P. Baumann: Erkenntnistheorie, Stuttgart/Weimar 22006, 277). Dies gilt für den Alltag wie für die Wissenschaft, für die Genese wie für die Rechtfertigung des Wissens. Dass „ein großer Teil unseres Wissens sozialer Natur“ ist (2006, 281), machen die Fakten deutlich: „Zum einen überprüft einfach niemand systematisch den Wahrheitsgehalt der Äußerungen anderer Personen [...] Dies liegt daran, dass niemand in der Lage ist, dies zu tun“ (2006, 280). Zweitens: Selbst wenn man dies versuchte, hätte es wenig Nutzen, weil die Prüfkriterien wieder von Äußerungen anderer Personen abhängen (J. McDowell/E. Sosa/C. A. J. Cradey: Testimony. A Philosophical Study, Oxford 1992, M. Welbourne: The Community of Knowledge, Aberdeen 1986). Was man aber verlangen kann, ist, dass der Wissenschaftstheoretiker und -philosoph fachlich orientiert und urteilsfähig nach bestem Wissen und Gewissen bei der Sichtung und Bewertung des Stoffes dem aristotelischen Kriterium folgt, nämlich der „Untersuchung dessen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist“.

Kantisch ausgedrückt ist das vorliegende E-Buch ein Plädoyer vor dem Gerichtshof der menschlichen Vernunft für das Recht und die Pflicht, auch o.g. kontroverse Autoren zu hören und ihre Argumente zu prüfen, die wir vorstellen. Der bekannte Kantinterpret Volker GerhardtVolker Gerhardt Netz [Photo rechts] hebt — insbesondere angesichts der Methodenlehre der Kritik der reinen Vernunft, 1. Hauptstück, 2. Abschnitt, B 766797 – ins Relief, dass die Vernunftkonzeption Kants theoretische Selbstorientierung durch Wissenschaft als einen „realen Prozeß“ und zwar „im empirischen Verlauf der Welt“ fasse (Die Disziplin der reinen Vernunft, 1. Abschnitt (A738/B766A794/B822). In: G. Mohr/M. Willaschek, (Hrsg.): Immanuel Kant. Kritik der reinen Vernunft, Berlin 1998, 571–595, bes. 572573). Dieses Ziel ist nach Lage der Dinge nicht ohne Kampf und Selbstbehauptung in der Lebenswelt und Geschichte zu erreichen. Alles andere wäre „Geschichtsblindheit“ und „optimistische Harmlosigkeit“ (a.a.O. 1998, 578). Vernunft hängt von Freiheit, individueller Verantwortung ab, und diese benötigt die Prüfung, den Streit in der Öffentlichkeit der allgemeinen Menschenvernunft. Sie entspricht daher einem politischen Körper und/oder einem Gerichtshof (B 779; (1998, 579583)). Das sokratische Programm der individuellen Selbsterkenntnis wird in der KrV erweitert zu dem „Projekt einer menschheitlichen Selbstaufklärung durch Wissenschaft und Philosophie“ (1998, 588). Dieses Projekt ist dialektisch und dialogisch (B 805; a.a.O. 1998, 591).

Anmerkungen zur Literatur

Das Literaturverzeichnis bietet ansonsten eine Übersicht der direkt verwendeten oder im Hintergrund stehenden Buch- und Aufsatzliteratur, unterschieden nach den Kategorien 'Logik und Wissenschaftstheorie', 'Physik, Astronomie und Geologie' und 'Paläobiologie, Paläanthropologie, Archäologie und Vorgeschichte'. Zu den hier herein spielenden Disziplinen finden Interessierte mehr in den Handbüchern des Verfassers zur Philosophie der Logik, (Norderstedt 2010), zur Philosophie der Physik (Norderstedt 2010) und zur Philosophie der Biologie (Norderstedt 2010).

Das Standardwerk der Schulgeologie zu unserem Thema ist Steven M. Stanley: Historische Geologie. Eine Einführung in die Geschichte der Erde und des Lebens, Heidelberg / Berlin / Oxford 1994 [22001; orig: Earth and Life through Time, 21989, New York]. Die 4. Auflage von 2015 hat John A. Luczaj zum Ko-Autor und liegt unter dem Titel vor: Earth System History, Wir verwenden Stanleys Arbeit durchgängig als Referenzwerk für den derzeitigen Forschungsstand.

Es gibt inzwischen auch mehrere aktuelle schulgeologische Lehrbücher, die die Historische Geologie mit Schwerpunkt Mitteleuropa behandeln. Jenes von Olaf Elicki / Christoph Breitkreuz: Die Entwicklung des Systems Erde, Berlin / Heidelberg 2016, werten wir in Folge ebenfalls durchgängig für die jüngsten Entwicklungen in der Historischen Geologie aus. Diese Lehr- oder Handbücher sind allerdings konsequent didaktisch ausgerichtet, also v.a. auf prüfungsrelevanten Lernstoff oder lexikalisches Grundwissen für angrenzende Disziplinen und Nichtfachleute. Sie sind m.a.W. kompakter, bieten umfangmäßig nur halb so viel Material wie Stanley und gehen praktisch nicht auf Sachdiskussionen von Hypothesen und Theorien ein. Stattdessen finden sich allenfalls knappe Hinweise auf strittige Themen. Das kann man einem einführenden Handbuch nicht zum Vorwurf machen. Wohl aber, dass man wissenschaftstheoretisch und philosophisch auf viel hemdsärmelige Naivität stößt und zeitgeistige Denkschablonen. Aber wir sagten bereits, dass wir in diesem akademischen Sektor auf einen Nachholbedarf an Methodenreflexion erkennen müssen und dies ein Antrieb für vorliegende Studie ist.

Elicky und Breitkreuz sind Professoren der renommierten TU Bergakademie Freiberg, der Wiege der Historischen Geologie am Ende des 18. Jh. Ein Vorteil ihrer Darstellung ist, dass sie als forschungsintensive Akteure an der vordersten Front ihrer Disziplin stehen. Sie skizzieren aus eigener Praxis nüchtern und sachlich speziell die enormen Probleme bei der überregionalen Koordinierung der geologischen Schichten trotz der in den letzten 15 Jahren erweiterten, aber auch verkomplizierten Datierungsmethoden.

Ihr Buch legt ferner nahe, dass heute auch in der Schulgeologie das Prinzip oder Dogma des Aktualismus zu einem bloßen Lippenbekenntnis geworden ist. In der Sache konzentrieren die Autoren die Historische Geologie viel stärker auf den geologischen / biologischen Katastrophismus. Dutzendfacher Extremvulkanismus, Impakte, neun große Vereisungen der Erde seit dem Proterozoikum, fünf globale Massenaussterben, Kontinentkollisionen und -brüche, Meeresspiegelschwankungen und Überflutungen sind Angelpunkte des Buches.

In einem weiteren Punkt ist die Darstellung wesentlich realitätsdichter als die Mehrzahl der Veröffentlichungen noch vor ein, zwei Generationen, die hier gerne imaginären Spekulationen nachhingen. Dieser Punkt sind die erforderlichen physikalischen und chemischen Bedingungen für die Konservierung und Fossilisierung pflanzlicher und tierischer Lebewesen. 

Einen Überblick über die Geologie und ihre Disziplinen bietet ansonsten Stanley (1994 [42015]). Im Einzelnen sind dies besonders die Mineralogie — Gesteinskunde (Petrologie) — Stratigraphie — Strukturgeologie mit Tektonik — Paläoontologie und -biologie — Geophysik — Geochemie — Biogeologie. Im Blick auf den Objektbereich der Geologie an dieser Stelle nur die folgenden Hinweise. Ansonsten muss im Rahmen dieser Untersuchung auf die einschlägige Fachliteratur verwiesen werden. Die derzeitig etablierten Überblickswerke zur Geologie insgesamt sind Heinrich Bahlburg / Christoph Breitkreuz: Grundlagen der Geologie, Berlin / Heidelberg 52018, und die umfangreiche und gründliche Darstellung von John Grotzinger / Thomas Jordan: Press / Siever. Allgemeine Geologie, Berlin / Heidelberg 72017. Hier stört allerdings eine recht penetrante Ausrichtung des Schlusskapitels auf das akademisch sehr hinterfragbare (s.o.) Thema Klimakatastrophe.

