Dr. phil. Paul Natterer

Vorbemerkungen

Die meisten unter dem Titel der Religionspsychologie verhandelten Themen finden sich auf diesem Netzportal als integrale Bestandteile der Menus 'Handlungstheorie' und 'Atheismusdebatte'. Hier, im Zusammenhang der Religionsphilosophie des prophetischen Theismus, verwenden wir als Bezugstext für die Religionspsychologie eine sehr bekannte, klassische Analyse von John Henry Newman: An Essay in Aid of a Grammar of Assent. With an Introduction by Nicholas Lash, 3. Aufl. Notre Dame, Indiana / London 1986 [11870]. Das Buch ist einer der bedeutendsten Beiträge zur Wissenschaftsphilosophie und Religionspsychologie des philosophischen und prophetischen Theismus. Zugleich entwickelt das Werk umfangreiche erkenntnistheoretische und logische Analysen als deren Grundlage.

Der Autor ist der einflussreichste anglikanische Theologe des 19. Jahrhunderts, John Henry Newman (1801—1890, Portrait rechts, von W. C. Ross). Seine Zeitgenossen nannten den interdisziplinär gebildeten, brillanten klassischen Philologen „Platon von Oxford“: Noch bis in die 1960er Jahre galt die Klassische Philologie in Oxford als Newman W. C. Ross gemeinfrei Netzdie anspruchsvollste und renommierteste Königsdisziplin. Er war „die erste lebende Autorität“ (Döllinger) auf dem Gebiet der Kirchengeschichte der Antike und gilt als der beste englische Prosaschriftsteller des 19. Jh. Nach dem Versuch eines Mittelweges zwischen Protestantismus und Katholischer Kirche in der von ihm geformten Oxfordbewegung, der neben der deutschen Romantik bedeutendsten religiösen Bewegung des Protestantismus im 19. Jh., erfolgte 1845 sein Übertritt zur Römischen Kirche. Ein Schritt, der die zahlenmäßig bedeutsamste Übertrittsbewegung englischer Akademiker und anglikanischer Geistlicher seit der Reformation in die katholische Kirche auslöste. Seine Konversion hatte diesen Hintergrund: Gerade die historisch‑philologische Verifizierung der vollen Identität „in Verfassung, in Grundsätzen, in den äußeren Beziehungen [...] selbst bis in die leisesten Tönungen" zwischen der Römischen Kirche des 19. Jahrhunderts einerseits und der Urkirche sowie Frühkirche andererseits ist "das große, offenkundige geschichtliche Phänomen ..., das mich konvertieren ließ“ (Newman: Certain Difficulties felt by Anglicans, Vol. 1, London 1918 [1850], 368). Seine Autobiographie Apologia pro vita sua kulminiert sachlich und literarisch in diesem theologischen Damaskuserlebnis (siehe auch das Untermenu 'Erlösung').

In Folge stellen wir die Grammar of Assent in 75 Thesen vor, die die Sinnabschnitte des Werkes zusammenfassen. Hervorhebungen in Halbfett in den Belegzitaten aus dem Originaltext stammen von mir, PN. Die Gliederung folgt den Kapiteln bei Newman. Im Original bilden die Kapitel 1 bis 5 den Teil I Assent and Apprehension (Urteil/Zustimmung und Apprehension). Die Kapitel 6 bis 10 machen hingegen den Teil II aus: Assent and Inference [Urteil und Schließen]. Im Anschluss an diesen Überblick zu Inhalt und Gedankengang der Grammar skizzieren wir deren ideengeschichtlichen Hintergrund und bewerten das Werk fachübergreifend im Reflexionshorizont der Gegenwart.

Der Altmeister der amerikanischen Psychologie, William James [Foto links], ist ein weiterer — wenn auch recht autodidaktischer und übersensibler — Klassiker William James b1842 gemeinfreider Religionspsychologie, insbesondere mit The Varieties of Religious Experience, London 1982 [1902]). Er erklärt — letztlich nicht unähnlich Newman — den religiösen Glauben aus dem Zusammenwirken dreier legitimer Motive der Zustimmung (assent): der biologischen Vernunft (Instinkt und Gefühl), der sozialen Vernunft (Autorität und Tradition) und der experimentellen Vernunft (religiöse Erfahrung resp. Offenbarung). Dieses Zusammenspiel der spirituellen, körperlichen und sozialen Dimensionen zeigen in der religionspsychologischen Praxis die religiösen Riten — als intersubjektiv objektivierte sichtbare Instrumente spirituellen Heils.

Der vielleicht einflussreichste protestantische Bearbeiter von Religionsgeschichte und Religionspsychologie in der Moderne ist der dem liberalen Protestantismus zuzuzählende und den Kulturprotestantismus mit prägende Ernst Troeltsch. Er sah "als Ergebnis von Religionsgeschichte und Religionspsychologie an, dass nicht Dogma, sondern Ritus das Wesentliche sei und Mystik dem dann als etwas Sekundäres folge." (A. Angenendt: Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter, München 2004, 73) Ernst Cassirer stimmt ihm grosso modo bei. Das ist u.E. in dieser Form zwar einseitig und nicht realitätsgerecht, hebt aber die enorme Bedeutung von Ritus und Kult ins Relief.

Die weltgeschichtlich mit weitem Abstand wichtigsten und meistverbreiteten Riten sind dabei die Sakramente der östlichen wie westlichen katholischen Orthodoxie: Taufe — Firmung — Eucharistie — Buße — Weihe — Ehe — Krankensalbung. Auch heute sind sie global die herausragendsten, bekanntesten und häufigsten Riten: Sie werden von zwei Milliarden Menschen praktiziert. Wir werden daher kunsthistorisch erstrangige Darstellungen (auf Kathedralfenstern) dieser sieben Riten par excellence in den folgenden Text einrücken. Auch und gerade John H. Newmans Grammar of Assent macht wie die Ostkirchen die von Troeltsch postulierte enorme Bedeutung der Riten stark. Insbesondere begründet er dieselbe wie Cassirer und Lorenzer (siehe in Folge) erkenntnistheoretisch und kognitionspsychologisch: vgl. in Folge die Thesen (3), (11), (20), (21), (34), (43), (49), (63), (64), (65), (68).

Es ist daher alles andere als Zufall, dass die so genannte Liturgiereform der Römischen Kirche von 1969 nach dem II. Vatikanischen Konzil einen die Religion und Gesellschaft des späten 20. und frühen 21. Jh. beschäftigenden epochalen Ritenstreit auslöste. Der Wissenschafts- und Kulturtheoretiker und Pionier einer interdisziplinären Psychoanalyse Alfred Lorenzer hat dazu eine vielbeachtete religionspsychologische Analyse vorgelegt: Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik, Frankfurt a. M. 1981 [42016]). Sie greift in methodischer Hinsicht die von Ernst Cassirer vorgelegte Philosophie symbolischer Formen auf zur zentralen Bedeutung symbolischer Kodierungen und Interaktionen im menschlichen Denken und Handeln. Unter symbolischen Formen verstehen wir bildliche bzw. metaphorische Repräsentationen und Aktionen, die in und über ihrer materiellen Erscheinung sinnliche Darstellungen geistiger Begriffe und Sachverhalte sind.

Lorenzer sagt, dass er das in Rede stehende Buch geschrieben habe, weil die Römische Kirche die quantitativ bedeutendste und qualitativ erfolgreichste Sozialisationsagentur der menschlichen Geschichte sei: Die symbolischen Bildwelten ihres kulturellen Universums seien Garant der Weltbewältigung und seelischen Integrität und Gesundheit von mehr Menschen als jede andere Institution erfasst, auch wenn man ihr Glaubenssystem theoretisch ablehne: „Die ‚innere Transzendenz‘ des Menschen, die Verankerung seines Erlebens, Denkens und Handelns im ‚Jenseits vom Rationalen‘ ist in den religiösen Mythen sinnlich angemessener aufbewahrt als in den metapsychologischen Konstruktionen der Psychoanalyse.“ (1981, 11) Und deswegen betreffen dramatische Einschnitte wie das II. Vatikanische Konzil und die sogenannte Liturgiereform unmittelbar oder mittelbar die psychische und soziale Gesundheit aller Menschen und müssen den Psychologen und Psychotherapeuten mehr interessieren als die meisten anderen. Lorenzer zum Gesamtkunstwerk der Römischen Liturgie und seiner Erlebnisbedeutung: „Was in Ritual und Mythos ausgedrückt wird, sind nicht einzelne Lebenserfahrungen, sondern sind die ‚Lebenssymbole‘ selbst. Anders formuliert, es sind Leib-Seele … Liebe … Macht und Tod. Sie sind Teil des unablässigen menschlichen Suchens nach Begreifen und Orientierung […] Sie verleihen seinen … Ängsten und Idealen aktive und eindrucksvolle Form“ (1981, 33). Dieses zentrale humane Bedürfnisse und Gefühle durch seine „präsentative [ganzheitlich-imaginale bzw. bildhaft-rituelle] Symbolik“ angemessen ansprechende und befriedigende Ritual sei einer funktionalen Indokrinationsveranstaltung mit pausenlosem verbalen Aktivismus und Widerwillen erzeugenden optischem Exhibitionismus gewichen, dem binnen weniger Jahre 80 % der Gottesdienstbesucher den Rücken gekehrt haben.

Die neue Liturgie sei die „instrumentalistische Fesselung der Selbstverwirklichung der Subjekte" (108). Denn „die Reform hat das Kunstwerk ‚Ritual‘ von Grund auf zerschlagen und dadurch die Liturgie voll ideologisiert: als Lehrveranstaltung mit didaktisch eingerichteten, curricular gegliederten Texten. Im Übrigen konnte eine solche Reformoperation nur zur Zerstörung führen: Die Ambition in ein kulturell gewachsenes Kunstwerk einzugreifen durch Beschlussfassung einer Versammlung von Funktionären, ist entweder naiv oder größenwahnsinnig“ (192). Lorenzer: „Der neue Bildersturm entspringt … dem Aggiornamento [Anpassung] an den modernen Zeitgeist — auf der Höhe eines rationalistischen Instrumentalismus […] eine Barbarei, die eigenmächtig ruiniert, was allen gehört “ (205, 207).

Diese enorme Bedeutung der Riten hebt auch und zentral ins Relief der Reorganisator der liturgischen Tradition nach dem II. Vatikanum Mgr. M. Lefebvre: "Man kann nicht tiefgreifende Veränderungen auf dem Gebiet der „lex orandi" „der Liturgie" vornehmen, ohne dadurch die „lex credendi" „das Glaubensgesetz" zu verändern." (Grundsatzerklärung vom 21.11.1975) Kardinal Ratzinger / Papst Benedikt XVI wird diese Einsicht und Kritik später als Kernanliegen seines Pontifikates übernehmen: „Was nach dem [II. Vatikanischen] Konzil geschah [...] war die Ersetzung der kontinuierlich gewachsenen Liturgie durch eine fabrizierte Liturgie. Ein lebendiger, organischer Wachstumsprozess wurde aufgegeben [...] und eine künstliche Produktion trat an seine Stelle, ein banales Augenblicksprodukt." (Vorwort zur französischen Übersetzung 1992 von K. Gamber: Die Reform der Römischen Liturgie. Vorgeschichte und Problematik, Regensburg 1981) Und: "Eine Gemeinschaft, die das, was ihr bisher das Heiligste und Höchste war [= Mess- und Sakramentenriten der Tradition], plötzlich als strikt verboten erklärt und das Verlangen danach geradezu als unanständig erscheinen lässt, stellt sich selbst in Frage. Denn was soll man ihr eigentlich noch glauben?“ (Joseph Kardinal Ratzinger: Salz der Erde, München, 2001, 188)

Lefebvre wie Ratzinger stellen sich hinter das Axiom, das Augustinus und der Sekretär Leos des Großen Prosper von Aquitanien im 4./5. Jh. erstmals formulierten: Lex orandi est lex credendi — Das Gesetz des Betens ist ein Gesetz des Glaubens. Ausführlicher: "Die von den Aposteln überlieferten priesterlichen Gebete der sakramentalen Riten werden auf der ganzen Welt und in der gesamten katholischen Kirche einheitlich zelebriert, so dass das Gesetz des Betens das Gesetz des Glaubens festsetzt." (Prosper: Epistula 217. In: Patrologia Latina 45, 1031) Die Riten sind normative Glaubensquellen weil Produkte und Erscheinungsformen des normativen apostolischen Glaubens.

Aufschlussreich für die Bedingungen der Möglichkeit o.g. liturgischer Korruption ist übrigens, dass Pius XII in dem Rundschreiben zur Liturgie Mediator Dei (1947) zwar deren Resultate und Symptome im voraus verurteilte, aber zugleich deren ermöglichende Ursache, nämlich die sich von der Tradition emanzipierende Verabsolutierung der religiösen Autorität, stark machte. Er las das in Rede stehende Axiom auch und mit Vorliebe umgekehrt als Lex credendi est lex orandi Das Gesetz des Glaubens ist ein Gesetz des Betens, und zwar im Sinne des Primates der Glaubensvorstellungen der aktuellen kirchlichen Autorität über die Riten. Er begünstigte damit ungewollt o.g. hochproblematische Wirkungsgeschichte. Und er leitete sie mit der in Geist, Struktur und vielen Details von der Tradition abweichenden Reform der Karwochen- und Osterliturgie 19511956 selbst ein.

Die meistverbreitete und wohl auch umfassendste deutschsprachige Darstellung der Disziplin ist ansonsten B. Grom: Religionspsychologie, München 2007. Sie bzw. ihr Verfasser hat ebenfalls den prophetischen Theismus zum Hintergrund, allerdings in einer ziemlich weltlichen und rationalistischen Rekonstruktion.

Newmans Grammar of Assent in 75 Thesen

Behauptung und Apprehension von Propositionen

[Orig. chapt. 1: Modes of holding and apprehending Propositions]

[1] Newmans Erkenntnistheorie unterscheidet die zwei Ebenen der Realität und des Begriffs.

[2] Die Ebene des Begriffs verkörpert die mittelbare, abstrakte, logische, wissenschaftliche, objektive, unpersönliche Erkenntnis (primär intensionale und sekundär extensionale Sachverhalte: Propositionen, Urteile).

[3] Unter der anderen Ebene der Realität versteht Newman die unmittelbare, anschauliche, erfahrungsmäßige, lebendige, persönliche Erkenntnis (primär extensionale und sekundär intensionale Sachverhalte: Propositionen, Urteile).

„Propositions (consisting of a subject and predicate united by the copula) may take a categorical, conditional, or interrogative form.

(1) An interrogative, when they ask a Question, (e.g. Does Free-trade benefit the poorer classes?) and imply the possibility of an affirmative or negative resolution of it.

(2) A conditional, when they express a Conclusion (e.g. Free-trade therefore benefits the poorer classes), and at once imply, and imply their dependence on, other propositions.

(3) A categorical, when they simply make an Assertion (e.g. Free-trade does benefit), and imply the absence of any condition or reservation of any kind, looking neither before nor behind, as resting in themselves and being intrinsically complete.“ (1986, 25)

„By our apprehension of propositions I mean our imposition of a sense on the terms of which they are composed. Now what do the terms of a proposition, the subject and predicate, stand for? Sometimes they stand for certain ideas existing in our own minds, and for nothing outside of them; sometimes for things simply external to us, brought home to us through the experiences and informations we have of them. All things in the exterior world are unit and individual, and are nothing else; but the mind not only contemplates those unit realities, as they exist, but has the gift, by an act of creation, of bringing before it abstractions and generalizations, which have no existence, no counterpart, out of it.

Now there are propositions, in which one or both of the terms are common nouns, as standing for what is abstract, general, and non-existing, such as ‚Man is an animal, some men are learned, an Apostle is a creation of Christianity, a line is length without breadth, to err is human, to forgive divine.‘ These I shall call notional propositions, and the apprehension with which we infer or assent to them, notional.

And there are other propositions, which are composed of singular nouns, and of which the terms stand for things external to us, unit and individual, as ‚Philip was the father of Alexander,‘ ‚the earth goes round the sun,‘ ‚the Apostles first preached to the Jews;‘ and these I shall call real propositions, and their apprehension real [...] Next I observe, that the same proposition may admit of both of these interpretations at once, having a notional sense as used by one man, and a real as used by another.“ (1986, 29-30)

[4] Bedingtes, erschlossenes Urteilen ist Schlussfolgern.  

„Reverting to the two modes of holding propositions, conditional and unconditional, which was the subject of the former Section, that is, inferences and assents, I observe that inferences, which are conditional acts, are especially cognate to notional apprehension, and assents, which are unconditional, to real. This distinction, too, will come before us in the course of the following chapters.“ (31)

Die apprehensive Dimension des Urteils 

[Orig. chapt. 2: Assent considered as Apprehensive]

[5] In beiden Ebenen, der begrifflichen wie der realen, wird unterschieden, was die Tradition als erste Verstandesoperation oder Apprehension und als zweite Verstandesoperation oder Urteil fasst.

„I have already said of an act of Assent, first, that it is in itself the absolute acceptance of a proposition without any condition; and next that, in order to its being made, it presupposes the condition, not only of some previous inference in favour of the proposition, but especially of some concomitant apprehension of its terms [...] By apprehension of a proposition, I mean, as I have already said, the interpretation given to the terms of which it is composed. When we infer, we consider a proposition in relation to other propositions; when we assent to it, we consider it for its own sake and in its intrinsic sense.“ (32)

Die Apprehension von Propositionen

[Orig. chapt. 3: The Apprehension of Propositions]

[6] In der Ebene des Begriffs heißt die Apprehension von Propositionen die notional apprehension (mit dem zugeordneten notional assent).

[7] In der Ebene der Realität entsprechend die real apprehension (einschließlich der ebenfalls traditionellen imaginative apprehension) und dem zugeordneten real assent.

„I have said ... that there can be no assent to a proposition, without some sort of apprehension of its terms; next that there are two modes of apprehension, notional and real; thirdly, that, while assent may be given to a proposition on either apprehension of it, still its acts are elicited more heartily and forcibly, when they are made upon real apprehension which has things for its objects, than when they are made in favour of notions and with a notional apprehension. The first of these three points I have just been discussing; now I will proceed to the second, viz. the two modes of apprehending propositions, leaving the third for the Chapters which follow.“ (36)

„To compare and to contrast are among the most prominent and busy of our intellectual functions. Instinctively, even though unconsciously, we are ever instituting comparisons between the manifold phenomena of the external world, as we meet with them, criticizing, referring to a standard, collecting, analysing them [...] And in consequence, as I have said, we are ever grouping and discriminating, measuring and sounding, framing cross classes and cross divisions, and thereby rising from particulars to generals, that is from images to notions. In processes of this kind we regard things, not as they are in themselves, but mainly as they stand in relation to each other.“ (44)

[8] Die begriffliche und anschauliche Objektkonstitution, Objekteinheit und Objektkonstanz vollzieht sich ausgehend vom Material der Sinnesdaten bzw. der wechselnden Phänomene.

[9] Die Sinnesdaten haben dabei eine doppelte Aufgabe: Einmal bestimmen ihre Inhalte (qualia) das Sosein des Objekts (anders ausgedrückt: der Substanz), das durch Assoziation nach angeborenen Mechanismen und Formen aus diesen aufgebaut wird.

[10] Zweitens zeigen sie vermittels einer instinktiven Gewissheit das Dasein, die Existenz und Gegenwart der Objekte oder Substanzen an.

Begriffliche und reale Zustimmung/Urteil

[Orig. chapt. 4: Notional and Real Assent]

[11] Das Konkrete fesselt.

"It is in human nature to be more affected by the concrete than by the abstract [...] Experiences and their images strike and occupy the mind, as abstractions and their combinations do not.“ (50)

[12] Das mentale Mobiliar: Hintergrund-Annahmen und Vorurteilsstruktur.

„Credence [Gewissheiten der Prägung und Sozialisation] is the means by which, in high and low, in the man of the world and in the recluse, our bare and barren nature is overrun and diversified from without with a rich and living clothing.“ (61)                                                                                 

[13] Unsere mentale Konstitution ist apriori und unverhandelbar.

„Our consciousness of self is prior to all questions of trust or assent. We act according to our nature, by means of ourselves, when we remember or reason. We are as little able to accept or reject our mental constitution, as our being. We have not the option; we can but misuse or mar its functions.“ (67) — „I have spoken, and I think rightly spoken, of instinct as a force which spontaneously impels us, not only to bodily movements, but to mental acts.“ (67)

[14] Kausalität ist primär immanente und transzendente Agenskausalität, keine absolute deterministische Ursache-Wirkung-Relation.

„A law is not a cause, but a fact; but when we come to the question of cause, then, as I have said, we have no experience of any cause but Will. If, then, I must answer the question, What is to alter the order of nature? I reply, That which willed it;—That which willed it, can unwill it; and the invariableness of law depends on the unchangeableness of that Will.

And here I am led to observe that, as a cause implies a will, so order implies a purpose. Did we see flint celts, in their various receptacles all over Europe, scored always with certain special and characteristic marks, even though those marks had no assignable meaning or final cause whatever, we should take that very repetition, which indeed is the principle of order, to be a proof of intelligence. The agency then which has kept up and keeps up the general laws of nature, energizing at once in Sirius and on the earth, and on the earth in its primary period as well as in the nineteenth century, must be Mind, and nothing else, and Mind at least as wide and as enduring in its living action, as the immeasurable ages and spaces of the universe on which that agency has left its traces.“ (74—75)

[15] Klarheit und Deutlichkeit imaginaler mentaler Repräsentationen ist kein Existenz- oder Wahrheitskriterium.

„The fact of the distinctness of the images, which are required for real assent, is no warrant for the existence of the objects which those images represent. A proposition, be it ever so keenly apprehended, may be true or may be false. If we simply put aside all inferential information, such as is derived from testimony, from general belief, from the concurrence of the senses, from common sense, or otherwise, we have no right to consider that we have apprehended a truth, merely because of the strength of our mental impression of it. Hence the proverb, ‚Fronti nulla fides.‘ An image, with the characters of perfect veracity and faithfulness, may be ever so distinct and eloquent an object presented before the mind (or, as it is sometimes called, an ‚objectum internum,‘ or a ‚subject-object‘); but, nevertheless, there may be no external reality in the case, corresponding to it, in spite of its impressiveness.“ (80)

[16] Die Vorstellung absoluter Naturgesetze als deterministische Ursache-Wirkung-Relationen ist eine rational ungerechtfertigte imaginale mentale Repräsentation.

„One of the most remarkable instances of this fallacious impressiveness is the illusion which possesses the minds of able men, those especially who are exercised in physical investigations, in favour of the inviolability of the laws of nature. Philosophers of the school of Hume discard the very supposition of miracles, and scornfully refuse to hear evidence in their behalf in given instances, from their intimate experience of physical order and of the ever-recurring connexion of antecedent and consequent. Their imagination usurps the functions of reason; and they cannot bring themselves even to entertain as a hypothesis (and this is all that they are asked to do) a thought contrary to that vivid impression of which they are the victims, that the uniformity of nature, which they witness hour by hour, is equivalent to a necessary, inviolable law.“ (80—81)

[17] Reale Urteile (Meinungen, Überzeugungen, Gewissheiten) sind tendenziell privatsprachlich.

„Real assent, then, as the experience which it presupposes, is proper to the individual, and, as such, thwarts rather than promotes the intercourse of man with man. It shuts itself up, as it were, in its own home, or at least it is its own witness and its own standard; and, as in the instances above given, it cannot be reckoned on, anticipated, accounted for, inasmuch as it is the accident of this man or that.“ (82—83)

[18] Reale Urteile alias Überzeugungen sind ohne begriffliche Rechtfertigung wahr oder falsch, formen aber Persönlichkeiten, Gemeinschaften und Revolutionen.

„I have now said all that occurs to me on the subject of Real Assents, perhaps not without some risk of subtlety and minuteness. They are sometimes called beliefs, convictions, certitudes; and, as given to moral objects, they are perhaps as rare as they are powerful. Till we have them, in spite of a full apprehension and assent in the field of notions, we have no intellectual moorings, and are at the mercy of impulses, fancies, and wandering lights, whether as regards personal conduct, social and political action, or religion. These beliefs, be they true or false in the particular case, form the mind out of which they grow, and impart to it a seriousness and manliness which inspires in other minds a confidence in its views, and is one secret of persuasiveness and influence in the public stage of the world. They create, as the case may be, heroes and saints, great leaders, statesmen, preachers, and reformers, the pioneers of discovery in science, visionaries, fanatics, knight-errants, demagogues, and adventurers. They have given to the world men of one idea, of immense energy, of adamantine will, of revolutionary power. They kindle sympathies between man and man, and knit together the innumerable units which constitute a race and a nation. They become the principle of its political existence; they impart to it homogeneity of thought and fellowship of purpose.“ (85—86)

[19] Reale Urteile oder konkrete Glaubensüberzeugungen haben nicht nur Wahrheit zum Gegenstand, sondern auch Schönheit, Nutzen, Bewunderungswürdiges, Heroisches: Sie formen Geist, Charakter, Gefühl und Handeln.

„Belief, on the other hand, being concerned with things concrete, not abstract, which variously excite the mind from their moral and imaginative properties, has for its objects, not only directly what is true, but inclusively what is beautiful, useful, admirable, heroic; objects which kindle devotion, rouse the passions, and attach the affections; and thus it leads the way to actions of every kind, to the establishment of principles, and the formation of character, and is thus again intimately connected with what is individual and personal.“ (87)

[20] Das Herz wird durch mentale Bilder realer Personen und Fakten erreicht.