Die Geologie sieht die Erde heute primär als ein wechselwirkendes System aus Lithospäre (Gesteinshülle), Hydrosphäre (Wasserhülle), Atmosphäre (Lufthülle), Magnetosphäre (Errdmagnetfeld) und Biosphäre (Lebewelt). Das System wird v.a. durch drei Kräfte oder globale Motoren bewegt: (i) Die Gesteinshülle und ihre Plattentektonik durch die magmatische Konvektion des Erdmantels und diese durch die Wärmekraftmaschine des Erdinneren; (ii) die Magnetospäre durch einen dem Erdmantel zugeordneten Geodynamo; (iii) die Atmosphäre und Hydrosphäre, also die Hauptfaktoren des Klimasystems, durch die Sonneneinstrahlung und diese durch den stellaren Fusionsreaktor der Sonne..

Die starre Gesteinshülle der Erde gliedert sich in ca. 12 über eine plastische Tiefenschicht (Asthenosphäre) driftende Kontinentalplatten und wird seit ca. 1970 durch "die alles erklärende Theorie der Plattentektonik" (Press / Siever 2017, 24) beschrieben: "Die Plattentektonik liefert den begrifflichen Rahmen ... für die gesamte moderne Geologie." (ebd.) Wenn sich divergierende Kontinentplatten von einander entfernen, meist an den mittelozeanischen Rücken, entsteht an der Kluftstelle neuer Meeresboden bzw. neue Lithosphäre. Wenn konvergierende ozeanische Kontinentplatten zusammenstoßen, taucht eine unter die andere weg in den Erdmantel, sodass Gestein und Plattenmaterial zerstört.wird (Subduktion). Wenn eine ozeanische und eine kontinentale Platte konvergieren, entstehen hauptsächlich neue Gebirge an den Kontinenträndern.

Die drei Hauptgruppen von Gesteinen sind: magmatisch = erstarrte Gesteinsschmelze als vulkanisches Ergussgestein oder plutonisches Tiefengestein (Intrusivgestein); sedimentativ: verwitterte, erodierte Mineralkörner — v.a. Silikate: Sande / Tone / Quarze und Salze inkl. Calzite — oder deren Ausfällungen aus Wasser, welche verdichtet und durch Lösungen zementiert und verkittet sind; metamorph: umgewandelte Gesteine unter hohen Drücken und Temperaturen zwischen der oberen und unteren Erdkruste (in 10—30 km Tiefe). Dabei werden Mineralbestand, Gefüge und chemische Zusammensetzung verändert, aber es erfolgt kein Aufschmelzen. Baustoff der Gesteine sind Minerale: "Per Definition ist ein Mineral ein homogener, natürlich vorkommender, kristalliner [geordnete atomare Gitterstruktur], im Allgemeinen anorganischer Festkörper bestimmter chemischer Zusammensetzung [Molekülstruktur]." (Press / Siever 2017, 54): 

Wissenschaftsgeschichtliche Skizze zur Geologie

Geologische Zeittafel

Wir stellen die gegenwärtig etablierte geologische Zeittafel an den Anfang, als formalen Bezugsrahmen der Diskussion, unabhängig von deren mehr oder minder starken Infragestellung durch die zu besprechenden Daten und Theorien:

Ära Periode [System] Epoche [Serie] Zeit Anmerkungen
Erdneuzeit / Känozoikum Quartär Holozän 10.000 Jahre Ende Eiszeit, Gemäßigtes Klima, Quartäre Aussterbewelle der eiszeitlichen Megafauna, Homo sapiens
Pleistozän 2, 6 [1, 8] Mio. Eiszeitalter, Vergletscherung, Meeresspiegelabsenkungen und Wiederanstieg, anhaltende Artenfülle und Gigantismus der Fauna, Hominiden
Tertiär Neogen Pliozän 5 Mio. Alpide Gebirgsbildung, Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika, Golfstrombildung, Individiuenreichtum, Artenfülle und Gigantismus der prinzipiell modernen Fauna, Primaten, Singvögel
Miozän 24 Mio. Alpide Gebirgsbildung, Austrocknen des Mittelmeeres, Mehrheitlich kühles Klima, Steppenflora, Gräser und Kräuter, Versiegelung der Erde durch Graslandschaften, Großsäuger, Affen
Paläogen Oligozän 34 Mio. Alpide Gebirgsbildung, Starke Abkühlung, Großer Faunenschnitt (2/3 der Säugetierarten sterben aus)
Eozän 55 Mio. Alpide Gebirgsbildung, Vulkanismus, warmes Klima, Urwaldflora, Säugerexplosion mit exotischen und gigantischen Lebensformen, Wale
Paläozän 65 Mio. Alpide Gebirgsbildung, Säugetiere
Erdmittelalter / Mesozoikum Kreide 141 Mio. Feuchtwarmes Tropenklima, Saurier, Vögel, Blütenpflanzen und Laubbäume, 5. Massenaussterben (KT-Impakt)
Jura 205 Mio. Auseinanderbrechen von Pangäa, (Sub)tropisches Klima, Nadelwälder, Saurier
Trias 215 Mio. Germanische Trias Mitteleuropas: Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper (Tonsandstein), Trockenklima, Reptilien und Saurier, 4. Massenaussterben
Erdaltertum / Paläozoikum Perm 298 Mio. Pangäa, Kohlebildung, Reptilienära, 3. Massenaussterben
Karbon 354 Mio. Superkontinent Pangäa, Kohlebildung, Blüte der Insekten und Amphibien, Permokarbonvereisung
Devon 410 Mio. Kaledonische und varizische Gebirgsbildung, Fischära, Landpflanzenexplosion und erste Wälder, 2. Massenaussterben
Silur 434 Mio. Euramerika neuer Superkontinent neben Gondwana, Kaledonische Gebirgsbildung, Erste Landpflanzen
Ordovizium 490 Mio. Großes Ordovizisches Biodiversifizierungsereignis, 1. Massenaussterben nach der Erdfrühzeit
Kambrium 590 Mio. Großkontinent Gondwana, Meeresspiegelanstieg, Kambrische Explosion der Lebensformen, Agronomische Revolution der Ökosysteme, Erosionsmaximum
Erdfrühzeit / Präkambrium Proterozoikum 2,5 Mrd. Sauerstoff-Atmosphäre, Superkontinente Superia, Columbia, Rodinia, Biofilme: Algenmatten, Eukarioten (Einzeller mit Zellkern und Organellen, ab 1, 8 Mrd. Jahre) und Vielzeller (0,8 Mrd. Jahre), Mehrere Vereisungen mit Massenaussterben (0, 7 Mrd. Jahre: Schneeballerde)
Archaikum 4,0 Mrd. Erdkruste und Gesteine, Magma-Gas-Atmosphäre, Hydrosphäre (stabiler Urozean), primitive Einzeller (Bakterien) werden manchmal ab 3,8 Mrd. postuliert
Hadeum [Hadaikum] 4,6 Mrd. Formung der Protoerde mit Kern und Mantel, Magmaozean und Magma-Gas-Atmosphäre, Planetenkollisionen, Mondbildung, hohe Impaktrate, verdampfende Urozeane

Pioniere der Geologie

Meilensteine auf dem Weg zur heutigen Geologie sind die Arbeiten folgender Altmeister der Erdwissenschaften (von ihnen verwendete Begriffe werden jeweils dem heutigen Begriffssystem zugeordnet). Die Übersicht zeigt, dass Stanleys (1994, 294) Behauptung, die moderne Geologie habe sich in Großbritannien entwickelt und dort seien die geologischen Systeme ursprünglich definiert worden, in dieser Form irrig ist. Tatsächlich gilt dies genausosehr und z.T. noch stärker für Deutschland, insbesondere Thüringen und Sachsen mit dem international führenden Bergbau- und Hüttenwesen des Harzes und Erzgebirges:

  • Georgius Agricola (Georg Bauer, 1494–1555): Der Universalgelehrte, Mediziner, Bildungsreformer und langjährige Bürgermeister von Chemnitz ist der Begründer der Geowissenschaften. Die Expertise des Urvaters der Geologie erstreckt sich insbesondere auf die Mineralogie, welche er als Disziplin aus der Taufe hebt. In mehreren Schriften formulierte er eine beschreibende Systematik von Mineralien, Gesteinsschichten und Muttergesteinen von Erzen. Das erste wissenschaftliche Handbuch der Geologie ist sein 10-bändiges De natura fossilium [fossilia = Gesteine + Versteinerungen] (Die Natur der Gesteine, 1546). Agricola wertet dabei auch das Wissen der Vorzeit aus, so den die antike Tradition vermittelnden Avicenna und den bedeutendsten scholastischen Naturwissenschaftler Albert den Großen. Die technische und wirtschaftliche Anwendung der Geologie behandelt Agricola in dem 12-bändigen Folgewerk De re metallica (1556). Es ist ein umfassendes Handbuch des Bergbaus und Hüttenwesens inkl. Wehrtechnik und Münzprägung: Es „gehört unzweifelhaft zum Weltkulturerbe“ und „kennzeichnet ihn als den bedeutendsten Montanwissenschaftler zu Beginn der Neuzeit“ (TU Bergakademie Freiberg). Das Werk ist eine souveräne Grundlegung der Ingenieurwissenschaften und wurde als solches wahrgenommen: „Die gelungene Synthese von Text und Illustrationen, von naturwissenschaftlicher und technischer Darstellung, von Mensch und Umwelt sowie von künstlerischer Aussage und gesamter Werkkomposition“ (ebd.) machte es für zwei Jahrhunderte zum Referenzwerk mit zahllosen Auflagen und vielen Übersetzungen. Die englische Übersetzung 1912 geht auf die Initiative des späteren amerikanischen Präsidenten Herbert Clark Hoover zurück, der um 1900 der weltweit einflussreichste Geologe und Bergbauunternehmer war. Als Verfasser eines neuen Standardwerkes Principles of Mining (1909) trat er selbst in die Fußstapfen Agrcolas.
  • Nicolaus Steno (Niels Stensen, 1638–1686, Bild rechts): Der bahnbrechende dänische Mediziner, Universalgelehrte, Theologe und spätere Apostolische Vikar (Bischof) der Römischen Kirche für Hamburg und Skandinavien Nikolaus Stenogilt als weiterer und zwar definitiver „Vater der Geologie“ (Alexander von Humboldt). Steno ist überhaupt ein maßgeblicher Pionier der modernen, auf Beobachtung, Experiment und Hypothesenbildung beruhenden Naturwissenschaft. So auch in der Anatomie und Physiologie, wo er zum ersten Mal das Gehirn kartographiert und Anatomie und Funktion des Herzens aufklärt: Er ist der erste, international gefeierte, moderne Neurowissenschaftler und Kardiologe. Steno ist ferner – auf der Basis europaweiter Feldforschungen und interdisziplinärer Sachdiskussionen mit Leibniz, Kirchner, Spinoza u.a. – insbesondere unbestrittener Begründer der Paläontologie, Stratigraphie und Kristallographie. Er legte das Fundament der Kristalllehre, zeigte die biogene Herkunft der Fossilien, formulierte das stratigraphische Grundgesetz sedimentären Gesteins und erstellte die ersten geologischen Profile. Der Großherzog von Toskana Ferdinand II stellte mit der Akademie von Florenz den institutionellen Rahmen der geologischen Spitzenforschung. Stenos Hauptwerk De Solido intra Solidum Naturaliter contento Dissertationis Prodromus (1669) zählt zur Liste der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Schriften der Welt.
  • Gottlob Lehmann (17191767): Aufgrund von Untersuchungen im Harzer Vorland von Sachsen-Anhalt unterschied er das kristalline Uranfängliche Gebirge (Präkambrium) vom — der Sintflut zugeordneten — Sedimentgestein des Flözgebirges (Paläozoikum: Karbon und Perm), insbesondere Kalkstein, Rotliegendes (= Sandsteinart), Zechstein (= Gipsart).
  • Georg Christian Füchsel (17221773) beschrieb in Thüringen die Triasformationen Buntsandstein und Muschelkalk des Mesozoikums. Er vertrat bereits lange vor Charles Lyell (17971875) den geologischen Uniformitarismus in Verbindung mit dem Katastrophismus globaler Überflutung.
  • Abraham Gottlob Werner (17491817, Büste links: Denkmal in Freiberg): Der Direktor der damals führenden geologisch-hüttentechnischen Bergakademie Freiberg im Erzgebirge und Lehrer Alexander von Humboldts, Novalis‘ und Goethes. Sein internationaler Ruf war legendär. Man kann sagen, dass er der Vater der Geologie als akademischer Disziplin ist. Er verband ebenfalls Uniformitarismus und Katastrophismus, insofern die Gesteinsbildung über lange Zeiträume Schicht für Schicht in einem G2 AbrahamGottlobWernerFreibergheißen Urmeer (Neptunismus) und zusätzlichen gewaltsamen Fluten stattgefunden habe. Er unterschied: (i) Urgebirge = kristallines, fossilienfreies Präkambrium: Granite und kristalline Schiefer. (ii) Übergangsgebirge = Paläozoikum mit Kambrium, Silur, Devon, Karbon, aber ohne Perm: Kalkstein, Rotliegendes (Sandstein), Zechstein (Gips). (iii) Flözgebirge = Mesozoikum mit Kreide, Jura und Trias. (iv) Braunkohlengebirge = Känozoikum mit tertiären Gesteinsformationen. (v) Aufgeschwemmtes Gebirge = Sedimente des Quartär.
  • Giovanni Arduino (17131795): Er machte ähnliche Beobachtungen wie die mitteldeutschen Geologen in den Südalpen und führte die Bezeichnungen primitive, primäre (= Präkambrium), sekundäre (Paläo- und Mesozoikum) und tertiäre (Känozoikum) Gesteinsformationen sowie vulkanische Berge ein.
  • William Smith (17691839): Der für England bahnbrechende Forscher und Pionier der Biostratigraphie, welcher eine erste geologische Karte von England und Wales erstellte, vertrat i. A. den Uniformitarismus.
  • John Philips (18001874): Der Neffe Smiths prägte die Bezeichnungen Käno-, Meso,- und Paläozoikum.
  • Georges Cuvier (17691832): Der aus Württemberg stammende Pionier in Frankreich, v.a. mit Analysen des Pariser Beckens als Datengrundlage, war der bekannteste Vertreter des Katastrophismus vor Alvarez Mitte/Ende des 20. Jh. Neben lokalen Katastrophen nahm er eine globale erdgeschichtliche Umwälzung vor ca. 5—6000 Jahren an.
  • Ernst Friedrich v. Schlotheim (17641832): Begründer der Paläobotanik, Anhänger des Katastrophismus, der Mikroevolution, von Grundtypen und einer präadamitischen Zeit der Gesteins- und Fossilbildung. Auch Carl v. Linné (17071778), der Begründer der biologischen Taxonomie nahm eine Mikroevolution und Grundtypen an.
  • Paul G. Deshayes (17961896): Er erarbeitete maßgeblich die Datenbasis für Lyells Veröffentlichungen.
  • Charles Lyell (1797—1875): Haupttheoretiker des Aktualismus mit dem Werk Principles of Geology und Einführung der Unterscheidungen Eozän, Miozän und Pliozän im Tertiär. Das Eozän umfasste damals jedoch das gesamte heutige Paläogen und wurde erst Ende des 19. Jh. von deutschen Geologen weiter in Paläozän und Oligozän unterteilt (Stanley 1994, 520).
  • Friedrich August Quenstedt (18091889): Er ist Vater der Feinstratigraphie mit akribischen Untersuchungen des Schwäbischen Jura (v.a. anhand von Ammoniten), ebenfalls Vertreter der Mikro-, aber nicht der Makroevolution.
  • Joachim Barrande (17991883): Überragender feinstratigraphischer Analytiker des Altpaläozoikums bzw. des früheren Übergangsgebirges in Böhmen: Kambrium, Ordovizium, Silur, Devon. Vertreter der Mikro-, aber nicht der Makroevolution
  • Adam Sedgwick (17851873): Der Analytiker des Altpaläozoikums in England und Namengeber für die Schichten Kambrium, Ordovizium, Silur, Devon. Ebenfalls Vertreter der Mikro-, aber nicht der Makroevolution.   