„The heart is commonly reached, not through the reason, but through the imagination, by means of direct impressions, by the testimony of facts and events, by history, by description. Persons influence us, voices melt us, looks subdue us, deeds inflame us. Many a man will live and die upon a dogma: no man will be a martyr for a conclusion.“ (89)

[21] Der Mensch ist letztlich nicht ein Vernunftwesen, sondern ein sehendes, fühlendes, handelndes Wesen.

To most men argument makes the point in hand only more doubtful, and considerably less impressive. After all, man is not a reasoning animal; he is a seeing, feeling, contemplating, acting animal. He is influenced by what is direct and precise. It is very well to freshen our impressions and convictions from physics, but to create them we must go elsewhere.“ (90)

[22] Wir leben um zu handeln. Nur wer nach angemessener Prüfung der Sachlage glaubt, kann handeln. Dies gilt auch für den normalen religiösen Glauben (auch wenn dieser mittelbar, auf der Ebene wissenschaftlicher Theologie, intellektuell gerechtfertigt werden muss).

RPS1 Taufe Kln Dom Jngeres BibelfensterLife is not long enough for a religion of inferences; we shall never have done beginning, if we determine to begin with proof. We shall ever be laying our foundations; we shall turn theology into evidences, and divines into textuaries. We shall never get at our first principles. Resolve to believe nothing, and you must prove your proofs and analyze your elements, sinking farther and farther, and finding ‚in the lowest depth a lower deep,‘ till you come to the broad bosom of scepticism. I would rather be bound to defend the reasonableness of assuming that Christianity is true, than to demonstrate a moral governance from the physical world. Life is for action. If we insist on proofs for every thing, we shall never come to action: to act you must assume, and that assumption is faith.“ (90—91)

„But if we commence with scientific knowledge and argumentative proof, or lay any great stress upon it as the basis of personal Christianity, or attempt to make man moral and religious by libraries and museums, let us in consistency take chemists for our cooks, and mineralogists for our masons.“ (91) [Bild oben: Ritus der Taufe, Köln Dom, Jüngeres Bibelfenster]

[23] Glauben, nicht Wissen ist das Handlungsprinzip.

„Now I wish to state all this as matter of fact, to be judged by the candid testimony of any persons whatever. Why we are so constituted that faith, not knowledge or argument, is our principle of action, is a question with which I have nothing to do; but I think it is a fact, and, if it be such, we must resign ourselves to it as best we may, unless we take refuge in the intolerable paradox, that the mass of men are created for nothing, and are meant to leave life as they entered it.“ (91)

Apprehension und Urteil im Bereich der Religion

[Orig. chapt. 5: Apprehension and Assent in the matter of Religion]

[24] Der Werdegang der sinnlich vermittelten Objektgenese gilt auch für Individuen der intellektuellen und moralischen Ordnung und das göttliche Absolute.                                             

[25] Der begriffliche Objektaufbau geht auf diesem Gebiet allerdings nicht von Daten der äußeren Sinne aus, sondern von Daten eines inneren Sinns, des Sinns für moralische Verpflichtung (moral sense, Gewissen als geistiges Empfinden und Fühlen).

[26] Auch auf diesem Gebiet gilt, dass die Daten nicht vom Erkenntnissubjekt willkürlich hervorgebracht werden, sondern als von außen kommende, subjekt-transzendente Daten, verbunden mit Aufforderungen, auftreten.

„As in matters of this world, sense, sensation, instinct, intuition, supply us with facts, and the intellect uses them; so, as regards our relations with the Supreme Being, we get our facts from the witness, first of nature, then of revelation, and our doctrines, in which they issue, through the exercise of abstraction and inference.“ (93)

[27] Bei Empfindungsdaten des moralischen Sinns sind drei Gesichtspunkte zu unterscheiden: theoretisch — praktisch — emotional.

[28] Den theoretischen Gesichtspunkt erfahren wir als moral sense i.e.S., als allgemeines Urteil der Vernunft betreffs eines Tuns.

[29] Der praktische Gesichtspunkt wird erfahren als sense of duty, d.h. als richterlicher Machtspruch betreffs konkreter, individueller Handlungen.

[30] Den emotionalen Gesichtspunkt erfahren wir als soziale (interpersonale) Verpflichtung, Verantwortlichkeit, und Sanktionierung in Gefühlen wie Hoffnung, Geborgenheit oder Furcht und Scham.

Dies auch unabhängig und vorgängig zu bestimmten menschlichen Beziehungen. Wir anerkennen in diesen Emotionen somit ein lebendiges Wesen, das nicht identisch mit Menschen erfahren wird. Die Daten oder Empfindungen des moralischen Sinns sind ferner antagonistisch: Rechttun führt zur Erfahrung von Selbstbilligung, Hoffnung, und auch Frieden, Heiterkeit des Herzens, Geborgenheit. Unrechttun führt zur Erfahrung von Reue, Furcht, sowie Druck, Schrecken, Besorgnis, Scham.

[31] Die Daten des moralischen Sinns erschließen — wie bei der physischen Objektkonstitution — einmal das begriffliche Sosein und zum anderen das Dasein (Existenz) des Gegenstands, von dem sie ausgehen und den sie anzeigen.

[32] Sie sind Attribute und Gesichtspunkte des vorstellungsmäßigen (imaginativ-assoziativen) und begrifflichen Inhalts, des Soseins, des durch sie konstitutierten Gegenstands, nämlich des lebendigen Bildes eines höchsten Herrschers, heilig, gerecht, mächtig, allwissend, richtend, vergeltend.

[33] Die moralischen Sinnesdaten schließen auch die Gewissheit der Existenz und Gegenwart dieses obersten Herrschers und Richters ein, d.h. eine Gewissheit der Existenz Gottes.

RPS2 Firmung Saint-Omer Notre-Dame MarienlebenDas Gewissen oder der moralische Sinn verhält sich also zu Gott wie die Sinnesdaten zu den Objekten der Außenwelt (102). Newman legt dar, dass entwicklungspsychologisch das so beschriebene lebendige Bild Gottes und ein Bewusstsein der Existenz Gottes sich spontan und aus einer angeborenen Anlage heraus ab dem fünften bis sechsten Lebensjahr zeigen kann, jedoch normalerweise äußerer Anregung und Führung bedarf. Letztere könne aber stets an die angeborene Evidenz eines ursprünglichen Gottesbildes anknüpfen – vor einer späteren begrifflichen Reflexion über Gott. [Bild oben: Ritus der Geistsendung / Firmung. Kathedrale Notre Dame Saint Omer]

Nach Newman ist dieses Bild Gottes aus Daten des moralischen Sinns mit der angesprochenen Evidenz der Existenz seines Gegenstandes der tatsächliche schöpferische Ursprung von Religion und des Gottesglaubens. Die philosophischen Schriften des Alten Testamentes drückten eben diesen Sachverhalt in dem Axiom aus: Der Anfang aller Weisheit ist die Gottesfurcht.

Es ist diese Überzeugung, so Newman, welche die einzige Antwort auf die Probleme der theoretischen Reflexion über den Theismus ist sowie auf das praktische Theodizee-Problem im Allgemeinen und Besonderen.

[34] Theologie ist begrifflich, Religion anschaulich (imaginativ).

„Theology, properly and directly, deals with notional apprehension; religion with imaginative.“ (108)

[35] Begriffliche Operationen sind nicht notwendig für die reale Apprehension.

„Comparison, calculation, cataloguing, arranging, classifying, are intellectual acts subsequent upon, and not necessary for, a real apprehension of the things on which they are exercised.“ (115) Siehe die Einleitung für die Kritik, dass diese pauschale Ausblendung der erfahrungskonstitutiven Funktion der Begriffe sowohl platonische und aristotelische verleugnet, wie auch der fachübergreifenden Kognitionsfortschung zuwiderläuft.

[36] Reale Apprehension des Göttlichen ist nur schattenhaft und umrisshaft (ganzheitlich) möglich.

„A general principle which holds good in all such real apprehension as is possible to us, of God and His Attributes[, is:] Not only do we see Him at best only in shadows, but we cannot bring even those shadows together, for they flit to and fro, and are never present to us at once. We can indeed combine the various matters which we know of Him by an act of the intellect, and treat them theologically, but such theological combinations are no objects for the imagination to gaze upon.“ (116)

Unmittelbares Urteilen

[Orig. chapt. 6: Assent considered as Unconditional]

[37] Lockes Wahrheitskriterium (intuitive und logische Beweisevidenz) ist realitätsfremd und rationalistisch. Es gibt souveränes faktisches Wissen jenseits logischer Beweisverfahren und intuitiver mathematischer oder sensorischer Evidenz.

„He takes a view of the human mind, in relation to inference and assent, which to me seems theoretical and unreal. Reasonings and convictions which I deem natural and legitimate, he apparently would call irrational, enthusiastic, perverse, and immoral; and that, as I think, because he consults his own ideal of how the mind ought to act, instead of interrogating human nature, as an existing thing, as it is found in the world.“ (139)

„Locke‘s theory of the duty of assenting more or less according to degrees of evidence, is invalidated by the testimony of high and low, young and old, ancient and modern, as continually given in their ordinary sayings and doings. Indeed, as I have shown, he does not strictly maintain it himself; yet, though he feels the claims of nature and fact to be too strong for him in certain cases, he gives no reason why he should violate his theory in these, and yet not in many more.“ (148)

[38] Lockes formallogisches Kriterium erfasst nicht intuitive Gewissheiten wie die eigene Existenz, Identität, mentale Kompetenzen, Biographie sowie theoretische, ethische und ästhetische Prinzipien und die Struktur des Universums der Erfahrung.

„First of all, starting from intuition, of course we all believe, without any doubt, that we exist; that we have an individuality and identity all our own; that we think, feel, and act, in the home of our own minds; that we have a present sense of good and evil, of a right and a wrong, of a true and a false, of a beautiful and a hideous, however we analyze our ideas of them. We have an absolute vision before us of what happened yesterday or last year, so as to be able without any chance of mistake to give evidence upon it in a court of justice, let the consequences be ever so serious. We are sure that of many things we are ignorant, that of many things we are in doubt, and that of many things we are not in doubt.

Nor is the assent which we give to facts limited to the range of self-consciousness. We are sure beyond all hazard of a mistake, that our own self is not the only being existing; that there is an external world; that it is a system with parts and a whole, a universe carried on by laws; and that the future is affected by the past. We accept and hold with an unqualified assent, that the earth, considered as a phenomenon, is a globe; that all its regions see the sun by turns; that there are vast tracts on it of land and water; that there are really existing cities on definite sites, which go by the names of London, Paris, Florence, and Madrid. We are sure that Paris or London, unless suddenly swallowed up by an earthquake or burned to the ground, is today just what it was yesterday, when we left it.“ (148—149)

„Assent on reasonings not demonstrative is too widely recognized an act to be irrational, unless man‘s nature is irrational, too familiar to the prudent and clear-minded to be an infirmity or an extravagance. None of us can think or act without the acceptance of truths, not intuitive, not demonstrated, yet sovereign. If our nature has any constitution, any laws, one of them is this absolute reception of propositions as true, which lie outside the narrow range of conclusions to which logic, formal or virtual, is tethered; nor has any philosophical theory the power to force on us a rule which will not work for a day.“ (150)

[39] Symbolische Logik linguistischer Repräsentationen ist nicht reale Logik der Referenten oder Denotate der linguistischen Repräsentationen.

„They are contemplating how representative symbols work, not how the intellect is affected towards the thing which those symbols represent. In real truth they as little mean to assert the principle of measuring our assents by our logic, as they would fancy they could record the refreshment which we receive from the open air by the readings of the graduated scale of a thermometer.“ (151)

[40] Nichtsymbolische holistische Informationsverarbeitung (bloßer real assent) ist genetisch: angeborene Naturanlage oder epigenetisch: Prägung durch Sozialisation.

„A great many of our assents are merely expressions of our personal likings, tastes, principles, motives, and opinions, as dictated by nature, or resulting from habit; in other words, they are acts and manifestations of self: now what is more rare than self-knowledge?“ (157)

[41] Prüfung von Glaubensüberzeugungen (investigation) ist nicht skeptisch infragestellende Forschung (inquiry).

„Moreover, there are minds, undoubtedly, with whom at all times to question a truth is to make it questionable, and to investigate is equivalent to inquiring; and again, there may be beliefs so sacred or so delicate, that, if I may use the metaphor, they will not wash without shrinking and losing colour. I grant all this; but here I am discussing broad principles, not individual cases; and these principles are, that inquiry implies doubt, and that investigation does not imply it, and that those who assent to a doctrine or fact may without inconsistency investigate its credibility, though they cannot literally inquire about its truth.“ (159—160)

[42] Anfängliche Urteile sind mehr oder minder Vorurteile, die nach und nach organisch zu reflektierten Überzeugungen justiert werden.