Wir haben geologiegeschichtlich dabei eine Verschiebung von einem ursprünglich geodynamischen Ansatz zu einem evolutionsbiologisch geprägten Ansatz (Blöss a.a.O. 2000, 1524): Primär: kristalline Gesteinsbildung → Paläozoikum: alte Lebenswelt. Sekundär: sedimentäre Gesteinsbildung → Mesozoikum: mittlere Lebenswelt. Tertiär: Schwemmschichtbildung → Känozoikum: neue Lebenswelt.   

Darüber hinaus gilt, dass die Geologie, namentlich auch in ihrer historischen Dimension, überhaupt sehr stark das Denken und die Phantasie des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts beschäftigte. Es ist kein Zufall, dass der meistgefeierte Wissenschaftler und "größte Gelehrte des Jahrhunderts", Alexander von Humboldt (17691859; Bild rechts, von Karl Stieler 1843), in erster Linie G18 HumboldtGeologe war und durch seine amerikanische Forschungsreise durch Süd- und Mittelamerika 17991804 nicht nur zum "zweiten [wissenschaftlichen] Entdecker Amerikas" wurde, sondern  auch wegweisend für die gesamte moderne naturwissenschaftliche Feldforschung. Seine fünfbändige wissenschaftliche Bilanz Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (18451862) wurde ein phänomenales Erfolgsbuch. Auch in dem zeitgleichen Werk der Weltliteratur Der Nachsommer Adalbert Stifters von 1857 steht die neue Disziplin der Geologie im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Neigungen und beruflichen Pläne des Titelhelden.

Überblick zur geologischen Zeittafel

Hier zunächst ein erster Überblick aus der Vogelperspektive auf die geologischen Formationen und Epochen. Wir legen wiederum die gegenwärtig etablierte geologische Zeittafel als formalen Bezugsrahmen zu Grunde. In den folgenden Untermenus werden wir die sich aus den zu besprechenden Daten und Theorien ergebenden Korrekturen in diesen Bezugsrahmen eintragen. Für eine nähere Erörterung der Paläontologie der einzelnen Erdformationen siehe das Portal zur Evolutionsbiologie, Menu Lebenswissenschaften.

Erdfrühzeit (Präkambrium)

Hadeum

Die in Rede stehenden Erdepochen und geologischen Systeme beginnen mit dem seit einigen Jahren neu eingeführten Hadeum (auch: Hadaikum) (4, 6 bis 4 Mrd. Jahre v. u. Z.) als der ersten Phase der Erdfrühzeit oder des sog. Präkambrium (4, 6 Mrd. bis 590/545 Mio. Jahre v. u. Z., radiometrische Messung; die Zahlen variieren leicht nach Autor und Zeit). Manchmal lässt man das Hadeum auch bis 3, 8 Mrd. Jahre v. u. Z gehen. In dieser Periode entstehen nach dem etablierten Modell das Sonnensystem und die sich aus Gasen, Staub und später Flüssigkeiten verdichtende Urerde unter zahlreichen Planeten- und Planetoidenkollisionen und Meteoritenbombardements. Alteste Reste kontinentaler Kruste alias früharchaischen Gesteins gehen nach derzeitiger Mehrhheitsauffassung bis auf 3, 5 und sogar 4 Mrd. Jahre hinauf. Ein ursprünglicher Magmaozean mit Magma-Gas-Atmosphäre wird aufgrund astrophysikalischer und chemischer Prozesse von einem Urozean abgelöst, den man sich durch Impakte mehrfach verdampft und neu kondensiert vorstellt (Elicki / Breitkreuz 2016, 1617).

Archaikum

Im Archaikum (4, 0 bis 2, 5 Mrd. Jahre v. u. Z.) lässt die Geologie Erdkruste und Gesteine entstehen sowie die seitdem bestehende Hydrosphäre (stabiler Urozean), dazu weiter eine Magma-Gas-Atmosphäre. Die Erdrotation ist doppelt so schnell wie heute: Es gibt etwa doppelt soviele Tage im Jahr mit halb so viel Stunden wie heute. Durch die Gezeitenreibung des Mondes v.a. verlangsamt sich die Erdrotation fortlaufend, sodass im Kambrium das Jahr nur noch 424 Tage zählt. Die archaische Periode ist charakterisiert durch magmatisches Tiefengestein wie Granit und Basalt inkl. magmatischem Eruptivgestein. Dieses Gestein macht 95 % der Erdkruste aus. Information über das archaische Präkambrium wird aus Kratonen, archaischen und oft tektonisch deformierten Kontinentteilen, gewonnen, die in den sog. präkambrischen Schilden aufgeschlossen sind, d.i. an der Oberfläche liegen (Stanley 1994, 231). Sedimente des Archaikums sind Tiefenwasserbildungen, die man mit dem Fehlen großer Landmassen in Verbindung bringt (ebd. 249250).

Primitive Einzeller (Prokarioten, v.a. Bakterien) werden von Elicki / Breitkreuz (2016) bis auf 3, 8 Mrd. Jahre hinauf datiert, während andere wie Stanley diesbezüglich skeptisch sind, siehe in Folge. Ausgedehnte fossile Biofilme (Algenmatten oder Stromatolithe) von vergesellschafteten Blaualgen (Cyanobakterien) werden ab 3, 5 Mrd. Jahren in Westaustralien und Südafrika postuliert. Die teppich- oder säulenartig übereinander liegenden biosedimentären Matten gelten später als typische und weitverbreitete Flachwasserbildungen des Präkambriums. Meist bestehen sie aus Kalkstein. Organische Moleküle in solchen alten Gesteinen sind aber eventuell, so die methodische Warnung Stanleys, zu einem viel späteren Zeitpunkt als Verunreinigungen in das Urgestein eingedrungen: So sind die oben genannten, auf Blaualgen (Cyanobakterien) zurückgeführten sog. Stromatolithen, nicht mit Sicherheit identifizierbar, auch eine anorganische Entstehung ist möglich (Stanley 1994, 254). Auf der anderen Seite existieren extraterrestrische Synthesen von Molekülen als Vorstufen biologischer Verbindungen (Aminosäuren) (ebd. 255256).

Proterozoikum

In der dritten Phase der Erdfrühzeit, dem Proterozoikum (2, 5 Mrd. bis 590/545 Mio. Jahre v. u. Z.) besteht zum ersten Mal eine Sauerstoff-Atmosphäre. Die Geschichte der Kontinente ist nur bis zum Proterozoikum verifizierbar (Stanley 1994, 287). Es werden mehrere, sich bald wieder auflösende Superkontinente (Superia, Columbia, Rodinia) beschrieben. 

Beginnend von 2, 7 bis 2, 3 Mrd. Jahre v. u. Z. dringen große Mengen Magma in die Urkratone: Ursache unbekannt. Dies führt zur „Neustellung vieler radioaktiver Uhren“ wie auch schon früher bei dem großen Meteoritenhagel ("Das Große Bombardement") in der Erdfrühgeschichte am Ende des Hadeums um 3, 8 Mrd. Jahren v. u. Z. (Stanley ebd. 251). Hierzu zählt später auch die „größte Geokatastrophe“ Nordamerikas in Form der sog. Keweemawan-Basalte in Kanada, welche durch riesige Mengen Lava vor 1, 2 bis 1 Mrd. Jahren auf einer Fläche von 1500 km Mal 100 km entstanden (293). Ansonsten herrschen im Proterozoikum Flachwassersedimente vor sowie „katastrophale submarine Schuttströme“ (ebd. 263265). Außerdem werden mehrere alt- und jungproterozoische Vereisungen postuliert und unter dem Bild einer Schneeballerde vor Augen gestellt (ebd. 268269), obwohl „es schwer zu verstehen ist [...] daß sogar Gebiete, die nahe am Äquator lagen, während dieser Zeit bis zu einem gewissen Grade von einer Inlandvereisung betroffen wurden. Fast der gesamte australische Kraton beispielsweise lag während des gesamten jüngeren Abschnitts des Proterozoikums innerhalb von 30 Breitengraden um den Äquator und dennoch war die Vereisung in Australien sehr ausgedehnt“ wie übrigens auch im tropischen Afrika (ebd. 268269). 

Eukarioten (moderne Einzeller mit Zellkern und Organellen) werden Funden bis 1, 8 Mrd. Jahre (Stanley: 1, 4 Mrd. Jahre) hinauf zugeordnet. Voraussetzung ist mindestens 10 % des heutigen Sauerstoffgehaltes (Stanley 1994, 281). Vielzeller werden ab 0, 8 Mrd. Jahren angesetzt. In der Spätphase des Proterozoikums tritt neben Plankton und Schwämmen die sog. Ediacara-Fauna auf: wirbel- und skelettlose Ein- und Vielzeller in exotischen Formen. Entgegen füheren Vorstellungen ist man heute der Meinung, dass sich der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre und des Meeres bereits im Ediacara und dann im Kambrium den heutigen Verhältnissen annäherte und der heutigen Luft- und Wasserhülle gleichkam (Elicki / Breitkreuz 2016, 58).

Paläozoikum

Kambrium

Die dem Präkambrium folgenden geologischen Epochen sind durch Sedimentgestein charakterisiert (geschichtete Ablagerungen: 75 % der sichtbaren Erdoberfläche). Das Paläozoikum reicht vom Kambrium (545510 Mio. Jahre) mit Sandstein, Schiefer und Kalkstein einschließlich fremdartiger mariner Organismen, v.a. Trilobiten, bis zum Karbon (355290 Mio. Jahre) und Perm (290250 Mio. Jahre) mit Kohle aus einer üppigen Planzenwelt oder Vegetationsdecke (mit Zwischenschichten).

Das Kambrium zeigt v.a. Kalksteinsedimente auf den Kratonen, resultierend aus Überflutungen der Kontinente: Das Kambrium zeigt den größten und längsten Meeresspiegelanstieg im Phanerozoikum mit periodischem Massenaussterben von Trilobiten (Stanley 1994, 327329). Paläogeographisch wird das Kambrium wieder von einem neuen Großkontinent Gondwana beherrscht, neben drei weiteren Landmassen Baltika (Skandinavien / Ostaeuropa), Sibiria (Sibirien) und Laurentia (Nordamerika). Mitteleuropa gilt als europäischer Schelf Westgondwanas. Die rasante Erosionsgeschwindigkeit und der riesige Umfang der Sedimentbildung im Kambrium gilt als erdgeschichtlich einzigartig und unübertroffen. Beides wird mit dem Wechsel "von dominierend mechanisch-chemischer zu einer biogen assistierten chemischen Verwitterung" in Verbindung gebracht (Elicki / Breitkreuz 2016, 63, vgl. 67). 

Die Biodiversität steigt im Kambrium sprunghaft von 150 Familien im Kambrium auf 400 Familien im Ordovizium und bleibt auf diesem Niveau bis zum Ende des Paläozoikums (Stanley 1994, 324325): "Das Kambrium nimmt unter allen Erdzeitaltern eine herausragende Stellung ein. Es sind vor allem der grundlegend neuartige Charakter der Lebewelt sowie die daraus resultierenden, völlig neuen Wechselbeziehungen von Biosphäre, Atmosphäre, Hydrosphäre und Lithosphäre, die das Kambrium einzigartig machen [...] Die Entwicklungshöhe und die Diversität der Organismen erreichen in dieser Zeit eine fundamental andere, höhere Qualität." (Elicki / Breitkreuz 2016, 52). Dieser sogenannten Kambrische Explosion der Lebensformen mit mindestens 60 Körperbauplänen inkl. der Wirbeltiere (von welchen Grundbauplänen heute noch 35 existieren und die Tierstämme bilden) entspricht eine sogenannte Agronomische Revolution. Das will besagen, dass nun die Umweltressourcen nicht mehr nur oberflächlich und unsystematisch genutzt werden, sondern der Boden und die Siedlungs- und Nahrungspotentiale in die Breite und Tiefe und Höhe besiedelt und bearbeitet werden, z.B. durch unterirdische Gangsysteme oder Aufbau mächtiger Riffkomplexe. Auf diese Weise entstehen nun sehr komplexe Ökosysteme.

Ordovizium

Das Ordovizium wurde erst 1960 endgültig eingeführt. Paläogeographisch wird die Periode weiter von dem Großkontinent Gondwana auf der Südhalbkugel beherrscht, neben den drei weiteren Landmassen in Äquatornähe Baltika (Skandinavien / Osteuropa), Sibiria (Sibirien) und Laurentia (Nordamerika). Biotisch ist die Periode ähnlich bedeutsam wie das Kambrium: "Die Entwicklung der Biosphäre durchlief am Beginn des Ordoviziums eine rasante Phase, die als das 'Große Ordovizische Biodiversifizierungsereignis' (great Ordovician biosdiversification event, GOBE) bezeichnet wird [...] Während die Kambrische Explosion ... völlig neue phylogenetische Baupläne und nahezu alle Tierstämme hervorgebracht hatte, erfolgte im GOBE deren komplexe Ausdifferenzierung bis hinunter auf die Gattungs- und Artebene." (Elicki / Breitkreuz 2016, 87) Sie finden sich jeweils aber fast nur in geographisch begrenzen Gebieten, was man biologischen Provinzialismus nennt.

Am Ende des Ordovizium erfolgt ein drastisches Massenaussterben, das mit Plattenbewegungen (Südpolüberquerung von Gondwana) und einer Eiszeit mit Vergletscherungen in den Tropen plus Meeresspiegelabfall, gefolgt von einer globalen Erwärmung mit Meeresspiegelanstieg korreliert wird. Aber auch mit einem eventuellen kosmischen Gammablitz (Stanley 1994, 333334; Elicki / Breitkreuz 2016, 100103). Exstinktionen (globales Massenaussterben) und Exstirpationen (regionales Massenaussterben) werden allgemein auf Vulkanismus, Meersspiegeländerungen, Impakte, Gammablitzexplosionen zurückgeführt. Aber auch auf unscheinbarere Auslöser wie den Ausfall von Schlüsselkompetenzen oder veränderten Umweltparametern in Ökosystemen mit nachfolgenden katastrophalen Kettenreaktionen.

Silur

Das Silur ist mit ca. 24 Mio. Jahren Dauer eine verhältnismäßig kurze Periode zwischen vorhergehenden Kambrium / Ordivizium und nachfolgenden Devon / Karbon. Paläogeographisch ist der bedeutendste Prozess die Formung Laurussias alias Euramerika alias Old Red aus den bisherigen kleineren Kontinenten (Baltica, Laurentia u.a.), wodurch ein zweiter, Gondwana im Norden gegenüberliegender Superkontinent entstand. An der wichtigsten Nahtstelle ergibt sich dabei die sog. kaledonische Orogenese (Gebirgsbildung), zu der die Gebirge Norwegens, Schottlands, Grönlands, Neufundlands und der Grundstock der Appalachen zählen. Im Wesentlichen setzt diese Zeit ansonsten die Verhältnisse und Geschehen im Ordovizium fort. Der Meerespiegel bleibt auch im Silur hoch, so dass großräumige Sedimentation auf allen Kontinenten vorliegt (Stanley 1994, 343).

Devon

Die Paläogeographie des Devon ist einerseits durch den Abschluss der kaledonischen Gebirgsbildung des Silurs gekennzeichnet, andererseits durch den Beginn der das Karbon markierenden sog. varizischen Gebirgsbildung. Auch diese zieht sich über 8000 km von Nordamerika über Nordwestafrika, Spanien, Korsika, Sardinien und Mitteleuropa bis nach Asien. In Deutschland zählt dazu das Rheinische Schiefergebirge, in Belgien die Ardennen, in Frankreich das Zentralmassiv. Der Meerespiegel ist auch im Devon überwiegend hoch bis Mitte der Kreidezeit (400 Mio. Jahre lang), so dass weiter starke Sedimentation auf allen Kontinenten vorliegt (Stanley 1994, 343). Das Devon sieht die mächtigsten Riffbildungen der Erdgeschichte und eine dominante Präsenz der Fische: Panzerfische, Knorpelfische und Knochenfische. Daneben Amphibien. An Land sieht das Devon eine explosive Ausbreitung der Pflanzenwelt, meist sog. primitive Nacktpflanzen, aber bald auch Sporenpflanzen (Farne und Schachtelhalme) und auch Nacktsamer (Gymnospermen). Die ersten Wälder der Erdgeschichte treten ins Dasein. Das langdauernde, in zwei Phasen unterschiedene Massenaussterben Ende des Devons korreliert mit einer neuen Eiszeit und betrifft v.a. tropische Lebensformen, aber nicht die Gefäßpflanzen des Festlandes, was „schwer zu interpretieren“ ist (ebd. 364365).