„Our first assents, right or wrong, are often little more than prejudices. The reasonings, which precede and accompany them, though sufficient for their purpose, do not rise up to the importance and energy of the assents themselves. As time goes on, by degrees and without set purpose, by reflection and experience, we begin to confirm or to correct the notions and the images to which those assents are given.“ (161)

„However, whether the original assent is continued on or not, the new assent differs from the old in this, that it has the strength of explicitness and deliberation, that it is not a mere prejudice, and its strength the strength of prejudice. It is an assent, not only to a given proposition, but to the claim of that proposition on our assent as true; it is an assent to an assent, or what is commonly called a conviction.“ (162)

Gewissheit

[Orig. chapt. 7: Certitude]

[43] Instinktive bildhafte Urteile sind die stärksten Motivatoren und Handlungsantriebe.

„It is assent, pure and simple, which is the motive cause of great achievements; it is a confidence, growing out of instincts rather than arguments, stayed upon a vivid apprehension, and animated by a transcendent logic, more concentrated in will and in deed for the very reason that it has not been subjected to any intellectual development.“ (177)

[44] Reflektierte begriffliche Urteile geben die größte intellektuelle Sicherheit, können aber die Motivation schwächen.

„Reasons for assenting suggest reasons for not assenting, and what were realities to our imagination, while our assent was simple, may become little more than notions, when we have attained to certitude.“ (178)

[45] Mit Denkfehlern und Fehlurteilen zahlen wir Lehrgeld für eine optimierte Kognition: Sie sind keine Infragestellung der Kognition.

„Errors in reasoning are lessons and warnings, not to give up reasoning, but to reason with greater caution.“ (187)

„Assent is an act of the mind, congenial to its nature; and it, as other acts, may be made both when it ought to be made, and when it ought not. It is a free act, a personal act for which the doer is responsible, and the actual mistakes in making it, be they ever so numerous or serious, have no force whatever to prohibit the act itself. We are accustomed in such cases, to appeal to the maxim, ‚Usum non tollit abusus;‘ and it is plain that, if what may be called functional disarrangements of the intellect are to be considered fatal to the recognition of the functions themselves, then the mind has no laws whatever and no normal constitution.“ (189)

We do not dispense with clocks, because from time to time they go wrong, and tell untruly. A clock, organically considered, may be perfect, yet it may require regulating.“ (189)

„The sense of certitude may be called the bell of the intellect; and that it strikes when it should not is a proof that the clock is out of order, no proof that the bell will be untrustworthy and useless, when it comes to us adjusted and regulated from the hands of the clock-maker.“ (190)

[46] Menschliche Angelegenheiten werden durch lebensweltliche und wissenschaftliche Wahrscheinlichkeiten geleitet, die in sicherem Prinzipienwissen gründen; Letzteres umfasst Wahrnehmungen und Erinnerungen — apriorische theoretische und ethische Erkenntnisprinzipien — Logik — Empirische Wissenschaften.

„In human matters we are guided by probabilities, but, I repeat, they are probabilities founded on certainties. It is on no RPS3 Eucharistie Kln Dom Jngeres Bibelfensterprobability that we are constantly receiving the informations and dictates of sense and memory, of our intellectual instincts, of the moral sense, and of the logical faculty. It is on no probability that we receive the generalizations of science, and the great outlines of history. These are certain truths; and from them each of us forms his own judgments and directs his own course, according to the probabilities which they suggest to him, as the navigator applies his observations and his charts for the determination of his course. Such is the main view to be taken of the separate provinces of probability and certainty in matters of this world; and so, as regards the world invisible and future, we have a direct and conscious knowledge of our Maker, His attributes, His providences, acts, works, and will, from nature, and revelation; and, beyond this knowledge lies the large domain of theology, metaphysics, and ethics, on which it is not allowed to us to advance beyond probabilities, or to attain to more than an opinion.

Such on the whole is the analogy between our knowledge of matters of this world and matters of the world unseen;—indefectible certitude in primary truths, manifold variations of opinion in their application and disposition.“ (194) [Bild oben: Ritus der Kommunion. Köln Dom, Jüngeres Bibelfenster]

[47] Die katholische Orthodoxie ist wissenschaftsphilosophisch die spezifische Institution für religiöses Prinzipienwissen.

„The Catholic Church then, though not universally acknowledged, may without inconsistency claim to teach the primary truths of religion, just as modern science, though but partially received, claims to teach the great principles and laws which are the foundation of secular knowledge, and that with a significance to which no other religious system can pretend, because it is its very profession to speak to all mankind, and its very badge to be ever making converts all over the earth, whereas other religions are more or less variable in their teaching, tolerant of each other, and local, and professedly local, in their habitat and character.“ (196)

[48] Drei Bedingungen intellektueller Sicherheit: (1) Resultat von Prüfung und Beweisverfahren, (2) Gefühl der Sicherheit und Zweifelberuhigung, (3) Irreversibilität und Dauer.

„It seems then that on the whole there are three conditions of certitude: that it follows on investigation and proof, that it is accompanied by a specific sense of intellectual satisfaction and repose, and that it is irreversible. If the assent is made without rational grounds, it is a rash judgment, a fancy, or a prejudice; if without the sense of finality, it is scarcely more than an inference; if without permanence, it is a mere conviction.“ (207—208)

[49] Überwiegen vorbewusster instinktiver Informationsverarbeitung in Wahrnehmung — Erinnerung — Denken.

„We perceive external objects, and we remember past events, without knowing how we do so; and in like manner we reason without effort and intention, or any necessary consciousness of the path which the mind takes in passing from antecedent to conclusion.“ (208)

Schließen

[Orig. chapt. 8: Inference]

[50] Begrenzte erkenntnisleitende und -stabilisierende Funktion der Geometrie, Algebra, Logik, und symbolischer sprachlicher Informationsverarbeitung.

„As the index on the dial notes down the sun‘s course in the heavens, as a key, revolving through the intricate wards of the lock, opens for us a treasure-house, so let us, if we can, provide ourselves with some ready expedient to serve as a true record of the system of objective truth, and an available rule for interpreting its phenomena; or at least let us go as far as we can in providing it. One such experimental key is the science of geometry, which, in a certain department of nature, substitutes a collection of true principles, fruitful and interminable in consequences, for the guesses, pro re natâ, of our intellect, and saves it both the labour and the risk of guessing. Another far more subtle and effective instrument is algebraical science, which acts as a spell in unlocking for us, without merit or effort of our own individually, the arcana of the concrete physical universe. A more ambitious, because a more comprehensive contrivance still, for interpreting the concrete world is the method of logical inference. What we desiderate is something which may supersede the need of personal gifts by a far-reaching and infallible rule. Now, without external symbols to mark out and to steady its course, the intellect runs wild; but with the aid of symbols, as in algebra, it advances with precision and effect. Let then our symbols be words: let all thought be arrested and embodied in words. Let language have a monopoly of thought; and thought go for only so much as it can show itself to be worth in language. Let every prompting of the intellect be ignored, every momentum of argument be disowned, which is unprovided with an equivalent wording, as its ticket for sharing in the common search after truth. Let the authority of nature, common-sense, experience, genius, go for nothing. Ratiocination, thus restricted and put into grooves, is what I have called Inference, and the science, which is its regulating principle, is Logic.“ (211)

[51] Deduktion (inference) ist symbolische sprachliche Informationsverarbeitung.

„Verbal reasoning, of whatever kind, as opposed to mental, is what I mean by inference, which differs from logic only inasmuch as logic is its scientific form.“ (212)

[52] Deduktion umfasst primär formale und begrifflich-abstrakte Denkleistungen und ist nicht der Weg zu materialem und realem Erkenntnisgewinn.

„Inference, being conditional, is hampered with other propositions besides that which is especially its own, that is, with the premisses as well as the conclusion, and with the rules connecting the latter with the former. It views its own proper proposition in the medium of prior propositions, and measures it by them. It does not hold a proposition for its own sake, but as dependent upon others, and those others it entertains for the sake of the conclusion. Thus it is practically far more concerned with the comparison of propositions, than with the propositions themselves. It is obliged to regard all the propositions, with which it has to do, not so much for their own sake, as for the sake of each other, as regards the identity or likeness, independence or dissimilarity, which has to be mutually predicated of them. It follows from this, that the more simple and definite are the words of a proposition, and the narrower their meaning, and the more that meaning in each proposition is restricted to the relation which it has to the words of the other propositions compared with it,—in other words, the nearer the propositions concerned in the inference approach to being mental abstractions, and the less they have to do with the concrete reality, and the more closely they are made to express exact, intelligible, comprehensible, communicable notions, and the less they stand for objective things, that is, the more they are the subjects, not of real, but of notional apprehension,—so much the more suitable do they become for the purposes of Inference.“ (213)

[53] Objektbereich symbolischer logischer Informationsverarbeitung sind auf Allgemeinbegriffe und Relationen reduzierte und skelettierte Personen, Dinge und Vorgänge.

„Symbolical notation, then, being the perfection of the syllogistic method, it follows that, when words are substituted for symbols, it will be its aim to circumscribe and stint their import as much as possible, lest perchance A should not always exactly mean A, and B mean B; and to make them, as much as possible, the calculi of notions, which are in our absolute power, as meaning just what we choose them to mean, and as little as possible the tokens of real things, which are outside of us, and which mean we do not know how much, but so much certainly as, (in proportion as we enter into them,) may run away with us beyond the range of scientific management. The concrete matter of propositions is a constant source of trouble to syllogistic reasoning, as marring the simplicity and perfection of its process. Words, which denote things, have innumerable implications; but in inferential exercises it is the very triumph of that clearness and hardness of head, which is the characteristic talent for the art, to have stripped them of all these connatural senses, to have drained them of that depth and breadth of associations which constitute their poetry, their rhetoric, and their historical life, to have starved each term down till it has become the ghost of itself, and everywhere one and the same ghost, ‚omnibus umbra locis,‘ so that it may stand for just one unreal aspect of the concrete thing to which it properly belongs, for a relation, a generalization, or other abstraction, for a notion neatly turned out of the laboratory of the mind, and sufficiently tame and subdued, because existing only in a definition. Thus it is that the logician for his own purposes, and most usefully as far as those purposes are concerned, turns rivers, full, winding, and beautiful, into navigable canals.“ (214—215)

[54] Das bunte Szenario der Lebenswelt ist keine logische Formel.

„While we talk logic, we are unanswerable; but then, on the other hand, this universal living scene of things is after all as little a logical world as it is a poetical; and, as it cannot without violence be exalted into poetical perfection, neither can it be attenuated into a logical formula.“ (215)

[55] Deduktion (Formale Logik) gelangt aufgrund der Kontingenz der Prämissen und der Abstraktheit — und damit eingeschränkten Anwendbarkeit — der Konklusionen nur zu Wahrscheinlichkeiten.

„Thus, whereas (as I have already said) Inference starts with conditions, as starting with premisses, here are two reasons why, when employed upon questions of fact, it can only conclude probabilities: first, because its premisses are assumed, not proved; and secondly, because its conclusions are abstract, and not concrete.“ (216)

Syllogism, then, though of course it has its use, still does only the minutest and easiest part of the work, in the investigation of truth, for when there is any difficulty, that difficulty commonly lies in determining first principles, not in the arrangement of proofs.“ (217)

„How little depends upon the inferential proofs, and how much upon those pre-existing beliefs and views, in which men either already agree with each other or hopelessly differ, before they begin to dispute, and which are hidden deep in our nature, or, it may be, in our personal peculiarities.“ (222)

[56] Wissenschaft erreicht Wahrheit im Abstrakten und Wahrscheinlichkeit im Konkreten.

„What is the meaning of the distrust, which is ordinarily felt, of speculators and theorists but this, that they are dead to the necessity of personal prudence and judgment to qualify and complete their logic? Science, working by itself, reaches truth in the abstract, and probability in the concrete; but what we aim at is truth in the concrete.“ (223)

[57] Allgemeinbegriffe sind lediglich Vogelperspektiven und Hinweisschilder für reale Dinge.

„‘Latet dolus in generalibus;‘ they are arbitrary and fallacious, if we take them for more than broad views and aspects of things, serving as our notes and indications for judging of the particular, but not absolutely touching and determining facts.“ (223)

[58] Es gibt keine Universalien in der Realität (in re).

„There is no such thing as stereotyped humanity; it must ever be a vague, bodiless idea, because the concrete units from which it is formed are independent realities.“ (224)

[59] Jedes Ding hat seine eigene Natur und Geschichte.