Karbon

Die Geographie wird hier von der Kollision Laurussias mit Gondwana bestimmt, aus deren Vereinigung ein neuer, fast alles umfassender Superkontinent Pangäa entsteht. Dessen Randbereiche werden als feucht angesehen, das Innere als wüstenhaft trocken. Die explosive Ausbreitung der Pflanzenwelt setzt sich fort. Das Karbon gilt als die große Ära der Insekten mit Riesenformen und auch der Amphibien. Das Karbon ist ferner die sprichwörtliche Periode der Kohlebildung. Die Schulgeologie nimmt dazu ausgesprochene Kohlesümpfe an den Küsten der kontinentnahen Meere an (Stanley 1994, 411), wobei Zyklotheme: kohleführende Sedimentationszyklen mit marinen Sedimentschichten zwischen den Kohleschichten abwechseln (ebd. 412413). Im Oberkarbon bildet sich ein Temperaturgefälle (Gradient) vom Äquator zu den Polen und wird eine Vergletscherung bis in die Tropen angenommen (404): "Diese Permokarbonvereisung (auch: Gondwanavereisung) war die bedeutendste im gesamten Phanerozoikum", also seit dem Kambrium, wobei sechs bis zwölf "Kalt- und Warmzeiten aufeinandergefolgt sein" müssen (Elicki / Breitkreuz 2016, 113).

Perm

Geographisch geht man im Perm zunächst von der weiter andauernden Permokarbonvereisung aus. Samenpflanzen (Nacktsamer, Gymnospermen) bilden mehrheitlich die Wälder. Die Florenprovinzen, also die pflanzlichen Ökosysteme und Artgrenzen sind im Perm besonders kleinräumig und lokal. In der Tierwelt dominieren die Reptilien. Auch das Perm gilt als große Zeit der Kohlebildung. Flachwassersedimente des Perms an der Westflanke des Urals erreichen bis 5000 m Tiefe (Stanley 1994, 422). Am Ende des Perms steht sodann das größte Massenaussterben der Erdgeschichte: Wir „haben ... kein klares Bild davon, welcher Vorgang diese(s) ... wirklich ausgelöst haben könnte [...] Die Ursache der Krise, die die Ära des Paläozoikums letztlich beendete, ist noch immer Gegenstand der Diskussion.“ (408) Heute wird v.a. gigantischer Trapp-Vulkanismus in Sibirien als Ursache erwogen, der ein riesiges Areal mit Magma flutete (= Flutlavadecke oder Flutbasaltfeld, engl. LargeIgneousProvinces-Eruption).

Vulkanausbrüche können eruptiv sein, also Explosionen, die Asche und feste oder flüssige Gesteinspartikel (Pyroklasten) aus Tuffen, Brekzien und Schlacken, vermischt mit explosiven und giftigen Gasen, in die Atmosphäre schleudern und auf Lithosphäre (Festland) und Hydrosphäre (Ozeane) abregnen. Vulkanausbrüche können aber auch effusiv sein, also in Form zahlreicher paralleler Lavaeruptionen (= ausbrechendes glühendes Magma) aus den Spalten eines Vulkans oder einer ausgedehnten magmatischen Großprovinz erfolgen. Dadurch werden in extremen Fällen Gebiete so groß wie Deutschland oder Frankreich von einem hunderte Meter tiefen Magmameer bedeckt. Nach der Abkühlung liegen über magmatischen Großprovinzen die o.g. Flutlavadecken, welche meist gestuft sind und deswegen Trapps [von schwedisch trappa = Treppe] heißen. Auch in diesem Fall wird die Atmosphäre über große Distanzen und oft weltweit mit Giftgasen und Aschen geschwängert, sodass die Sonneneinstrahlung massiv reduziert ist und die Primärproduktion unterbrochen wird. Die Auswirkungen sind dann ähnlich wie bei Impakten.

Mesozoikum

Trias

Das Mesozoikum (25065 Mio. Jahre) [und Känozoikum (65 Mio. Jahre dato)] zeigt watt- und wüstenartige Schichtenstapel mit marinen Kalksteinen + Mergel/Ton/Sandstein und einer reichen Landtierwelt. Die erste Epoche ist das Trias (251—200 Mio. Jahre) der Pangäa aus ödem wüstenartigem Festland mit küstennahen Feuchtgebieten. Im Trias beginnt nach dem derzeitigen Bild aber auch bereits der Zerfall des Superkontinentes Pangäa, dessen verbleibendes Kernstück dann Afrika sein wird, während Panthalassa, der Allozean, zum Pazifik wird. Begriffsbildend für die Formation ist die Germanische Trias Mitteleuropas: Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper (Tonsandstein). Die Lebensformen sind Meeresreptilien, Frösche, Schnabelreptilien, Krokodile, Flugechsen, bipede Reptilien oder Saurier. Das Trias ist überwiegend trocken mit terrestrischen Ablagerungen (z.B. 6000 m terrigene Sedimente der New Ark-Supergruppe im Nordosten der USA). Marine Ablagerungen des Trias von 1200 Meter Stärke sind jedoch In Europa die Dachstein-Riffkalke in den Nördlichen Kalkalpen (Stanley 1994, 464). Erneutes Massenaussterben Ende der Trias: Ursache, so Stanley. unbekannt. Heute vermutet man, so Elicki / Breitkreuz, wie am Ende des Perm ausgebreiteten Trapp-Vulkanismus mit den Folgeschäden der Vergiftung von Luft, Wasser und Land durch Gase und Aschen plus Meerespiegelschwankungen.

Jura

Endgültiges Auseinanderbrechen von Pangäa (Stanley 1994, 429452). Im Jura existiert nur ein geringer Temperaturgradient vom Äquator zu den Polen: Tropisches und subtropisches Klima bis zu den Polen (453). Im Jura erfolgt ein Meeresspiegelanstieg mit Überflutungen und marinen Sedimenten. Der Navayo-Sandstein in Nordamerika zeigt großdimensionale Schrägschichtung, also hydrodynamische Ablagerung (458). Exotische Krustenfragmente (Terrane) im Westen Nordamerikas stehen dagegen mit ganz unterschiedlichen paläozoischen und mesozoischen Folgen quer zu üblichen Einteilungen (458459). Biowissenschaftlich finden sich alle modernen Koniferenfamilien (Nadelbäume) und weiterhin die Farn/Bärlapp/Schachtelhalm-Flora. Die Fauna umfasst Schlangen, Schildkröten, Dinosaurier (400 Spezies, welche alle über 1 m großen Landwirbeltiere stellen). Insbesondere steht man einer Blüte von Schwimm- und Flugsauriern gegenüber (Plesiosaurier, Ichtyosaurier, Pterosaurier). Dinosaurier sind entweder sog. Ornitischia (Pflanzenfresser mit Schnabel) oder Saurischia (Pflanzenfresser / Sauropodomorpha, und Fleischfresser / Theropoden). Die Morrisonformation aus den letzten 10 Mio. Jahren des Jura im Westen der USA bietet die spektakulärsten Dinosaurierfossilien der Welt auf 1 Mio. km², wobei die „Fossilien ... während größerer Überschwemmungen zusammengespült“ wurden (460). Der Poseidonienschiefer des Jura in Süddeutschland umfasst die weltweit führenden Wirbeltierfossilienlagerstätten (467).

Kreide

Die Kreidezeit (145—65 Mio. Jahre), speziell die mittlere Kreide, ist extrem warm bis zu den Polen (Stanley 1994, 494, 496, 507), mit Überflutungen, warm-feuchtem Klima, tropischer Urwaldvegetation. Biologisch ist die Kreidezeit eine Mischung von alt und modern mit dem einzigartigen Massenauftreten kalkigen Nanoplanktons (Kreidefelsen Rügen, Møn, Englische Kanalküste). Sie weist 10 % der heutigen 200.000 Blütenpflanzenarten auf (bei heutigen 500 Koniferenarten) (ebd. 473). Dabei ist eine fast plötzliche Diversifikation der Blütenpflanzen oder Bedecktsamer (Angiospermen, speziell Laubbäume) in der Kreide zu beobachten (486487). Ansonsten gilt die Kreide als Vogelära. Massenaussterben am Ende der Kreide wg. verheerendem Flutbasalt-Vulkanismus in Indien (Dekkan-Plateau), gefolgt von dem heute allgemein als Hauptursache akzeptierten KT- oder Chicxulub-Impakt in Yukatan (497498, 502505): Erhitzung der Atmosphäre, Druckwelle, Kosmischer Winter (Sonnenfinsternis), saurer Regen, Orkane und Tsunamis mit Überflutungen Europas, Nordamerikas und Australiens (512513).

Känozoikum

Paläogen

Das Känozoikum ist die Zeit von 65 Mio. Jahre v. u. Z. bis heute. Paläogeographisch ist es die Zeit der jüngsten, alpiden Gebirgsbildung, welche sich von Marokko (Atlas) über Alpen und Appennin, Balkan, Iran, Himalaya, Hinterindien bis Indonesien (Java) erstreckt. Ihr Höhepunkt liegt im Miozän. Bekannt ist die traditionelle Binnenunterscheidung in Tertiär (65—1, 8 [2, 6] Mio. Jahre) und Quartär (1, 8 [2, 6] Mio. Jahre bis zur Gegenwart). Heute herrscht die Unterscheidung in Paläogen und Neogen vor, wobei außerhalb Europas oft das Quartär mit zum Neogen gerechnet wird.

Das Paläozän (65—56 Mio. Jahre) ist wie die Kreide von feuchtheißem Klima geprägt und markiert biologisch den Beginn des dominanten Auftretens der Säuger. Freilich wird auch schulgeologisch deren Größenentwicklung, Spezialisierung und Ausbreitung inzwischen weitgehend in die Kreide hinaufverlegt. 

Die zweite Epoche des Paläogen, das Eozän, präsentiert extremen Vulkanismus mit mächtigen Vulkaniten: Aufeinanderfolgende Katastrophen in Nordamerika (mit 20 Waldgenerationen übereinander) und Europa (bis 1, 5 km Lavadicke). Im Unter-Eozän zugleich tropisches Klima in England und Nordamerika mit Abkühlungsperioden (Stanley 1994, 533). Urwaldflora, Säugerexplosion mit exotischen und gigantischen Lebensformen, Auftreten von Walen und Robben. Weltberühmte Fossillagerstätten des Eozän in Mitteldeutschland: Geiseltalfauna, und in der Grube Messel bei Darmstadt.

Im folgenden Oligozän dramatische Abkühlung (Stanley 1994, 535). Großer Faunenschnitt (2/3 der Säugetierarten sterben aus).

Neogen

In das Neogen fällt die jüngste alpide Gebirgsbildung, Auf dem amerikanischen Columbiaplateau entstand durch Vulkanismus und tektonische Brüche vor 16—13 Mio. Jahren eine jüngste Flutbasaltdecke von 30 m bis zu zwei Kilometern und mehr (Stanley 1994, 586). Im Miozän Vorrücken der Nordsee in die Kölner Bucht mit Entstehung der Braunkohlenlagerstätten (ebd. 595). Unter dem Nil wie auch Rhône und Po liegen Schluchten in der Größe des Grand Canyon (ebd. 601). Am Ende des Pliozän, 5 bis 7 Mio. Jahre v. u. Z., Austrocknen des Mittelmeeres und Neufüllung. Im Pliozän und beginnenden Pleistozän, 53 Mio. Jahre v. u. Z. subtropisches Klima in Europa (557). Die Sierra Nevada wurde im Pliozän 3000 m angehoben, ebenso das Felsengebirge, daher Entstehung des Grand Canyon vor 32 Mio. Jahren (588). Die Ursachen der Hebungsvorgänge des amerikanischen Westens sind ungeklärt (592). Am Ende des Neogens schließt sich der Isthmus von Panama, die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika: Infolge davon Bildung des Golfstroms mit interkontinentalem Warmwassertransport in den Nordatlantik und an die Küsten Europas.

Im Neogen zeigt in biologischer Hinsicht das weiterhin kühlere Miozän (23—5, 3 Mio. Jahre) die Entfaltung der Kräuter und Gräser, Steppenflora und weitgehende Versiegelung der Erde durch Graslandschaften. Auftritt der Mäuse, Frösche, Schlangen (Stanley 1994, 551557). Das Pliozän (5, 3—1, 8 Mio. Jahre) wird v.a. mit dem Auftreten von Singvögeln und Primaten in Verbindung gebracht. Die Fauna des Pliozän und Pleistozän ist ansonsten ungeheuer mannigfaltig, zahlreich und gigantisch mit Großsäugern und Affenähnlichen (ebd. 581). Die Fossilüberlieferung der Hominoiden des Miozän und Pliozän ist „ausgesprochen dürftig“ (571). Hinsichtlich des Homo erectus ist die „Gleichartigkeit mit dem modernen Menschen anerkannt“ betreffs Anatomie, Größe, Gehirn (576).

Quartär

Im Quartär steht zunächst das Pleistozän (2, 6—0, 01 Mio. Jahre) oder das Eiszeitalter mit 5 Eiszeiten und den Kontinenten in etwa heutiger Form und Lage, aber hochfrequenten Meeresspiegelschwankungen (mit Holozän im Minimum 50). Rückzugsgebiet in den Eiszeiten für Landsäugetiere inkl. der Ultragroßsäuger war „ironischerweise“ v.a. Beringia, „Teile von Sibirien und Alaska (!) Gebiete, die heute für die meisten Arten als unbewohnbar gelten, aber sie blieben zufällig eisfrei, als andere Gebiete der Nordhalbkugel vom Eis überdeckt waren“ (Stanley 1994, 563). Während der Vereisungsphasen Absinken des Meeresspiegels bis um 100 m (563). Große Meeresspiegelerhöhungen erfolgen hingegen vor 125.000, 105.000 und 82.000 Jahren (570).und dann der definitive Wiederanstieg um 130 m zwischen 18.000 und 8000 Jahren v. u. Z. 18 Gletschervorstöße im Pleistozän (564). Das Auslösen der Eiszeit ist „eine Frage, die Geologen bisher nicht mit Sicherheit beantworten können“ (569). Es gibt hierzu sieben Theorien (569571). Am Ende des Pleistozän und Im frühen Holozän ist die Sahara ein blühendes Gras- und Waldland mit reichem Tierleben.

Das Holozän beginnt mit der quartären Aussterbewelle der eiszeitlichen Megafauna. Das heißt, alle im Verhältnis zur heutigen Tierwelt überdimensionierten Formen der Säugetiere verlassen die Szene. Für das Holozän seit 10.000 Jahren mit dem modernen Menschen gilt daher nach Wallace (zitiert bei Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie, Stuttgart 2008, 129), dass "alle großen, grausamen und kräftigen Formen verschwunden sind“. Evolutionstheoretiker wie Kutschera (vgl. 2008, 257—258) sehen darin den Beweis, dass die Steigerung von Tauglichkeit (fitness) im Lebenskampf nicht mit der Maximierung von Stärke und Aggressivität zusammenfällt, sondern mit der Optimierung von Sensibilität, Intelligenz und komplexer Kooperation (Sozialität).