„Each thing has its own nature and its own history. When the nature and the history of many things are similar, we say that they have the same nature; but there is no such thing as one and the same nature; they are each of them itself, not identical, but like. A law is not a fact, but a notion. ‚All men die; therefore Elias has died;‘ but he has not died, and did not die. He was an exception to the general law of humanity; so far, he did not come under that law, but under the law (so to say) of Elias.“ (224) 

RPS4 Bue Vitrail Cathdrale de Moulins„What is true of Elias is true of every one in his own place and degree. We call rationality the distinction of man, when compared with other animals. This is true in logic; but in fact a man differs from a brute, not in rationality only, but in all that he is, even in those respects in which he is most like a brute; so that his whole self, his bones, limbs, make, life, reason, moral feeling, immortality, and all that he is besides, is his real differentia, in contrast to a horse or a dog. And in like manner as regards John and Richard, when compared with one another; each is himself, and nothing else, and, though, regarded abstractedly, the two may fairly be said to have something in common, (viz., that abstract sameness which does not exist at all,).“ (225)

„Instead of saying, as logicians say, that the two men differ only in number, we ought, I repeat, rather to say that they differ from each other in all that they are, in identity, in incommunicability, in personality.“ (225) [Bild oben: Ritus der Buße. Maria Magdalena, Kathedrale Moulins]

[60] Die notwendigen und allgemeingültigen Deduktionen der Logik und Wissenschaft hängen am Anfangs- und Endpunkt in der dünnen Luft der Wahrscheinlichkeit.

„Science in all its departments has too much simplicity and exactness, from the nature of the case, to be the measure of fact. In its very perfection lies its incompetency to settle particulars and details. As to Logic, its chain of conclusions hangs loose at both ends; both the point from which the proof should start, and the points at which it should arrive, are beyond its reach; it comes short both of first principles and of concrete issues.“ (227)

[61] Mentale Informationsverarbeitung stellt qualitativ und quantitativ die sprachliche Informationsverarbeitung in den Schatten.

„As I said when I began, thought is too keen and manifold, its sources are too remote and hidden, its path too personal, delicate, and circuitous, its subject-matter too various and intricate, to admit of the trammels of any language, of whatever subtlety and of whatever compass.“ (227)

[62] Sprache und Logik sichern in sich keine Wahrheit, sind aber wertvolle Werkzeuge, Methodologien und Strategien der Erkenntnis.

„If language is an inestimable gift to man, the logical faculty prepares it for our use. Though it does not go so far as to ascertain truth, still it teaches us the direction in which truth lies, and how propositions lie towards each other. Nor is it a slight benefit to know what is probable, and what is not so, what is needed for the proof of a point, what is wanting in a theory, how a theory hangs together, and what will follow, if it be admitted. Though it does not itself discover the unknown, it is one principal way by which discoveries are made. Moreover, a course of argument, which is simply conditional, will point out when and where experiment and observation should be applied, or testimony sought for, as often happens both in physical and legal questions. A logical hypothesis is the means of holding facts together, explaining difficulties, and reconciling the imagination to what is strange. And, again, processes of logic are useful as enabling us to get over particular stages of an investigation speedily and surely, as on a journey we now and then gain time by travelling by night, make short cuts when the high-road winds, or adopt water-carriage to avoid fatigue.“ (228)

[63] Die Methode von Erkenntnisgewinn und -sicherung in realen Dingen ist die weitgehend instinktive und persönliche Akkumulation aus der Natur des konkreten Falls kommender und in sie eingebetteter Wahrscheinlichkeiten.

„It is plain that formal logical sequence is not in fact the method by which we are enabled to become certain of what is concrete; and it is equally plain, from what has been already suggested, what the real and necessary method is. It is the cumulation of probabilities, independent of each other, arising out of the nature and circumstances of the particular case which is under review; probabilities too fine to avail separately, too subtle and circuitous to be convertible into syllogisms, too numerous and various for such conversion, even were they convertible. As a man‘s portrait differs from a sketch of him, in having, not merely a continuous outline, but all its details filled in, and shades and colours laid on and harmonized together, such is the multiform and intricate process of ratiocination, necessary for our reaching him as a concrete fact, compared with the rude operation of syllogistic treatment.“ (230)

„Such a process of reasoning is more or less implicit, and without the direct and full advertence of the mind exercising it.“ (233)

„I think it is the fact that many of our most obstinate and most reasonable certitudes depend on proofs which are informal and personal, which baffle our powers of analysis, and cannot be brought under logical rule, because they cannot be submitted to logical statistics.“ (239)

„Thus in concrete reasonings we are in great measure thrown back into that condition, from which logic proposed to rescue us. We judge for ourselves, by our own lights, and on our own principles; and our criterion of truth is not so much the manipulation of propositions, as the intellectual and moral character of the person maintaining them, and the ultimate silent effect of his arguments or conclusions upon our minds. It is this distinction between ratiocination as the exercise of a living faculty in the individual intellect, and mere skill in argumentative science, which is the true interpretation of the prejudice which exists against logic in the popular mind, and of the animadversions which are levelled against it, as that its formulas make a pedant and a doctrinaire.“ (240)

[64] Diese Methode von Erkenntnisgewinn und -sicherung in realen Dingen ist besonders transparent bei nichtgebildeten und bei ingeniösen Menschen.

„This is the mode in which we ordinarily reason, dealing with things directly, and as they stand, one by one, in the concrete, with an intrinsic and personal power, not a conscious adoption of an artificial instrument or expedient; and it is especially exemplified both in uneducated men, and in men of genius,—in those who know nothing of intellectual aids and rules, and in those who care nothing for them,—in those who are either without or above mental discipline.“ (261)

„A peasant who is weather-wise may yet be simply unable to assign intelligible reasons why he thinks it will be fine tomorrow; and if he attempts to do so, he may give reasons wide of the mark; but that will not weaken his own confidence in his prediction.“ (261)

„A parallel gift is the intuitive perception of character possessed by certain men, while others are as destitute of it, as others again are of an ear for music.“ (263)

[65] Diese Methode von Erkenntnisgewinn und -sicherung bei realen Dingen gilt a fortiori von persönlichen und transzendenten Gegenstandsbereichen.

„The grounds, on which we hold the divine origin of the Church, and the previous truths which are taught us by nature—the beingRPS5 Ehe Vitrail Chartres of a God, and the immortality of the soul—are felt by most men to be recondite and impalpable, in proportion to their depth and reality. As we cannot see ourselves, so we cannot well see intellectual motives which are so intimately ours, and which spring up from the very constitution of our minds; and while we refuse to admit the notion that religion has not irrefragable arguments in its behalf, still the attempts to argue, on the part of an individual hic et nunc, will sometimes only confuse his apprehension of sacred objects, and subtracts from his devotion quite as much as it adds to his knowledge.“ (264—265) [Bild rechts: Ritus der Ehe. Kathedrale Chartres]

[66] Ingeniosität und Hochbegabung sind nicht generell, sondern spezifisch.

„The clear-headed and practical reasoner, who sees conclusions at a glance, is uncomfortable under the drill of a logician, being oppressed and hampered, as David in Saul‘s armour, by what is intended to be a benefit.“ (265)

„The ratiocinative faculty, then, as found in individuals, is not a general instrument of knowledge, but has its province, or is what may be called departmental.“ (267)

„Some men can recite the canto of a poem, or good part of a speech, after once reading it, but have no head for dates. Others have great capacity for the vocabulary of languages, but recollect nothing of the small occurrences of the day or year.“ (268)

[67] Experten und Weise als Erkenntnisnormen und -quellen in der aristotelischen Wissenschaftstheorie.

„So is it with Ratiocination; and as we should betake ourselves to Newton for physical, not for theological conclusions, and to Wellington for his military experience, not for statesmanship, so the maxim holds good generally, ‚Cuique in arte suâ credendum est:‘ or, to use the grand words of Aristotle, ‚We are bound to give heed to the undemonstrated sayings and opinions of the experienced and aged, not less than to demonstrations; because, from their having the eye of experience, they behold the principles of things.‘ [Ethica Nicomachaea 6,11, End] Instead of trusting logical science, we must trust persons, namely, those who by long acquaintance with their subject have a right to judge.“ (269)

Der Folgerungssinn

[Orig. chapt. 9: The Illative Sense]

[68] Der Folgerungssinn (illative sense) ist die intuitive Logik des gesunden Menschenverstandes und der Hochbegabung (Genialität).

Dem illative sense entspricht bei Aristoteles die reflektierend-theoretische Urteilskraft als geisteswissenschaftliche und politisch-soziale Erkenntnis (dóxa) und in der Ethik entspricht ihm die aristotelische phronesis (276—281). Die ästhetisch-sittliche Urteilskraft (phrónesis), und die reflektierend-theoretische Urteilskraft als geisteswissenschaftliche und politisch-soziale Erkenntnis (dóxa) weisen in der Tradition seit Aristoteles bis zu Kant eine gemeinsame Struktur auf — als Anwendung von etwas Allgemeinem auf eine konkrete und besondere Situation. Newman exemplifiziert die hier anstehenden phänomenologischen und hermeneutischen Herausforderungen anhand der klassischen Philologie und Altertumswissenschaft und den kanonischen Darstellungen zum archaischen Hellas und zur römischen Republik seitens der Altmeister Niebuhr, Mure und George Lewis (284—290).

„Common sense, chance, moral perception, genius, the great discoverers of principles do not reason. They have no arguments, no grounds, they see the truth, but they do not know how they see it; and if at any time they attempt to prove it, it is as much a matter of experiment with them, as if they had to find a road to a distant mountain, which they see with the eye; and they get entangled, embarrassed, and perchance overthrown in the superfluous endeavour. It is the second-rate men, though most useful in their place, who prove, reconcile, finish, and explain.“ (296—297)

Schließen und Urteilen im Bereich der Religion

[Orig. chapt. 10: Inference and Assent in the Matter of Religion]

[69] Die Sicherheit der theistischen Offenbarungsreligion beruht auf argumentativ begründeter Offenbarung und autoritativer Lehre.

„The very idea of Christianity in its profession and history, is ... a ‚Revelatio revelata;‘ it is a definite message from God to man distinctly conveyed by His chosen instruments, and to be received as such a message; and therefore to be positively acknowledged, embraced, and maintained as true, on the ground of its being divine, not as true on intrinsic grounds, not as probably true, or partially true, but as absolutely certain knowledge, certain in a sense in which nothing else can be certain, because it comes from Him who neither can deceive nor be deceived.

RPS6 Weihe Kln Dom Jngeres BibelfensterAnd the whole tenor of Scripture from beginning to end is to this effect: the matter of revelation is not a mere collection of truths, not a philosophical view, not a religious sentiment or spirit, not a special morality,—poured out upon mankind as a stream might pour itself into the sea, mixing with the world‘s thought, modifying, purifying, invigorating it;—but an authoritative teaching, which bears witness to itself and keeps itself together as one, in contrast to the assemblage of opinions on all sides of it, and speaks to all men, as being ever and everywhere one and the same, and claiming to be received intelligently, by all whom it addresses, as one doctrine, discipline, and devotion directly given from above. In consequence, the exhibition of credentials, that is, of evidence, that it is what it professes to be, is essential to Christianity, as it comes to us; for we are not left at liberty to pick and choose out of its contents according to our judgment, but must receive it all, as we find it, if we accept it at all. It is a religion in addition to the religion of nature; and as nature has an intrinsic claim upon us to be obeyed and used, so what is over and above nature, or supernatural, must also bring with it valid testimonials of its right to demand our homage.

Next, as to its relation to nature. As I have said, Christianity is simply an addition to it; it does not supersede or contradict it; it recognizes and depends on it, and that of necessity: for how possibly can it prove its claims except by an appeal to what men have already? be it ever so miraculous, it cannot dispense with nature; this would be to cut the ground from under it; for what would be the worth of evidences in favour of a revelation which denied the authority of that system of thought, and those courses of reasoning, out of which those evidences necessarily grew?" (302—303) [Bild oben: Ritus der Weihe. Der Hohepriester Melchisedech, Köln Dom, Jüngeres Bibelfenster]

[70] Drei natürliche Kanäle religiösen Wissens: Selbstbewusstsein — Tradition und Philosophie — Natur- und Kulturgeschichte.

„By Religion I mean the knowledge of God, of His Will, and of our duties towards Him; and there are three main channels which Nature furnishes for our acquiring this knowledge, viz. our own minds, the voice of mankind, and the course of the world, that is, of human life and human affairs. The informations which these three convey to us teach us the Being and Attributes of God, our responsibility to Him, our dependence on Him, our prospect of reward or punishment, to be somehow brought about, according as we obey or disobey Him. And the most authoritative of these three means of knowledge, as being specially our own, is our own mind, whose informations give us the rule by which we test, interpret, and correct what is presented to us for belief, whether by the universal testimony of mankind, or by the history of society and of the world.“ (303)

[71] Das Gewissen ist der Lehrer par excellence der Religion.