Methodische Einschränkungen

Grundproblem: Überregionale Zeitlinien

Das große und bis heute nicht wirklich gelöste Problem der Historischen Geologie und ihrer Zeittafel ist die globale Koordinierung der in vielem ziemlich lokalen und chaotischen lithostratigraphischen und biostratigraphischen Schichtenfolgen. Die bekannten fein differenzierten Schautafeln verdecken, wie hypothetisch deren Datenbasis ist. Wenn man einen Schuss aus der Hüfte wagen wollte, könnte man sagen, sie sind 75 % Theorie und 25 % Empirie: "Um stratigraphische Niveaus überregional — möglichst global — korrelieren zu können, braucht es sogenannte Isochronen (gleiche Zeitlinien). Diese sind mitunter jedoch schwer zu erkennen, da z.B. zeitangebende Fossilien in ihrem Auftreten faziesabhängig sind und stratigraphisch diachron einsetzen können, geochronologische Daten nicht aus jeder Gesteinsabfolge gewinnbar sind oder Isotopensignaturen nicht die nötige Qualität haben." (Elicki / Breitkreuz 2016, 8)

Projekt Globale Grenzhorizonte (GSSP)

Um das Problem einer "international gültigen und praktikablen stratigraphischen Untergliederung lösen zu können, wurde das Konzept des global boundary stratotype section and point (GSSP) entwickelt." (ebd.) GSSP sind Typusprofile, also prototypische Kandidaten zur Bestimmung der Basis (Liegendgrenze) oder des Grenzhorizontes einer stratigraphischen Stufe: "Kandidaten für GSSP werden von internationalen Arbeitsgruppen nach intensiver Prüfung und Diskussion der International Commission on Stratigraphy (ICS) zur Entscheidung vorgelegt [...] Der ICS aktualisiert permanent die Ergebnisse derartiger Arbeiten" (ebd.).

Undefinierte globale Zeitlinien

Das alles steht jedoch erst am Anfang bzw. ist sogar bloßes Wunschdenken: "Neben dem Ordovizium und Silur ist das Devon das einzige System des gesamten Phanerozoikums, in welchem für alle internationalen Serien ein Referenzaufschluss (global boundary stratotype section and point, GSSP) definiert ist." (Elicki / Breitkreuz 2016, 108—109) Das heißt, die Epochen oder Serien der insgesamt 12 geologischen Großeinteilungen (Perioden oder Systeme) haben nur in 25 % der Fälle überregional zusammenhängend definierte Zeitlinien. Mittelbar verlieren dadurch natürlich auch die definierten Serien an Eindeutigkeit oder geraten ins Schwimmen. Analoges gilt für die untergeordneten Gliederungen der Stufen.

Hierzu einige Streiflichter, zunächst aus dem Erdaltertum: Für die grundlegende Epoche des Kambrium ist "ein kontinuierliches Profil in keinem der deutschen Bohrkerne aufgeschlossen". Was man maximal hat, ist die Einschätzung, dass die "Fossilführung eine fortgesetzte Sedimentation vom ... tieferen Unterkambrium bis in das höhere Mittelkambrium nahelegt" (Elicki / Breitkreuz 2016, 70) Das Silur wird — wie meist — hauptsächlich biostratigraphisch anhand von Meeresorganismen unterteilt und datiert. Diese sind aber regional und erlauben keine überregionale Zeitlinie. Man behilft sich daher mit der Chemostratigraphie, die mit Kohlenstoff- und Strontiumisotopen arbeitet. Aber auch so "existieren noch keine für das Silur durchgängigen Isotopenprofile." Man ist froh, dass "kompilierte Isotopenkurven recht gute interregionale Korrelationen ermöglichen." (Elicki / Breitkreuz 2016, 84)

Und zwei Beispiele aus dem Mezozoikum: "Kontinuierliche sedimentäre Abfolgen über die Trias-Jura-Grenze hinweg, die zudem über eine brauchbare Fossilführung verfügen, sind nicht sehr häufig" (Elicki / Breitkreuz 2016, 147) Für die Kreidezeit gilt sogar, dass "viele der kretazischen Stufengrenzen noch nicht definiert sind (selbst die Basis der Kreide hat ... noch keinen GSSP)" (Elicki / Breitkreuz 2016, 148).

Minimale Datenbasis

Auch dass das entscheidende Kriterium dabei ein Fossil (in der Regel aus Hochseebohrkernen) sein soll, erscheint nach allem Gesagten ziemlich weich und uneindeutig, was man auch in schulgeologischen Veröffentlichungen hierzu zwischen den Zeilen lesen kann: "Die letztendliche Definition des Grenzhorizonts wird durch das erste Auftreten (first appearance datum, FAD) eines besonders geeigneten Leitfossils festgelegt. Zusätzliche Phänomene ... können als zusätzliche Hilfswerkzeuge herangezogen werden." (Elicki / Breitkreuz 2016, ebd.) 

Es ist generell zu beachten, "dass die Abschnitte des Phanerozoikums vor allem auf der Grundlage faunistischer mariner Phänomene definiert worden sind".(Elicki / Breitkreuz 2016, 77—78) Praktisch fußen die Perioden und Epochen sowie Stufen der geologischen Zeittafel also auf der Datierung von ozeanischen Muscheln und Mikroorganismen. Die in Rede stehenden faunistischen marinen Phänomene können dabei nur bis 200 Mio. Jahre radiologische Zeitmessung zurück direkt durch Hochseebohrkerne erfasst werden: Nach der Plattentektonik ist danach die gesamte ozeanische Erdkruste vollständig subduziert und ersetzt worden: Es gibt keinen Ozeanboden (ozeanische Kruste) älter als 200 Mio. Jahre. Ältere Gesteine und Fossilien müssen auf den Kontinenten gesucht und bestimmt werden.

Forschungsstatistisch kann man das auch so formulieren, dass die Aufgabe darin besteht, für die Grundgesamtheiten der Gesteinsarten und Lebensformen eine globale Koordination und sukzessive globale Zeitlinien zu erstellen. Das interessierende Merkmal oder die Variable ist die geologische Altersgleichheit der statistischen Einheiten (mineralische und biogene Objekte). Tatsächlich wird aber nur eine Teilgesamtheit oder Teilpopulation hierfür in Betracht gezogen: marine (Mikro-)Organismen. Und nur aus dieser werden Daten erhoben alias Stichproben genommen. Der Grund ist regelmäßig, dass alle anderen zahlreichen und riesigen Teilpopulationen sich dafür nicht eignen, also den Versuch der überregionalen Koordinierung Lügen strafen.  

Irreduzible Randbedingung Endemismus (Provinzialität)

Das Problem der Provinzialität meint, dass Pflanzenarten oder Tierarten oder Ökosysteme nur eine sehr geringe geographische Verbreitung haben, also nur in kleinen Nischen und Populationen überhaupt existieren oder existierten. Sie sind endemisch auf eine Gegend oder einen spezifischen lokalen Lebensraum beschränkt. Der Begriff ist relativ: Letztlich sind fast alle Organismen nicht wirklich weltweit verbreitet, sondern mindestens auf einen Kontinent oder einen Klimagürtel beschränkt, meistens noch viel weniger. Damit ist das Problem aber ein praktisch generelles. Es stellt sich von Anfang an und wird im Karbon und Perm besonders auffällig: "Die recht markanten Florenprovinzen des Karbons, die auf regionalklimatische Differenzierungen zurückzuführen sind, prägten sich im Perm noch stärker aus und wurden noch kleinräumiger [...] und stellen die kleinräumigsten Florenprovinzen der Erdgeschichte." (Elicki / Breitkreuz 2016, 113, 127)

Ein besonders sprechendes Beispiel aus dem Erdmittelalter: Obwohl die Trias und ihre Schichten "aufgrund von geologischen Einheiten in Deutschland aufgestellt wurde", unterscheiden sich "die Abfolgen des sogenannten Mitteleuropäischen oder Germanischen Beckens ... faziell und faunistisch zumeist sehr deutlich von jenen außerhalb dieses Beckens" und "sind also nur sehr schwer überregional zu korrelieren." (Elicki / Breitkreuz 2016, 145)

Und auch im folgenden Paläogen weisen die Säugetiere "zumeist noch deutliche regionale Charakteristika auf (Endemismen), so dass eine interkontinentale Korrelation mit ihnen problematisch ist." (Elicki / Breitkreuz 2016, 222). Im Quartär schließlich "ist eine Korrelation mariner und (zumeist lückenhafter) terrestrischer Bereiche bislang nur für das jüngere Pleistozän und Holozän gesichert." (Elicki / Breitkreuz 2016, 228)

Es gibt selbstverständlich noch weitere methodische Vorgaben bzw. Grenzen und offene Fragen. Viele werden in den weiteren Menus zur Historischen Geologie und auch im Portal zur Evolutionsbiologie agesprochen. An dieser Stelle sollte nur ein, wenn nicht das Hauptproblem anhand einer aktuellen Darstellung skizziert werden.