„Our great internal teacher of religion is, as I have said in an earlier part of this Essay, our Conscience. Conscience is a personal guide, and I use it because I must use myself; I am as little able to think by any mind but my own as to breathe with another‘s lungs. Conscience is nearer to me than any other means of knowledge. And as it is given to me, so also is it given to others; and being carried about by every individual in his own breast, and requiring nothing besides itself, it is thus adapted for the communication to each separately of that knowledge which is most momentous to him individually,—adapted for the use of all classes and conditions of men, for high and low, young and old, men and women, independently of books, of educated reasoning, of physical knowledge, or of philosophy. Conscience, too, teaches us, not only that God is, but what He is; it provides for the mind a real image of Him, as a medium of worship; it gives us a rule of right and wrong, as being His rule, and a code of moral duties. Moreover, it is so constituted that, if obeyed, it becomes clearer in its injunctions, and wider in their range, and corrects and completes the accidental feebleness of its initial teachings.“ (304)

[72] Die basale Wahrheit der Religion ist Schuld, Sünde, Verderbtheit und Erlösungsbedürftigkeit der menschlichen Natur.

„Its most prominent teaching, and its cardinal and distinguishing truth, is that he [= God] is our Judge.“ (304)

„It [religion] is founded in one way or other on the sense of sin; and without that vivid sense it would hardly have any precepts or any observances. Its many varieties all proclaim or imply that man is in a degraded, servile condition, and requires expiation, reconciliation, and some great change of nature.“ (305)

[73] Die auffallende relative Abwesenheit des göttlichen Absoluten in der Welt der Erfahrung als Folge von Schuld, Sünde und Verderbtheit.

„Now we come to the third natural informant on the subject of Religion; I mean the system and the course of the world. This established order of things, in which we find ourselves, if it has a Creator, must surely speak of His will in its broad outlines and its main issues. This principle being laid down as certain, when we come to apply it to things as they are, our first feeling is one of surprise and (I may say) of dismay, that His control of this living world is so indirect, and His action so obscure. This is the first lesson that we gain from the course of human affairs. What strikes the mind so forcibly and so painfully is, His RPS7 Notre Dame de Dijon Suedrosetteabsence (if I may so speak) from His own world. It is a silence that speaks. It is as if others had got possession of His work. Why does not He, our Maker and Ruler, give us some immediate knowledge of Himself? Why does He not write His Moral Nature in large letters upon the face of history, and bring the blind, tumultuous rush of its events into a celestial, hierarchical order? Why does He not grant us in the structure of society at least so much of a revelation of Himself as the religions of the heathen attempt to supply? Why from the beginning of time has no one uniform steady light guided all families of the earth, and all individual men, how to please Him? Why is it possible without absurdity to deny His will, His attributes, His existence? Why does He not walk with us one by one, as He is said to have walked with His chosen men of old time? We both see and know each other; why, if we cannot have the sight of Him, have we not at least the knowledge? On the contrary, He is specially ‚a Hidden God;‘ and with our best efforts we can only glean from the surface of the world some faint and fragmentary views of Him. I see only a choice of alternatives in explanation of so critical a fact:—either there is no Creator, or He has disowned His creatures. Are then the dim shadows of His Presence in the affairs of men but a fancy of our own, or, on the other hand, has He hid His face and the light of His countenance, because we have in some special way dishonoured Him? My true informant, my burdened conscience, gives me at once the true answer to each of these antagonist questions:—it pronounces without any misgiving that God exists:—and it pronounces quite as surely that I am alienated from Him; that ‚His hand is not shortened, but that our iniquities have divided between us and our God.‘ Thus it solves the world‘s mystery, and sees in that mystery only a confirmation of its own original teaching.“ (308–309) [Bild oben: Ritus der Krankenölung, Kathedrale Notre Dame de Dijon, Südrosette: Tod und Gericht]

[74] Religion in den gegebenen Umständen korreliert mit der Wahrnehmung und Bewältigung von Sünde und Schuld, weshalb Philosophie und humane Kultivierung hier versagen müssen.

„Its large and deep foundation is the sense of sin and guilt, and without this sense there is for man, as he is, no genuine religion. Otherwise, it is but counterfeit and hollow; and that is the reason why this so-called religion of civilization and philosophy is so great a mockery.“ (311)

„Every religion has had its eminent devotees, exalted above the body of the people, mortified men, brought nearer to the Source of good by austerities, self-inflictions, and prayer, who have influence with Him, and extend a shelter and gain blessings for those who become their clients.“ (317)

[75] Angemessene mentale Einstellung und spezifische professionelle Exzellenz als Bedingungen von Realitätsdichte und Wahrheitserkenntnis im Allgemeinen und im Feld der Religion.

„That a special preparation of mind is required for each separate department of inquiry and discussion (excepting, of course, that of abstract science) is strongly insisted upon in well-known passages of the Nicomachean ethics. Speaking of the variations which are found in the logical perfection of proof in various subject-matters, Aristotle says, ‚A well-educated man will expect exactness in every class of subject, according as the nature of the thing admits; for it is much the same mistake to put up with a mathematician using probabilities, and to require demonstration of an orator. Each man judges skillfully in those things about which he is well-informed; it is of these that he is a good judge; viz. he, in each subject-matter, is a judge, who is well-educated in that subject-matter, and he is in an absolute sense a judge, who is in all of them well-educated.‘ Again: ‚Young men come to be mathematicians and the like, but they cannot possess practical judgment; for this talent is employed upon individual facts, and these are learned only by experience; and a youth has not experience, for experience is only gained by a course of years. And so, again, it would appear that a boy may be a mathematician, but not a philosopher, or learned in physics, and for this reason,—because the one study deals with abstractions, while the other studies gain their principles from experience, and in the latter subjects youths do not give assent, but make assertions, but in the former they know what it is that they are handling.‘

These words of a heathen philosopher, laying down broad principles about all knowledge, express a general rule, which in Scripture is applied authoritatively to the case of revealed knowledge in particular;—and that not once or twice only, but continually, as is notorious. For instance:—‚I have understood,‘ says the Psalmist, ‚more than all my teachers, because Thy testimonies are my meditation.‘ And so our Lord: ‚He that hath ears, let him hear.‘ ‚If any man will do His will, he shall know of the doctrine.‘ And ‚He that is of God, heareth the words of God.‘ Thus too the Angels at the Nativity announce ‚Peace to men of good will.‘ And we read in the Acts of the Apostles of ‚Lydia, whose heart the Lord opened to attend to those things which were said by Paul.‘ And we are told on another occasion, that ‚as many as were ordained,‘ or disposed by God, ‚to life everlasting, believed.‘ And St. John tells us, ‚He that knoweth God, heareth us; he that is not of God, heareth us not; by this we know the spirit of truth, and the spirit of error.‘ (321—322)

Diskussion zu Newmans Erkenntnistheorie und Psychologie

Rechtfertigung des Wissens

In der Einleitung zu der von uns zu Grunde gelegten Ausgabe des Werkes sagt Nicholas Lash, dass dasselbe wissenschaftsgeschichtlich im englischen Empirismus und der anglikanischen Theologie zu verorten ist und in Auseinandersetzung mit Locke und Hume entstanden ist. Das ist richtig. Allerdings ist Newman — auch nach eigenem Selbstverständnis — noch viel stärker Aristoteliker. Selbst das bei kontinentalen rationalistischen und scholastischen Philosophen und Theologen das meiste Unbehagen auslösende Lehrstück des kumulierten Wahrscheinlichkeitsbeweises in allen konkreten, realen Erkenntnisbereichen lässt sich im aristotelischen und thomistischen Paradigma rekonstruieren. Newmans Kronzeuge an entscheidenden Stellen ist expressis verbis und zutreffend Aristoteles (vgl. hier zur Wissenschaftsgeschichte Natterer: Philosophie der Transzendenz Kap. 11: Thomas Aquinas über rationale und negative Theologie, 123—124). Man kann sogar die Dinge umgekehrt sehen, insofern die Brücke zum Wissen — Newmans eigenes Bild — zwar an Stahlkabeln hängt, die aus Dutzenden bis Hunderten in sich nur partiell tragfähiger Einzeldrähte gedreht sind. Aber diese Stahltaue sind — um im Bild zu bleiben — bei ihm an viel dichter stehenden Eisenpylonen befestigt, d. h. an in sich notwendigen und allgemeingültigen Wahrheiten, als bei anderen Autoren (vgl. These [46]: Menschliche Angelegenheiten werden durch lebensweltliche und wissenschaftliche Wahrscheinlichkeiten geleitet, die in sicherem Prinzipienwissen gründen). Und zweitens sind die aus den Wahrscheinlichkeitsdrähten geflochtenen Stahlkabel genauso stabil und sogar belastbarer als einzelne massive Stahlschienen. Vgl. das durchaus mit Newmans Ansatz im wesentlichen übereinkomende Lehrstück der Rechtfertigung des Wissens in Peter Baumanns Bearbeitung der Erkenntnistheorie (2. Auflage Stuttgart/Weimar 2006) bzw. die kompakte Skizze in Natterer: Bausteine der Erkenntnistheorie, Norderstedt 2010, 335—336:

„Es gibt nichtentwertbare konklusive Rechtfertigungs-Gründe, welche auf Logik und Semantik beruhen und wo eine innere logische Beziehung zwischen Grund und Folge [Tatsache] besteht. Und es gibt entwertbare nichtkonklusive Gründe, welche auf Erfahrung, Induktion und Wahrscheinlichkeit beruhen und wo nur eine faktische kausale Beziehung zwischen Grund/Ursache und Tatsache besteht (Baumann a.a.O. 2006, 185). Damit die Rechtfertigung nicht in den Regress oder Zirkel gerät, braucht es Regressstopper, d.h. eine Basis, ein letztes Fundament der Rechtfertigung: „Nicht alle Rechtfertiger müssen selbst gerechtfertigt sein: die basalen Rechtfertiger müssen dies nicht sein“ (ebd. 211).

Der Fundamentalismus (Aristoteles, Descartes, Locke, Carnap, Schlick, Kant, Reid, Chisholm, Kutschera) sieht das letzte Fundament in nicht mehr hinterfragbaren Grundsätzen. Die Nicht-mehr-Hinterfragbarkeit ergibt sich dabei entweder (i) aus der logischen Evidenz oder Selbstrechtfertigung der basalen Propositionen. Oder (ii) aus der axiomatischen Voraussetzung basaler Propositionen entsprechend vernünftigen Standards (Husserl, Peacock, McDowell). Axiomatische Voraussetzung basaler Propositionen beansprucht somit eine Sicherheit entsprechend vernünftigen Standards. So gilt das Fundament eines Hauses als sicher, wenn es Erdbeben der Stärke 12 standhält, was keine absolute Sicherheit des Fundamentes bedeutet (z.B. gegen einen bunkerbrechenden Marschflugkörper) (209). Oder (iii) die Nicht-mehr-Hinterfragbarkeit ergibt sich aus der mentalen Bewusstseinsevidenz bzgl. eigener Erlebnisse. Gegen Letzteres ist einzuwenden, dass diese Erlebnisse keinen priviligierten Status besitzen, der Täuschung unterworfen sind, keine Rechtfertigung von Extramentalem bieten (analytisch wahr, aber leer sind) und außerdem nichts einfach empirisch gegeben ist (Sellars, Austin, McDowell).  

Der Kohärentismus (Neurath, Hempel, Quine, Davidson) vertritt eine holistische Rechtfertigung, d.h. alle Aussagen von ganz unten bis zur obersten und grundsätzlichsten Theorieebene bilden ein logisch konsistentes und zusammenhängendes Netzwerk von sich wechselseitig begründenden/erklärenden/rechtfertigenden probabilistischen Beziehungen und Schlüssen. Der entscheidende Einwand gegen die Absolutsetzung dieser Sicht ist, dass den direkten Beziehungen zur Welt in der Wahrnehmung ein untilgbarer basaler Status bei der Rechtfertigung zukommt (214).

Der Kontextualismus macht wie der Fundamentalismus Rechtfertigung von vernünftigen Begründungsstandards abhängig. Diese lässt er aber je nach Umfeld und Zusammenhang variieren: „Der Kontextualismus entdramatisiert die Problemlage: Was eine basale Überzeugung ist und was nicht, kann mit dem Kontext variieren.“ (216) Dagegen spricht, dass die Anpassung an den Kontext faktisch oft oder meist eine Ausrichtung an der dort etablierten Mehrheitsmeinung ist (217), und somit die Gefahr besteht, tendenziell Rationalität mit Konformität zu vertauschen. Kontextualisten wie Stewart Cohen und Stephen Stich versuchen diese Gefahr durch die Betonung der Notwendigkeit von Selbstmisstrauen, Bescheidenheit, Höflichkeit zu entkräften. Ein weiterer Einwand ist, dass Menschen häufig elementare logische Fehler begehen (vgl. der ‚Wason-Selection-Task‘) (217). Kontextualisten kontern hierauf, dass korrekte logische Schlüsse nicht nur von der abstrakten logischen Form, sondern noch mehr vom konkreten, tatsächlichen semantischen Inhalt abhängen und Menschen hier intuitiv viel überzeugender agieren als bei abstrakten logischen Analysen.

Die richtige Sicht dürfte ein „Fundhärentismus“ (215) sein, d.h. die Verbindung von Fundamentalismus und Kohärentismus. Zusammen mit den Einsichten des Kontextualismus ergibt sich im Fazit ein kontextualisierter "Fundhärentismus".

Stellung der begrifflichen Kognition

Newmans schwache Seite liegt vielmehr in seinem stark empiristischen Hintergrund, der die erfahrungskonstitutive Funktion der Begriffe unterschätzt: Der enormen und absolut dominanten Rolle der konzeptgesteuerten Informationsverarbeitung wird er zu wenig gerecht. Das ist heute keine Frage der Interpretation und Akzentsetzung mehr, sondern wissenschaftstheoretisches, kognitionswissenschaftliches und neurobiologisches Fakt. Die begriffliche Kognition sieht Newman zu einseitig erst in nachträglichen, erfahrungsabstraktiven und komparativen Erkenntnisleistungen am Werk. Dem entspricht ontologisch ein zu starker nominalistischer alias kulturrelativistischer Standpunkt, der substantiellen Allgemeinstrukturen skeptisch bis ablehnend gegenüber steht. Das ist so heute — und zwar ebenfalls von der interdisziplinären Faktenlage her — kaum vertretbar, auch wenn die Sicht mehr denn je aus ideologischen Gründen eine starke Lobby hat (einschlägig S. Pinker: The Blank Slate. The Modern Denial of Human Nature, New York 2002 [dt.: Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur, Berlin 2003]. Zustimmen würde Newman Pinker aber hierin, dass ein Großteil unserer kognitiven Fähigkeiten und Leistungen angeboren und insofern apriori sind. Vgl. zur erkenntnistheoretischen Evaluation der Themen Newmans Natterer: Bausteine der Erkenntnistheorie, Norderstedt 2010, Abschnitt 2.2 ‚Die Moderne und Platon‘, 20—96.

Newman auf dem Weg zur nachklassischen Logik

In wissenschaftstheoretischer Perspektive sieht Lash in dem Werk eine vorauseilende Pionierleistung („seminal character“) für moderne Entwicklungen, die ab den 1960er Jahren zum Durchbruch kamen. Nun, treffender wäre wohl zu sagen, dass Newman — mit Peirce, Duhem, Husserl, Gehlen, dem späten Carnap, Popper, Gadamer, Davidson, Putnam u.a. — zu einem Feld kreativer Vordenker gehört, die tatsächlich Vorbereiter waren der „fundamental shifts ... in the assessment of the range and variety of modes of human rationality ... across a broad spectrum of disciplines“ (1986, 19—21).

Diese fundamental shifts oder Paradigmenwechsel betrafen zunächst besonders die nachklassische formalisierte Logik, deren Einsichten sich mit Newmans Analyse und Kritik der klassischen formalen und formalisierten Logik überschneiden [Vgl. Natterer: Philosophie der Logik, Norderstedt 2010, Kap. 1, 14—24; Kap. 3, 107—146 sowie Gabbay, D./Guenthner, G. (eds.): Handbook of Philosophical Logic, Bd. IV: Topics in the Philosophy of Language, Dordrecht/Boston/London 1989. Der Sammelband von D. Jacquette/D. Gabbay/J. Woods/P. Thagard (eds.): Philosophy of Logic [Handbook of the Philosophy of Science Series], Amsterdam 2007, kann darüber hinaus derzeit quantitativ und qualitativ als Standard gelten.] Eine besondere Rolle spielt hier die epistemische Logik, welche die Stellung des Erkenntnissubjektes in der Logik berücksichtigt und die Dynamik rationaler Untersuchung und ihrer Repräsentation in epistemischen (Wissen, dass ...) und doxastischen (Glauben, dass ...) Zuständen modelliert. Beides sind Schwerpunkte der Newman'schen Logik und Erkenntnistheorie. In Künstliche-Intelligenz-Kreisen ist ein solches logisches System ein intelligent agent. Die epistemische Logik hat dabei insbesondere mit der Ebene der Pragmatik in der menschlichen Kognition zu tun, also mit der Subjekt- und Kontextabhängigkeit der Bedeutungsfixierung (intensionale Präzisierung oder Desambiguierung) und referentiellen Fixierung von Termen und Propositionen. Wie die Diskussion der letzten Jahrzehnte ferner gezeigt hat, ist dies nicht ohne wechselseitiges semantisches Vorwissen (hermeneutische Präsuppositionslogik), gemeinsame praktische Diskursvoraussetzungen (Konversationsmaximen) sowie deiktische Indexikalität und intentionale Perspektivität zu haben. Es ist daher kein Zufall, sondern folgerichtig, wenn neuere Entwicklungen der epistemischen Logik versuchen, dieses Vorwissen (common knowledge) und diese Maximen (conventions) sowie diese Kontextualität (systems of agents, multi-agent-semantics) zu modellieren. Zu vergleichen ist etwa Fagin, R./Halpern, J. Y./Moses Y./Vardi, M. Y.: Reasoning about Knowledge, Cambridge, Mass. 1995.

Die angesprochenen Entwicklungen zeigen die epistemische Logik in einem engen Zusammenhang mit der intensionalen Logik, welche die Dimension der Begriffsanalytizität oder Intensionalität (Bedeutungs- oder Sinnanalyse) behandelt. Beide Logiken sind die bedeutendsten theoretischen Gegenstandsgebiete der nachklassischen formalisierten Logik. Dazu kommt die Zeitlogik, deren Instrumentarium benötigt wird, um die Dynamik des Wissenserwerbs und der Revision von Glaubensüberzeugungen zu formalisieren. Die aktuelle Forderung in der epistemischen Logik ist daher jene nach einem multi-modal-Ansatz, also nach Integration der verschiedenen Modalsysteme der nachklassischen Logik: epistemische Modaloperatoren + intensionale Modaloperatoren + temporale Modalloperatoren etc. Über diese aktuelle Situation informieren Hendricks, V. F./Jørgensen, K. F./Pedersen, S. A. (eds.): Knowledge Contributors, Dordrecht 2003, und Hendricks, V. F.: Mainstream and Formal Epistemology, Cambridge/New York 2005. Bahnbrechend war hierfür Gärdenfors, P.: Knowledge in Flux — Modelling the Dynamics of Epistemic States, Cambridge, Mass. 1988. Das sind alles thematische Schwerpunkte Newmans.

Manifest fachübergreifender Logikkritik 

Rhetorik — Dialektik — Hermeneutik

Newmans Reserven gegen die formale Logik teilten und teilen auch die Rhetorik, spekulative Dialektik und Hermeneutik, die von Anfang an seit der Antike, dem Humanismus und deutschen Idealismus eine logikkritische Front bildeten. Noch stärker war diese Front gegen die formalisierte Logik seit Frege. Formale Logik wird in dieser Tradition als nebensächliche Randdisziplin gesehen, ohne entscheidenden Wert weder für die umgangssprachliche Argumentation noch für wissenschaftliches und philosophisches Denken. Die Rhetorik betonte stets: Die materiale Topik [Sachanalyse], nicht die formale Topik [Formanalyse] ist Organon des Denkens, der Argumentation und Erkenntnisfindung. Die spekulative Dialektik des deutschen Idealismus, insbesondere bei Fichte und Hegel, kritisierte in ähnlicher Weise die formale Logik als veräußerlichtes, uneigentliches Denken. Wirkungsgeschichtlich ist diese spekulative Dialektik auch nach dem Scheitern ihrer Systementwürfe präsent in der Lebensphilosophie bzw. im Existentialismus (Heidegger) und in der philosophischen Hermeneutik in vielen Spielarten einer hermeneutischen Dialektik (Gadamer).

Wissenschaftstheorie — Sprachphilosophie

Außerhalb dieser Wirkungsgeschichte kommen die moderne wissenschaftsgeschichtlich ausgerichtete Wissenschaftstheorie (Kuhn, Feyerabend, Friedman) und die Philosophie der natürlichen Sprache (Strawson, Grice) zu gleichlautenden Kritiken (einschlägig Th. M. Seebohm: Zur Kritik der hermeneutischen Vernunft, Bonn 1972 und ders.: Hermeneutics, Method, and Methodology, Dordrecht 2005).

Auf Seiten der Wissenschaftstheorie finden sich entsprechende Orientierungen bei Popper, K. R.: Logik der Forschung, 9. Aufl. Tübingen 1989, 31—46, 376—396; Carnap, P. R.: Meaning and Necessity, 2. Aufl. Chikago 1956; Seiffert, H.: Einführung in die Wissenschaftstheorie, München 1991, Bd. I, 27—124 und v.a. ders.: Einführung in die Wissenschaftstheorie. Zweiter Band. Geisteswissenschaftliche Methoden: Phänomenologie — Hermeneutik und historische Methode — Dialektik, 9. Aufl. München 1991. Dieser letztere Band ist vielleicht die beste systematische Einführung in die Einsichten, Anliegen und Argumente der Grammar of Assent.

In der Sprachphilosophie und Linguistik ist zu vergleichen M. Dascal/D. Gerhardus et al. (Hrsg.): Sprachphilosophie. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung [= HSK (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft) 7.1 und 7.2], Berlin/New York 1996.

Kognitionspsychologie

Die genannten sprachphilosophischen Analysen decken sich mit den Ergebnissen der Kognitionspsychologie, deren augenblickliche Forschungsbilanz zeigt, dass weder die reine

  • kritische Merkmalstheorie(defining-attribute theory, vgl. Gochet, P.: For and against Universals. In: Dascal/Gerhardus et al. (Hrsg.): Sprachphilosophie. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung 7.2, Berlin/New York 1996, 876—877), noch die reine
  • Prototypentheorie (prototype-theory, siehe dazu in Folge), noch die rein
  • pragmatische Sprachspieltheorie (etwa in Form von Wittgensteins „Familienähnlichkeiten“ als „ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen“ — ohne definierende Merkmale und ohne Prototypen, vgl. Lenk, H.: Zu Wittgensteins Theorie der Sprachspiele. In: Kant-Studien 58 (1967), 458—480; Gochet a.a.O. 1996, 876—877) des Begriffserwerbs und -gebrauchs den tatsächlichen Verhältnissen gerecht werden.

Zu den einschlägigen Ergebnissen der Kognitionspsychologie zählt insbesondere die wechselseitige Ergänzung von kritischer Merkmalstheorie und Prototypentheorie in Begriffserwerb und -gebrauch. In der Kognitionsforschung gibt es weitgehende experimentelle Evidenz, dass die klassische kritische Merkmalstheorie der Logik durch Einsichten der sogenannten Prototypentheorie (die Newman sofort unterschreiben würde) ergänzt werden muss, wonach im vorwissenschaftlichen Sprachverhalten des Alltags viele Konzepte eine prototypische Struktur haben: „Dem [merkmalstheoretischen] Ansatz zufolge speichern wir Definitionen oder Listen kritischer Merkmale — Attribute, die notwendige und hinreichende Bedingungen für die Zugehörigkeit eines Begriffs zu einer bestimmten Kategorie sind [...] Eine Alternative zu diesem Ansatz ist die Prototypentheorie, die nahelegt, daß Kategorien um ein Ideal oder das repräsentativste Beispiel strukturiert sind. Das repräsentativste Beispiel einer Kategorie wird als Prototyp [Rosch, E. H.: Natural Categories. In: Cognitive Psychology 4 (1973), 328—350] bezeichnet. Dem Prototypenansatz zufolge wird ein Konzept als Mitglied einer Kategorie klassifiziert, wenn es dem Prototypen dieser Kategorie ähnlicher ist als dem Prototypen jeder anderen Kategorie.“ (zit. nach Zimbardo, Ph. G.: Psychologie, 6. Aufl. Berlin/Heidelberg/New York 61995, 363)

Bildung und hierarchische Strukturierung (Taxonomie) von Allgemeinbegriffen und ihrer logischen Beziehungen erfordern also einen mehrschichtigen Ansatz: (1) logisch-definitorisch, (2) empirisch-prototypisch, (3) kontextuell-pragmatisch. In ausführlicherer Darstellung sind dies erstens die auf die klassische deskriptive und formalisierte Logik zurückgehende kritische Merkmalstheorie (defining-attribute-theory). Zweitens die Prototypentheorie (characteristic-attribute-theory). Dazu tritt drittens die seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts herausgearbeitete relative Kontextabhängigkeit begrifflicher Repräsentationen. Diese Dreischichtung, die Newmans volle Zustimmung finden würde, findet sich auch in der Hermeneutik: vgl. Gadamer, H.-G. (1990 [1960]) Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 6. Aufl. Tübingen, 432—442.

Die kritische Merkmalstheorie ist die Theorie des logischen Begriffs-Gehalts und die Prototypentheorie ist die Theorie der empirischen Begriffs-Identifizierung. Die kognitionspsychologischen und linguistischen Forschungsergebnisse legen hinsichtlich des Verhältnisses beider Modelle die Unterscheidung nahe „between the ‚core‘ of a concept and its ‚identification procedure‘. The core of a concept consists of defining attributes and is important in revealing the relations between a given concept and other concepts [...] The identification procedure is responsive to characteristic attributes“ (Eysenck, M. W./Keane, M. T.: Cognitive Psychology, 2. Auflage Hove/London/ Hillsdale 1992 [62010], 262). Diese funktionale Komplementarität von kritischer Merkmalstheorie und Prototypentheorie vertritt der Sache nach bereits G. W. Leibniz (Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand (übers. u. hrsg. v. E. Cassirer), 4. Aufl. Hamburg 1972, 348, 406). Sie ist auch bereits ein Resultat der modernen Hermeneutik (vgl. Gadamer a.a.O. 1990, 432—442). Die eigenständige Rolle der – logischen – kritischen Merkmalstheorie wird durch die — tendenziell imaginale — Prototypentheorie nicht in Frage gestellt: „There are some queries about the generality of the prototype view, as it has been found that some abstract concepts do not exhibit prototype structure ... and it cannot adequately account for category cohesiveness.“ (Eysenck/ Keane a.a.O. 1992, 270)

Kognitionswissenschaft

In der Kognitionswissenschaft liegen Johnson-Lairds Forschungen zum konkreten Denken und tatsächlichen lebensweltlichen Argumentieren in der Linie der Grammar of Assent. Er zeigte, dass Menschen sich nicht so sehr logischer als diagrammatischer Informationsverarbeitung bedienen, also mittels Konstruktion und Manipulation anschaulicher mentaler Modelle oder Schemata. Johnson-Laird, P. N.: Mental models, Cambridge 1983, und Johnson-Laird, P. N./Byrne, R. M. J.: Deduction, London 1990, entwickelt dazu eine metapragmatische Theorie von sieben angeborenen Prozeduren oder Operationen, die objektsprachliche physische Perzeptionsmodelle und höherstufige konzeptuelle Modelle erstellen und verarbeiten. Das Recht von Johnson-Lairds Mental-Model-Theorie liegt darin, das faktische und allgemeine kognitive menschliche Verhalten und Vorgehen in Wissensrepräsentation, Problemlösen und Schließen zu erfassen, das nicht automatisch mit der normativen, abstrakten Rationalität der Logik und Mathematik übereinkommt.

Ästhetik

Auch moderne Aufarbeitungen der kognitiven, ethischen und spirituellen Funktionen der Ästhetik greifen diesbezügliche Thesen Newmans auf. Schon die besonders einflussreichen und klassischen Entwürfe der Ästhetik sehen dieselbe bekanntlich in einem engen Zusammenhang mit der Transzendenz und Ethik. So Platons Dialoge Politeia, Ion, Phaidros und Symposion (4. Jh. v. C.), Aristoteles‘ Poetik (335 v. C.), Horazens Ars poetica (13 v. C.), und Kants Kritik der ästhetischen Urteilskraft (1790). Hans-Georg Gadamer (Wahrheit und Methode, Tübingen, 6. Aufl. 1990, 317—346) macht deutlich, dass die ästhetisch-sittliche Urteilskraft, das sittliche Erkennen (phrónesis), und die reflektierend-theoretische Urteilskraft als geisteswissenschaftliche und politisch-soziale Erkenntnis (dóxa) nicht nur bei Kant, sondern auch in der Tradition seit Aristoteles eine gemeinsame Struktur aufweisen – als „Anwendung von etwas Allgemeinem auf eine konkrete und besondere Situation“ (1990, 317). Gadamer (1990, 9—47) rekonstruiert diese Tradition und Lebenshaltung als Vorbedingung von Geisteswissenschaften, Recht und Ethik.

Zu einem ähnlichen Gesamtresultat gelangt Daniel Dumouchel (Kant et la Genèse de la Subjectivité Esthétique, Paris 1999). Dumouchels These zur kantischen Ästhetik als bereits vorkritischem Lehrstück macht diese ungebrochene Kontinuität noch deutlicher. Dumouchel zeigt, wie hier Schönheit mit dem Guten und dem Wahren zusammenhängt und dem sensus communis als Einheit und Harmonie der oberen Erkenntniskräfte zugeordnet ist. Dieser als subjektives reflektierendes ästhetisches Ideal orientiert sich an der Schönheit der organischen Natur. Diese ästhetische (Wahrnehmungs-)Schönheit ist das Symbol der Synthese von Gut (teleologisch) und Wahr (logisch) in der Sinnlichkeit. Sowohl die intersubjektive Gültigkeit des ästhetischen Geschmacks als auch die objektive teleologische Schönheit der Natur sind fundiert im unbewussten übersinnlichen Substrat der Menschheit bzw. der Phänomene. Das Interesse der praktischen Vernunft an der objektiven Realität der praktischen Ideen hängt in dieser Weise mit der ästhetischen (Wahrnehmungs-)Schönheit zusammen, dass Letztere Erstere zur Evidenz bringt. Hjördis Nerheim (Zur kritischen Funktion ästhetischer Rationalität in Kants Kritik der Urteilskraft, [dt.] Frankfurt a. M./Berlin 2001) argumentiert hier sogar mit guten Gründen für die These, dass die ästhetische Erfahrung bzw. das ästhetische Urteil uns überhaupt erst mit der ganzen Realität und der „authentischen Lebenswirklichkeit“ (10) in Fühlung bringen und eine „conditio qua non aller Weltorientierung“ sind (12—13). Die Ästhetik ist — so Nerheim — eine Katharsis gegen den Weltverlust, die Unfreiheit und Schizophrenie „der einheitswissenschaftlich-positivistischen Haltung“ (17). In der ästhetischen Erfahrung zeigt sich die „ganz fundamentale Tiefenstruktur menschlicher Weltorientierung“, welche „Voraussetzung alles rein kategorialen [begrifflichen, rationalen] Wissens“ und der „diskursiven Sprache“ ist. Sie verkörpert die „neun Zehntel unseres epistemologischen ‚Eisbergs‘ ..., die sich unter der Meeresoberfläche [der reinen Verstandesrationalität] befinden“ (16). Die ästhetische Wahrnehmung ist somit reale Erscheinung der umgreifenden Totalität des Daseins, die unser Sein und Denken im Ganzen bedingt. Diese Totalität wird über das Gefühl, nicht in einer symbolisch-indirekten Sprache mitgeteilt (21—22). Deswegen besteht das „Paradox ... einer unmittelbaren Zusammengehörigkeit ästhetischer Sensibilität zur Vernunft“ als dem kognitiven Instrument für die Totalität der Erfahrung und die Transzendenz (22). Vgl. ausführlicher Natterer: Philosophie der Transzendez,, Norderstedt 2011, Kap. 18, 203—216.

Bewertung der Metaphysik des Gewissens

Eine bekannte und zustimmende Rezeption erfuhr Newmans Grammar in Josef Schmucker: Die primären Quellen des Gottesglaubens, Freiburg/Basel/Wien 1967. Dieser erörtert auch vier Einwände zu diesem gewissensbasierten Ansatz der Religionsphilosophie. Ein erster Einwand ist, dass diese Sicht nicht allgemein anerkannt sei. Diesem begegnet Schmucker mit dem Hinweis, dass das bei allen wichtigen Einsichten der Fall sei, aber die Bewertung des Gewissens als eigenständige moralische Autorität doch die vorherrschende Meinung sei. Dass also die Versuche einer inhaltlichen Reduktion des Gewissensauf nützliche (utilitaristische) und ästhetische Kategorien, oder der Reduktion seines Verpflichtungscharakters auf psychoanalytische Zwänge oder soziobiologische Anlagen nicht wirklich den allgemeinen Konsens in Frage stellen können (1967, 198). Letztere Aussage muss wohl differenzierter gesehen werden, soweit Teile der veröffentlichten Meinung bzw. des Zeitgeistes betroffen sind und Newman hat dies selbst sehr scharf gesehen [„Das Gewissen wird nicht länger als ein unabhängiger Schiedsrichter der Handlungen anerkannt, seine Autorität wird wegerklärt [...] Wissen Sie, daß unsere ernstesten Denker, soweit sie sich eine Meinung zu bilden wagen, den Geist des Liberalismus als das Kennzeichen des kommenden Antichrist zu betrachten pflegen? [...] Der Antichrist wird als ‚der Gesetzlose‘ beschrieben (2 Thess. 2, 3), der sich über die Bildung der Religion und des Gesetzes erhebt. Der Geist der Gesetzlosigkeit kam mit der Reformation, und der Liberalismus ist dessen Sproß [...] Liberalismus im Religiösen ist die Lehre daß es keine bestimmte Wahrheit im Religiösen gebe, sondern daß ein Bekenntnis so gut wie das andere sei [...] All diese Zeit über dachte ich, es werde eine Periode weitbreiteten Unglaubens kommen; und all diese Jahre hindurch sind tatsächlich die Wasser wie eine Sintflut gestiegen. Ich sehe nach meinem Leben die Zeit kommen, wo nur noch die Spitzen der Berge, Inseln gleich, in der Wasserwüste sichtbar sein werden [...] daß große Umwälzungen kommen werden, so daß die Menschen an den Atheismus glauben, bevor sie die christliche Offenbarung entdeckt haben. Ich glaube, jene abstoßenden Vorstellungen gegen alles Übernatürliche und Heilige sind ebenso wirklich Krankheiten der Seele, wie körperliche Beschwerden Krankheiten sind; und sie schleichen sich ein und werden ansteckend durch Berührung, durch Umgang [...] Möge Gott uns alle vor dieser schrecklichen Täuschung der letzten Tage bewahren!“ (John Henry Newman. Auswahl und Einleitung von Walter Lipgens, Frankfurt a. M. / Hamburg 1958, 164—171)]

Ein nächster Einwand richtet sich gegen Newmans unmittelbare religiöse Deutung des Gewissens. Demgegenüber betonen Kants Ethik und auch die materiale Wertethik Hartmanns wie auch einige Scholastiker (Vásquez, Mercier), dass der Sollens-Charakter, die Verbindlichkeit des Gewissens das innerste Wesenswollen des personalen Seins ausdrückt. Auch Schmucker teilt diesen Einwand, verbindet aber Kants und Newmans Ansätze in einer vereinheitlichten Theorie: Die Autonomie der praktischen Vernunft ist kein willkürliches, selbstherrliches Wesenswollen im Sinne Sartres, sondern ihr ist als ein Faktum der Vernunft die vernünftige Ordnung des Seins und der Werte bindend vorgegeben. Dieses Faktum zeigt die mittelbare Abhängigkeit der Autonomie der praktischen Vernunft von einem „absoluten, transzendent-personalen Willen“ als „totale Bindung der Freiheit als Freiheit“ (1967, 201). Newmans Untersuchung lege den Schwerpunkt genau auf diese ultimative Begründung der Moral, in einem personalen Verantwortungsbewusstsein, einem transzendenten, absoluten sittlichen Gesetzgeber und Richter gegenüber — über und vor der Verletzung der Rechte anderer Menschen oder der Gemeinschaft. Sie erkläre so die einzigartige Tiefe und Stärke der Gefühle der Schuld, Furcht, Reue, Beschämung, inneren Sicherheit, Geborgenheit und Helle im Zusammenhang des befehlenden und richtenden Gewissens (1967, 201).

Ein dritter Einwand erblickt in Newmans Gedankengang einen Beweiszirkel, da er den religiös unterrichteten und sozialisierten Menschen in der prophetischen abrahamitischen Religion voraussetzt und den transzendent-personalen Bezug des Gewissens näherhin aus dem Gottesbild der christlichen Offenbarung ableite (vgl. Schmucker 1967, 203—204). Schmucker wehrt diesen Einwand damit ab, dass Newman lediglich von einer apriorischen religiösen Anlage spreche, die eine biographische, aposteriorische Anregung und Entfaltung benötige. Die Erfahrung zeige ferner, dass das Gewissensphänonomen und das hierin aufscheinende Gottesbild verhältnismäßig unabhängig von der besonderen Religiösität des prophetischen Offenbarungsglauben ist (1967, 204).

Ein vierter Einwand Schmuckers lautet, dass keine wirkliche Entsprechung zwischen Wahrnehmung und Kognition einerseits und Ethik, Gewissen andererseits vorliege, wie von der Newman’schen Theorie vorausgesetzt. Denn: Das Gewissen sei kein rezeptives Organ oder Sensorium, sondern die eigene praktische Vernunft (1967, 207—208). Dies betrifft jedoch die erkenntnis- und handlungstheoretische Einordnung, nicht das ultimative sachliche Resultat (siehe Einwand 2).

PS: Das Menu 'Religionspsychologie' kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden: Newman Grammar